Wird das Buch durch Aufsätze verdrängt?

Lässt sich Forschungsleistung an der Universität Bonn durch einfache Kennzahlen - wie etwa die Publikationszahl - angemessen bewerten? Um diese Frage drehte sich die Diskussion "Forschungsevaluation in den Geisteswissenschaften - Pro und Kontra".
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Foto: Volker Lannert

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Bonn. Lässt sich Forschungsleistung an der Universität Bonn durch einfache Kennzahlen - wie etwa die Publikationszahl - angemessen bewerten? Um diese Frage drehte sich die Diskussion "Forschungsevaluation in den Geisteswissenschaften - Pro und Kontra", zu der die Philosophische Fakultät eingeladen hatte.

Auslöser der Debatte seien die Uni-Rankings gewesen, erinnerte Rainer Lange vom Wissenschaftsrat. "Dass solche Listen Wirkung zeigen, ist unbestritten. Ihre Methodik allerdings ist fragwürdig. Wir wollen daher ein eigenes Instrument schaffen und dem qualifizierte Kriterien zugrunde legen."

Der Verband der Historiker lehnte die Teilnahme daran ab, wie Professor Werner Plumpe, Vorsitzender des Historiker-Verbandes, erklärte. Forschungsevaluation gebe es in der Geschichtswissenschaft schließlich schon seit dem 19. Jahrhundert, wenn sie damals auch noch nicht so genannt worden sei. Ein sich permanent evaluierender Betrieb, so Plumpe weiter, könne kaum Sinn und Zweck sein.

Für Professor Jürgen von Hagen, Prorektor an der Bonner Alma mater, hingegen gehört das "Urvertrauen der 70er Jahre" ein für allemal der Vergangenheit an. "Wenn wir als Wissenschaftler keine Antwort darauf finden, wie unsere Arbeit einzuordnen ist, dann werden andere sie uns vorwegnehmen." Ein Problem, das sich aus seiner Sicht vor allem den Buchwissenschaften stelle. Es könne natürlich nicht darum gehen, die Zahl der Publikationen allein heranzuziehen. Also müsse ein deutlich differenzierterer Katalog erarbeitet und anschließend den Fakultäten vorgelegt werden.

Professor Günther Schulz, Dekan der Philosophischen Fakultät, sieht die Gefahr, dass die klassische Buchform mehr und mehr durch die Veröffentlichung kürzerer Aufsätze in den Fachzeitschriften verdrängt werden könnte - sollte die Zahl solcher Publikationen tatsächlich ein Kriterium zur Bewertung der Forschungsleistung sein. Ganz zu schweigen von der verdienstvollen und intensiven Arbeit an Akteneditionen oder der Lehrtätigkeit, die sich in den bisher bestehenden Rankings gar nicht niederschlage.

Sowohl Schulz als auch Plumpe befürchten eine Verarmung der Geisteswissenschaften, falls sich dieser Trend fortsetzen sollte. Zudem, so der Historiker, sei es den Professoren und Dozenten schwerlich zuzumuten, sich neben dem Wettbewerb um die begehrten "Drittmittel", der Sicherung der Leistungsfähigkeit und der Umsetzung der mit dem Bologna-Prozess verbundenen Erwartungen bei jedem seiner Schritte überwachen zu lassen.

Es herrsche in der deutschen Hochschullandschaft derzeit ein bedauerliches Klima des Misstrauens. Wenn sich daran etwas ändere, sei es vielleicht auch leichter, praktikable und aussagekräftige Kriterien für eine Evaluation zu finden, die auch den Unterschieden zwischen den Fächern gerecht werde. Diese Aufgabe sei lobenswert, aber bislang noch nicht zufriedenstellend umgesetzt, so das einhellige Fazit.

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