Nachruf auf Margarethe Jochimsen

Sie rettete das Macke Haus

Da geht's lang: Margarethe Jochimsen 1995 vor einem Bild von Hans Thuar im Macke Haus.

Da geht's lang: Margarethe Jochimsen 1995 vor einem Bild von Hans Thuar im Macke Haus.

Bonn. Trauer um Margarethe Jochimsen: Die langjährige Leiterin des Bonner Kunstvereins und Gründungsdirektorin des August Macke Hauses ist im Alter von 85 Jahren gestorben. Mit einer Gruppe Bonner Bürger rettete sie das Macke Haus in den 1980er Jahren vor der Spitzhacke.

Er sagte: „Ich glaube, Sie sind ein anstrengender Mensch“ und meinte das durchaus anerkennend. Sie erwiderte beherzt: „Wenn man etwas durchsetzen will, stellt sich die Frage der Bescheidenheit nicht“ und legte mit ihrem Lebensmotto nach: „Nicht warten, sondern anpacken.“ Das waren zwei starke Persönlichkeiten, die da Ende Januar 2004 an einem historischen Ort, in August Mackes Atelier im Macke Haus, aufeinandertrafen: die ehemalige Direktorin der Institution, Margarethe Jochimsen, und der damalige NRW-Ministerpräsident Peer Steinbrück. Der Anlass war die Übergabe des durch Bundespräsident Johannes Rau 2002 verliehenen Bundesverdienstkreuzes erster Klasse an Jochimsen.

Hier schloss sich ein Kreis, hatte Rau doch 1991 das August Macke Haus eröffnet und damit den Grundstein zu einer Erfolgsgeschichte gelegt, die Margarethe Jochimsen federführend geschrieben hat. Steinbrück skizzierte 2004 diesen Prozess, feierte Jochimsen als Kunstexpertin und engagierte Bürgerin der Stadt, lobte sie in unnachahmlicher Weise für ihre Standhaftigkeit bei der Verteidigung ihres Kunstbegriffs, der „jenseits der Fünf-Minuten-Terrine des schlechten Geschmacks liegt, den uns heute Seifenopern servieren“.

Am vergangenen Donnerstag ist die viel gelobte Margarethe Jo-chimsen, die Wissenschaftlerin und Publizistin, die unermüdliche Kulturaktivistin, die ehemalige Direktorin des Bonner Kunstvereins und Gründungsdirektorin des August Macke Hause im Alter von 85 Jahren in ihrer Heimatstadt Freiburg gestorben.

Den Bonnern wird sie durch ihr Engagement für die Kunst in der Stadt, aber auch für die Rettung des bedrohten August Macke Hauses, dessen Ausbau zum Künstlermuseum und eine lange Reihe exzellenter Ausstellungen in Erinnerung bleiben, die mit attraktiven Exponaten und wissenschaftlichem Tiefgang August Mackes Leben und Werk sowie die Kunst der Rheinischen Expressionisten vorbildlich präsentierten.

Die Affinität zur Kunst brach sich schon bald im Leben der am 14. August 1931 geborenen Margarethe Jochimsen Bahn. Zwar begann ihre akademische Karriere mit einem Studium der Staats- und Wirtschaftswissenschaften – Promotion in Freiburg –, doch bereits 1963 war sie Mitglied der Kunstkommission des Freiburger Kunstvereins. Da war sie schon mit Reimut Jo-chimsen verheiratet, der später Wissenschaftsminister und Wirtschaftsminister in NRW wurde. Margarethe Jochimsen schrieb Kunstkritiken, kuratierte Ausstellungen und begann ein Studium der Kunstgeschichte in Kiel, das sie 1976 in Bonn fortführte. 1978 bis 1986 war sie Direktorin des Bonner Kunstvereins, 1981 bis 1996 dessen erste Vorsitzende. In der Eigenschaft hat sie die ungemein aktive Arbeitsgemeinschaft „Mehr Kunst für Bonn“ gegründet.

Ganzseitiger Appell im General-Anzeiger

Beharrlich setzte sich Jochimsen seit Mitte der 80er Jahre für die Rettung des maroden Macke Hauses ein, dem zeitweilig die Spitzhacke drohte. Mit einem guten Dutzend Bonner Bürger gründete sie den Verein August Macke Haus. „Macke Haus muss Gedenkstätte werden“, mit diesem flammenden Appell füllte Jochimsem im Oktober 1988 eine Seite im Feuilleton des General-Anzeigers. Der Rest ist Geschichte. Das ehemalige Wohnhaus wurde zum Museum, zur Forschungsinstitution, die sich mit der Universität Bonn vernetzte.

Vernetzung, Kommunikation und politisches Denken waren essenzielle Begriffe in Margarethe Jochimsens Arbeit. Vernetzung und Kommunikation praktizierte sie mit vielen jungen Wissenschaftlern, die in ihrem Macke Haus als Kuratoren tätig waren, mit dem Publikum, das sie an Macke & Co. heranführte. Politisches Denken setzte immer dann ein, wenn sie Ungerechtigkeit, Schieflagen verspürte – da konnte sie laut und vehement werden. Das war beim Thema Rettung des Macke Hauses nicht anders, als wenn es darum ging, um „Mehr Kunst für Bonn“ zu kämpfen oder um die Rechte von Frauen in der Kunstszene. Bei einer Runde im Kunstverein mit ihren Nachfolgerinnen im Direktorenamt, Annelie Pohlen und Christina Végh, Mitte 2013 hatte sie etwa mit feministischer Verve zur Wachsamkeit gemahnt.

Als sich Margarethe Jochimsen 2003 vom Direktoren- und Vorstandsamt des Macke Hauses verabschiedete und an Klara Drenker-Nagels übergab, sinnierte sie: „Ich gehe jedenfalls in eine spürbar entspanntere Zeit, in der ich mich neu erfinden werde.“ Sie tat es, hat drei Bücher geschrieben. Ob sie, wie sie damals schmunzelnd ins Auge fasste, eine Klimt-Villa samt Atelier in Wien vor der Spitzhacke retten konnte, ist nicht überliefert.