Kommentar zum Bahnstreik

Augenmaß

Ratlosigkeit bei vielen Reisenden: Im Bonner Hauptbahnhof bildet sich eine lange Warteschlange vor dem Informationsschalter der Bahn.

Ratlosigkeit bei vielen Reisenden: Im Bonner Hauptbahnhof bildet sich eine lange Warteschlange vor dem Informationsschalter der Bahn.

Bonn. Kalt erwischt hat der Bahnstreik die Pendler. Bundesweite Einstellung des Fernverkehrs, erhebliche Störungen im Regionalverkehr, und das an einem Montagmorgen, in einem verkehrsreichen Monat – brutaler geht es kaum.

Aber auch für den Konzern kam diese Arbeitsniederlegung zur Unzeit. Ob Unpünktlichkeit, Personalprobleme, Engpässe im Netz oder technische Mängel an Zügen: Die Bahn hat momentan viele Baustellen zu bewältigen. Das Image ist beschädigt, noch dazu in einer Zeit, in der sich die Bahn gut als umweltfreundliche Alternative zum Auto präsentieren könnte.

Gewiss: Gewerkschaften müssen auf all das keine Rücksicht nehmen, wenn sie zu einem Warnstreik aufrufen. Das ist ihr gutes Recht, zumal die Tarifverhandlungen festgefahren sind. Ob deshalb gleich der ganze Fernverkehr lahmgelegt werden muss, steht freilich auf einem anderen Blatt. Diese kurze, aber heftige Arbeitsniederlegung sollte reichen. Die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG muss zurück an den Verhandlungstisch, und dort ist Augenmaß gefragt. Auf beiden Seiten.

Sollte die EVG doch noch auf die Idee kommen, im  Weihnachtsverkehr zu streiken, würde das die Kunden erneut in hohem Maße frustrieren. Zeigt dagegen die Bahn kein Entgegenkommen, sind die Mitarbeiter frustriert. Will die Bahn besser werden will, braucht sie motiviertes Personal und darüber hinaus gute, flexible Arbeitsbedingungen, um für neue Mitarbeiter attraktiv zu sein. Denn der Personalmangel wird sich in den kommenden Jahren allein aus demografischen Gründen verschärfen.