Neue Biografie von Jacques Brel

Ausbruch und Aufbruch

„Es ist nicht wichtig zu leben, es ist sinnlos“: Jacques Brel in nachdenklicher Pose.

„Es ist nicht wichtig zu leben, es ist sinnlos“: Jacques Brel in nachdenklicher Pose.

Bonn. Jens Rosteck erzählt das Leben des belgischen Chansonstars Jacques Brel. Rosteck macht keinen Hehl aus Brels Schwächen, seiner Bindungsunfähigkeit, den zahlreichen Affären und den Anfällen von Misogynie.

Große Sänger, die zugleich große Dichter sind, gehen nie so ganz. Lange nach ihrem Tod sind ihre Lieder immer noch lebendig, die Menschen singen sie in den Straßen. Niemand hat das schöner ausgedrückt als der französische Chansonnier Charles Trenet. In seinem Lied „L'Âme des poètes“ heißt es: „Longtemps, longtemps, longtemps / Après que les poètes ont disparu / Leurs chansons courent encore dans les rues.“ Es folgt ein irritierender Gedanke. Die Menschen haben den Namen des Sängers und Autors längst vergessen, dessen Lieder ihr Herz berühren: „La foule les chante un peu distraite / En ignorant le nom de l'auteur / Sans savoir pour qui battait leur cœur.“

Das muss nicht so sein. Es gibt Unvergessene, Unsterbliche wie Trenet, wie Edith Piaf und Jacques Brel (1929-1979). Brels Alben sind nach wie vor populär, junge Musiker adaptieren seine Lieder, und das Interesse am kurzen Leben des Sängers und Schauspielers hat nicht nachgelassen.

Der deutsche Autor Jens Rosteck, der bereits mit einer Biografie von Edith Piaf hervorgetreten ist, erzählt in seinem Buch „Brel. Der Mann, der eine Insel war“ von einem Sänger, der extreme Emotionen entfesseln konnte („Orkan Brel“), der aber zugleich ein Getriebener war, ein Unruhegeist: „Nichts fürchtete er mehr als Langeweile, Monotonie, geistige Unbeweglichkeit, Sesshaftigkeit.“ Konsequenterweise beendete er seine Bühnenkarriere schon 1967. Was danach in Brels Existenzprogramm folgte: Filme machen, reisen, fliegen, segeln, fliehen.

Glück auf Erden erlebte Brel nur selten, auch nicht mit Frau Thérèse und den Töchtern Chantal, France und Isabelle, die er kühl vernachlässigte. Erst auf der im südöstlichen Pazifik gelegenen Insel Hiva Oa genoss er ab Mitte der 1970er Jahre in der Gesellschaft von Hélène Bamy, genannt Maddly, das Leben. Am 9. Oktober 1978 starb er im Alter von 49 Jahren an Herzversagen als Folge einer Lungenembolie.

Der in Brüssel geborene Brel musste einen langen Weg zum Künstlergipfel zurücklegen; den Erfolg fand er erst in Frankreich. Rosteck schreibt von entbehrungsreichen Hungerjahren und Hundejahren. Auftritte fielen Brel nicht leicht, stets musste er sich vor Konzerten übergeben. Er verehrte Schubert und Ravel und fand in dem Komponisten und Pianisten Gérard Jouannest einen kongenialen Partner.

Rosteck ist ein ausgewiesener Musikkenner und versteht es, die Qualitäten von Chansons wie „Les Désespérés“ und „Les Biches“ herauszuarbeiten. „Amsterdam“ widmet er mehrere Seiten. 1964 konfrontierte Brel im Pariser Olympia das Publikum mit dem Lied. Brel, schildert Rosteck, „lebt dieses Lied mit jeder Faser seines Seins; sein Leib verwandelt sich binnen dreier Minuten in diesen schäbigen Hafen der Wollust und der Trunkenheit, in einen Abgrund der Liebessehnsucht und des Schmutzes, der Triebe und des Gestanks“.

Immer wieder ließ Brel seinem Hass gegen alles Dumpfe, Engstirnige, Reaktionäre und Neofaschistische freien Lauf, schreibt Rosteck. Sein neben „Amsterdam“ berühmtestes Chanson, „Ne me quitte pas“, ist ganz und gar unpolitisch. Man kann es als pathetisches, zu Herzen gehendes Liebes- und Abschiedslied hören. Doch genauer betrachtet, bettelt und winselt hier ein Mann, er demütigt und erniedrigt sich. Selbstmitleid, Narzissmus und Masochismus sind der Stoff, aus dem „Ne me quitte pas“ entstanden ist. Der hündischen Ergebenheit des lyrischen Ichs konnte Edith Piaf nichts abgewinnen, erinnert sich Jens Rosteck: „So etwas solle, ja so etwas dürfe ein Mann gar nicht singen!“

Brel blieb auch nach 1967 künstlerisch aktiv, zum Beispiel als Schauspieler und Regisseur. „L'Emmerdeur“ (deutsch: „Die Filzlaus“) macht auch heute noch viel Spaß. Neben Lino Ventura verkörpert Brel eine Nervensäge mit suizidären Tendenzen.

Rosteck macht keinen Hehl aus Brels Schwächen, seiner Bindungsunfähigkeit, den zahlreichen Affären und den Anfällen von Misogynie: „Brel erlebte die Frau verallgemeinernd als Bremse männlichen Tatendrangs.“ Zum Ende seines Lebens beschäftigte sich der Sänger, der 1974 erstmals wegen einer Krebserkrankung in Brüssel operiert wurde, intensiv mit Einsamkeit und Tod. Der Tod war seit jeher ein Leitmotiv seines Werkes.

Als er 1978 nach Paris zurückkehrte, um sich einer Chemotherapie zu unterziehen, jagten ihn die Paparazzi. Er wolle zwischen Frauen und Flaschen sterben („Entre le cul des filles et le cul des bouteilles“), hatte Brel in „Mourir pour mourir“ gesungen. Sein Wunsch wurde nicht erhört. Der Sänger starb in einem anonymen Krankenzimmer im Hôpital Franco-Musulman im Pariser Nordosten.

Jens Rosteck: Brel. Der Mann, der eine Insel war. Mare, 240 S. mit Abbildungen, 24 Euro.