Kommentar

Frankreich vor der Wahl - Belasteter Neustart

Nicolas Sarkozy kämpfte mit Zähnen und Klauen, gewonnen hat er nicht. Das aggressiv geführte TV-Duell gegen seinen Herausforderer François Hollande kann der französische Präsident bestenfalls als Remis verbuchen. Der erhoffte große Befreiungsschlag im Kampf um den Elysée-Palast ist Sarkozy misslungen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel muss sich mit dem Gedanken anfreunden, dass sie es in Paris mit einem neuen Partner zu tun bekommt. "Merkozy", das ungewöhnliche Gespann Merkel/Sarkozy, ist höchstwahrscheinlich Geschichte. Zwischen Kanzleramt und Elysée steht ein Neubeginn an, aber "Merkollande" startet mit großem Ballast.

Dafür trägt auch die Kanzlerin Verantwortung, die im französischen Wahlkampf einseitig zugunsten Sarkozys Partei ergriff und Hollande sogar die persönliche Begegnung verweigerte. Im Sinne der Loyalität zu Sarkozy, mit dem sie eine schwierige europäische Wegstrecke zurücklegte, verständlich. Aber klug war diese Einmischung nicht, die nun die Beziehung zu Frankreichs Staatschef in spe unnötig kompliziert.

Schwierig wird der Neustart auch deshalb, weil Hollande selbst rätselhaft bleibt. Selbst die Franzosen, die ihn lange als kaum greifbaren "Wackelpudding" verspotteten, rätseln, was sie erwartet. Seine Wahlversprechen jedenfalls - staatliche Konjunkturprogramme, Neuverhandlung des Euro-Fiskalpakts, weiterer Stellenaufbau im aufgeblähten französischen Staatsapparat - laufen konträr zum deutschen Austeritätskurs.

Auf 20 Milliarden Euro Kosten beziffert der Herausforderer sein Programm der freigiebigen Hand. Die Euro-Stabilitätsziele sind für den Sozialisten offenbar zweitrangig. "Le modèle allemand", das deutsche Modell, war im gallischen Wahlkampf zwar allgegenwärtig. Zu überzeugen vermochte es offenbar nicht.

Die Statik des deutsch-französischen Verhältnisses droht in prekäre Schieflage zu geraten. Zentrale wirtschaftliche Kennziffern beider Staaten weisen in ungesunder Weise in gegensätzliche Richtungen: Arbeitslosenquote, Staatsverschuldung, Handelsbilanz, Lohnstückkosten. Unter Hollande droht Frankreich, immer noch die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, weiter in Richtung der südeuropäischen Krisenstaaten zu driften. Im deutschen Interesse ist das nicht.

"Ich bin überzeugt, dass der wichtigste Schlüssel für eine glückliche Zukunft unseres Volkes in Paris liegt...", formulierte Helmut Schmidt 1990. Heute würde man diesen Satz weniger pathetisch formulieren. Wahr bleibt er trotzdem. Das gilt aus Pariser Sicht jedoch nicht minder. Dass Merkel und Hollande sich trotz ihrer belasteten Vorgeschichte zusammenraufen, ist nicht ausgeschlossen - einfach weil sie es im Interesse ihrer Länder müssen.