Kommentar

Auf leisen Sohlen

Wladimir Putin hat alle übertölpelt. Der fast unblutige Blitzkrieg, mit dem Russlands Staatschef im März die ukrainische Krim wieder an Russland anschloss, verdutzte selbst die USA.

Es folgten die prorussischen Unruhen in der Ostukraine, die sich als von russischen Geheimdienstprofis organisierte Rebellion entpuppten und langsam aber sicher zum regelrechten Krieg ausgeartet sind. Wieder schaute der Westen monatelang ratlos zu.

Putin trampelt mit leisen Sohlen auf Tabus herum, verschiebt europäische Grenzen, praktiziert dabei neue hybride militärpolitische Taktiken. Die Weltöffentlichkeit rätselt, welche Ziele und Motive dahinterstecken.

Putins Machtbereich expandierte mit jeder Amtszeit mehr. Erst befriedete er das rebellische Tschetschenien, profilierte sich dabei vor heimischem Publikum als starker Mann. Danach schaltete er quertreibende TV-Sender, Oligarchen und Parteien gleich oder aus. Er konzentrierte die Rohstoffreserven des Landes in riesigen Staatskonzernen, baute die Sicherheitsorgane aus, bündelte politische und wirtschaftliche Kraftströme in seiner Hand.

Dann kaufte er in der Ex-Sowjetunion die ersten Verbündeten ein, begann die Armee zu modernisieren. Und als neuestes Projekt predigt er frank bis frech die "Sammlung der russischen Welt", eine durchaus imperialistische Idee, die neben den Ukrainern mittelasiatische Hinterhofdiktaturen und baltische Natomitglieder in Schrecken versetzt.

Die meisten russischen Beobachter sind sich einig, dass auch hinter diesem Projekt Putins innere Überzeugung steht, die USA und der von ihr dominierte Restwesten wollten Russland nicht nur schwächen, sondern auch zerstören. Der Geheimdienstler, dessen Ausbilder in seinen Lehrjahren beim KGB noch stalinsche Kader waren, hat nie daran geglaubt, dass der Kalte Krieg vorbei ist. Und in manchen Momenten nicht einmal zu Unrecht.

Auch auf diplomatischer Ebene ist für Putin Angriff die beste Verteidigung. Schon seit Jahren flirtet er mit allen, die sich unter Umständen gegen die USA stellen könnten: China, Venezuela, Iran, auch der Großhandelspartner Deutschland und sämtliche nationalpopulistischen Bewegungen in Westeuropa zählen dazu. Putin wähnt sich zurecht als nicht abwählbar, gleichzeitig mag er von antiamerikanischen Erdrutschwahlen im Westen träumen.

Zuhause kann er sich allerdings keinen noch so klammheimlichen Ausstieg aus dem Rebellenkrieg im Donbass erlauben. Der könnte seinen dort über Jahrzehnte aufgebauten Ruf als der Boss mit dem Sieger-Gen nämlich glatt ruinieren. Putins Kampf um die Ukraine wird weitergehen. Putin ist 61, ein noch junger Politiker in körperlicher Topform. Sein Weltbild wird er nicht mehr ändern. Und die westlichen Sanktionen sind ihm bisher nur die Bestätigung, dass er soweit alles richtig gemacht hat.