Kommentar

Die Nato und ihr Afghanistan-Abzugsplan: 2014 - und dann?

Frieden gibt es nicht nach dem Kalender. Sicherheit gibt es nicht, weil ein neues Jahr beginnt. Und Wohlstand bricht auch nicht aus, wenn ein bestimmtes Datum erreicht ist.

Weil das so ist, wird Afghanistan am 1. Januar 2015, wenn die Nato nach eigenem Plan all ihre Kampftruppen vom Hindukusch abgezogen haben will, kein sichereres Land als heute sein.

In Afghanistan ist vieles relativ. Das gilt für staatliche Strukturen, für den Kampf gegen Korruption und Drogenanbau, für Justiz und Polizei, die von Distrikt zu Distrikt unterschiedlich und allzu oft nach Art eines Wackelkontaktes funktionieren: Manchmal geht es, und manchmal eben nicht.

Das von den Staats- und Regierungschef der Nato-Staaten bei ihrem Gipfel im November 2010 in Lissabon benannte Abzugsdatum 31. Dezember 2014 ist vor allem eines: eine politische Zielmarke. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrer Ein-Tages-Visite in dem von Deutschland geführten Nordsektor den Abzugsplan bis 2014 noch einmal bekräftigt. Doch die tatsächliche Lage kann den Plan, allen Absichtserklärungen zum Trotz, zu Altpapier machen. Die Kanzlerin weiß selbst: Die Lage ist mehr als fragil. Viele Truppenstellernationen dürfen sich schon jetzt darauf einstellen, dass die Nato auch nach 2014 noch über Jahre mit Soldaten am Hindukusch stehen wird.

Afghanistan, zwei Mal so groß wie die Bundesrepublik Deutschland, ist in jeder Hinsicht ein weites Feld. Ein fremdes Land mit fremder, ja, archaischer Stammeskultur, auf das keine westliche Blaupause zur Demokratisierung passt. Nach anfänglicher Skepsis haben das alle Akteure, vor allem die nicht-afghanischen, verstanden. Jetzt heißt die Devise: Übergabe in Verantwortung. Die Afghanen sollen Schritt für Schritt sichern, was bislang die ISAF mit immensem Einsatz an Personal, Gerät und Geld gesichert hat. Ob das klappt, ist ein Experiment mit offenem Ausgang.

Was kommt, wenn die Nato abzieht? Viele Afghanen befürchten die Rückkehr der radikal-islamischen Taliban, die vor dem Eingreifen des Westens ein menschenverachtendes Steinzeitregime errichtet hatten. Frieden für die Afghanen wird es nicht ohne Einbindung der (gemäßigten) Taliban geben. Der Prozess der Aussöhnung mit ihnen läuft, wenn auch schleppend. Für die Religionskrieger kommen blutige Exzesse wie der jüngste Amoklauf eines US-Soldaten in Kandahar mit 16 Toten wie bestellt. Die schnelle Solidarisierung eines Teils der einfachen Bevölkerung ist ihnen in solchen Fällen sicher.

Es gibt in einem Land wie Afghanistan keine einfachen Lösungen. Übergabe in Verantwortung? Irgendwie muss man das Kind ja nennen, wenn man lieber heute als morgen raus will. 2015, 2020 oder 2025? Am Ende müssen es die Afghanen selbst richten. Niemand weiß, ob sie es schaffen.

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