Kabarett in Bonn

So war René Sydows Auftritt im Pantheon

Gewusst wie: René Sydow im Pantheon.

Gewusst wie: René Sydow im Pantheon.

Bonn. René Sydow erzählt im Pantheon von der „Bürde des weisen Mannes“. Er versteht es wie kein Zweiter, Probleme der Gesellschaft zu analysieren und zu benennen.

Der Mensch braucht den Teufel nicht, um sich selbst zugrunde zu richten. Das schafft er auch ganz alleine. Auf dem Altar des Konsums opfert er bereitwillig all seine persönlichen Daten, kehrt sein Innerstes nach außen und unterschreibt für einen kleinen Kaufrausch nur zu gerne sein Einverständnis zu einer Ausbeutung des freien Willens. Braucht man eh nicht, wenn Algorithmen ohnehin alles besser wissen und das Internet der Dinge alle Bedürfnisse befriedigt.

Unmündigkeit ist Fortschritt, so das neue Mantra, das von der kollektiven Herde genüsslich wiedergekäut wird, vorgebetet von vermeintlichen Experten, die doch nur die Schafe mit den lautesten Stimmen sind. Wenn dann ein Kabarettist wie René Sydow an diesem Ausverkauf der Ideale der Aufklärung verzweifelt und sogar den Leibhaftigen um eine Erklärung bittet, tja, dann kann man ihm auch nicht mehr helfen. Zuhören jedoch schon. Denn schärfer und zugleich tiefgründiger als der 39-Jährige sind derzeit nur wenige auf deutschen Bühnen.

Jetzt war Sydow mit seinem aktuellen Programm „Die Bürde des weisen Mannes“ im Pantheon zu Gast. Einfach macht es Sydow seinem Publikum nicht: Gerne kehrt er den Intellektuellen hervor, inszeniert sich als Gegenpol zu der Mainstreamunterhaltung auf Grasbodenniveau, die in den gängigen Privatsendern F-Promis ihrer Selbstachtung beraubt und das alles damit begründet, dass man die Leute ja da abholen müsse, wo sie stehen.

Diesem Zynismus der Fernsehmacher schleudert Sydow ein entschiedenes „Nein“ entgegen. Weg mit der Verdummungsmaschinerie, die nur ebenso stumme wie willfährige Opfer vorführt. Eine gute Forderung. Nur verfällt Sydow leider immer wieder in vergleichbare Muster, wenn er all die Gestalten öffentlich verlacht, ob sie nun Boris Becker heißen, Bibi Heinicke oder Chris Tall.

Andererseits versteht es Sydow wie kein Zweiter, die eigentlichen Probleme der Gesellschaft zu analysieren und zu benennen. Rhetorisch brillant kritisiert er Leistungsdenken und Erfolgswahn, differenziert zwischen Wissen und Bildung, will dem Fortschritt nicht länger hinterherlaufen, sondern ihm lieber einen Schritt voraus sein und fordert das Publikum auf, die Welt zu begreifen, statt sie nur andauernd zu fotografieren. Dabei schlüpft er mitunter auch in andere Rollen, wird etwa zu einem windigen Homo Digitalis – oder eben zu jenem Geist, der stets verneint.

Als Mephisto ist Sydow wahrlich eine Offenbarung. Vor allem, da jener mit eiskalter Logik alle Schuld von sich weisen kann. Das Böse an sich, dafür ist er nicht mehr zuständig.

Dafür hat der Mensch immerhin Systeme, wahlweise Diktaturen oder das Konsumstreben, die den Bürgern einen Weg vorgeben und alle Alternativen ausschließen. „Eine böse Tat ist oft nur das Scheitern einer besseren Möglichkeit“, sagt Sydows Satan dazu. Er selbst reibt sich derweil die Hände und scheffelt als Kleinunternehmer mit ausgeprägten Kenntnissen der Finanzsysteme Millionen. Gewusst wie. Denn ganz raus ist auch der Teufel nicht. Nur steckt er inzwischen wirklich nur noch im Detail. Alles andere übernimmt der Mensch schon selbst.