Marina Abramovic in der Bundeskunsthalle

Das Vermächtnis der Künstlerin

Bonn. Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert mit einer großen Retrospektive das Lebenswerk von Marina Abramovic. Zu erleben gibt es Werke aus 50 Jahren.

Marina Abramovic sieht fantastisch aus. Gemeinsam mit Ulay, ihrem früheren Partner und künstlerischen Wegbegleiter, ist sie zum Pressegespräch und Rundgang durch ihre Ausstellung in der Bundeskunsthalle erschienen. „The Cleaner“ zeigt in einer großen Retrospektive Werke aus den vergangenen 50 Jahren der heute 71-jährigen Performance-Künstlerin.

Das Reinigen, sagt Marina Abramovic Bezug nehmend auf den Ausstellungstitel, sei immer wichtig gewesen in ihrem Leben, im Sinne eines Zurückblickens auf Vergangenes. In der symbolischen Säuberung, die bei ihr auch immer eine starke physische Komponente hat, liegt die erhoffte Katharsis. Marina Abramovic gehört mit Sicherheit zu den sehr wenigen Künstlerpersönlichkeiten, die die immaterielle Kunstform der Performance entscheidend geprägt und vorangebracht haben. Ein Problem, wenn man es denn so sehen will, ist dabei auch immer die Frage, wie die immanente Flüchtigkeit einer Performance für ein späteres Publikum festgehalten werden kann.

Eine Museumsausstellung kann sich dem Werk also nur annähern, aber das ist im Fall von „The Cleaner“ wunderbar gelungen. Eine Form der Annäherung sind gewiss Fotos, etwa von der legendären Performance „The artist is present“ 2010 im Museum of Modern Art, als Abramovic während der Öffnungszeiten 736 Stunden reglos auf einem Stuhl saß und während dieser Zeit mit insgesamt 1675 Personen Blickkontakt hatte. Oder von der schaurigen Performance „Balkan Baroque“, wo sie während der Biennale in Venedig 1997 blutige Rinderknochen schrubbte.

Grenzerfahrung einer jungen Künstlerin

Dann gibt es Objekte, wie die 72 Dinge, die 1974 während der sechsstündigen Performance „Rhythm 0“ auf einem Tisch für die Zuschauer zur freien Verwendung am willenlosen Körper von Abramovic bereit lagen. Es war eine Grenzerfahrung für die junge Künstlerin, zu erleben, wie die Zuschauer nach anfänglicher Zurückhaltung mehr und mehr ihre Hemmungen im Umgang mit einem Körper, der sich nicht wehrt, verloren.

An die eigenen physischen und psychischen Grenzen zu kommen, sie zu überschreiten und das Publikum zum Bestandteil dieses Erlebens zu machen, das charakterisiert das Lebenswerk von Abramovic. Das geschah zunächst gemeinsam mit dem Künstler Ulay, wie in einem Video von 1977 zu sehen, als sich die beiden während einer Performance auf der Kölner Kunstmesse gegenübersitzen und 20 Minuten lang abwechselnd ohrfeigen.

Re-Performances live erleben

1988 endet diese bisweilen turbulente private und künstlerische Beziehung, als das Paar sich von den entgegengesetzten Enden der Chinesischen Mauer auf eine Wanderung macht. Nach 90 Tagen treffen sie aufeinander, um fortan getrennte Wege zu gehen.

Inzwischen hat die Versöhnung der beiden längst stattgefunden. Heute, sagt Marina Abramovic, gebe es „nur noch Liebe“ zwischen ihnen. Neben Fotografien, Zeichnungen, frühen Gemälden, Objekten und Videos gibt es in der Ausstellung aber auch etliche eindrückliche Re-Performances live zu erleben, insbesondere am Eröffnungswochenende.

Achtsamkeitsübungen auf großem Tisch

Diese neuerlichen Aufführungen mit Performern, die in ihrem Sinne trainiert worden sind, seien für sie ungeheuer wichtig, sagt die Künstlerin: „Das ist mein Vermächtnis.“ Darüber hinaus kann der Besucher aber auch selbst an einigen Stellen aktiv, oder vielmehr kontemplativ werden. Wer möchte, darf an einem großen Tisch in einer Achtsamkeitsübung Reis und Linsen sortieren und zählen. Oder man kann sich zu zweit gegenübersitzen, anschauen und Energien austauschen – so lange man möchte oder bis das Museum schließt.

Bundeskunsthalle, Friedrich-Ebert-Allee 4, bis 12. August; Di und Mi 10-21, Do-So 10-19, feiertags 10-19 Uhr, Katalog Hatje Cantz 32 Euro im Museum. Diverse Re-Performances in der Ausstellung am 20., 21. und 22. April. Die Re-Performance „House with the ocean view“ wird vom 12. bis 24. Juni gezeigt.