"Schüler-Casting" stresst Kinder und Eltern

Region.  Wechsel von der Grundschule auf weiterführende Schulen. 9.000 Kinder aus der Region erhalten spätestens am Freitag ihr Zeugnis, mit dem sie sich an der neuen Schule anmelden.
Die Schulranzen sind gepackt: Heute erhalten die Viertklässler in der Region das Zeugnis, mit dem sie sich an der weiterführenden Schule anmelden.
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Die Schulranzen sind gepackt: Heute erhalten die Viertklässler in der Region das Zeugnis, mit dem sie sich an der weiterführenden Schule anmelden. Foto: dpa

Carolin ist zehn Jahre alt. Sie hat in den vergangenen Monaten mehrere Vorstellungsgespräche geführt. Ihre Mutter verwaltet die Bewerbungsmappe mit Zeugniskopien, Taufschein und Passfoto. Carolin weiß, dass sie auf Fragen höflich und aufgeweckt antworten soll. Und sie weiß auch, was bei den Erwachsenen weniger gut ankommt.

"Wenn sie euch nach eurem Lieblingsbuch fragen, nennt bloß keinen Comic", hat die Grundschullehrerin den Viertklässlern mit auf den Weg gegeben. Es geht schließlich um etwas. In den nächsten Tagen fällt eine Entscheidung über ihre Zukunft. Ob sie eines Tages eine Lehrstelle finden, eine Universität besuchen, wie viel sie als Erwachsene vielleicht verdienen.

Knapp 9000 Grundschüler aus Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis erhalten spätestens am Freitag das Halbjahreszeugnis des vierten Schuljahrs. Dazu verteilen die Lehrer die offiziellen Anmeldescheine, mit denen sich jedes Kind bei genau einer weiterführenden Schule bewerben kann. Werden sie abgelehnt, erhalten sie den Zettel zurück und können es dann an einer anderen Schule versuchen. Das Rennen um die Plätze vor allem an den beliebtesten Gymnasien und Gesamtschulen hat schon viel früher begonnen. Bei einigen Privatschulen sind die Entscheidungen bereits gefallen.

"Psychoterror" und "Schüler-Casting"

Wenn Carolins Mutter von ihrer Schul-Odyssee in den vergangenen Monaten erzählt, fallen Begriffe wie "Psychoterror" und "Schüler-Casting". Ihren Namen möchte sie nicht nennen. Kaum auszudenken, wenn die für ihre Tochter angestrebte Schule sie als Querulantin ausmachen würde. "Dabei gehöre ich überhaupt nicht zu den übertrieben ehrgeizigen Eltern, für deren Kinder nichts gut genug ist", sagt sie. Aber Carolin leidet unter einer Lese-Rechtschreib-Schwäche. Für sie ist ein Platz an einer Schule, die sie entsprechend fördert, wichtig.

Deshalb standen das Mädchen und ihre Eltern wie viele andere schon im Spätsommer vergangenen Jahres in den Startlöchern, um bloß keinen Termin zu verpassen. Infoabende, Schnuppertage, Kennenlerngespräche - der Kalender ist voll. "Samstags morgens sind wir schon um 7.15 Uhr aus dem Haus gegangen, um früh beim Tag der offenen Tür zu sein. Man muss sehr pünktlich sein, weil die Plätze für den Schnupperunterricht dann vergeben werden", sagt sie. Die Eltern haben die Termine untereinander aufgeteilt.

Danach wird es ernst: Drei Gesprächstermine haben Mutter und Tochter absolviert. "Carolin war vorher fix und fertig", erinnert sich die Mutter. "Wir wussten schließlich, was daran hängt, und vielleicht hat sich auch meine Aufregung übertragen." Bei allen Gesprächen habe eine lockere und nette Atmosphäre geherrscht, sagt sie.

"Die Lehrerin hat meiner Tochter vom Leben an der neuen Schule vorgeschwärmt." Euphorisch fährt die Familie nach Hause. "Dabei wusste ich, dass die Plätze an der Privatschule besonders umkämpft sind", sagt Carolins Mutter. Dann folgen mehrere Wochen Wartezeit. "Man fühlt sich völlig ohnmächtig", erinnert sie sich. Dann kommt die Ablehnung. "Wie erklärt man einer Zehnjährigen, dass sie nicht erwünscht ist, obwohl das Vorstellungsgespräch gut gelaufen ist?", fragt die Mutter.

Die Mehrzahl der Schulen begründet Absagen nicht. Grundlage für die Auswahl sind landesweit geltende Verwaltungsvorschriften, die Kriterien wie den Schulweg, einen ausgeglichenen Anteil von Mädchen und Jungen, ein einheitliches Leistungsniveau oder bereits an der Schule aufgenommene Geschwister festlegen. Innerhalb dieser gesetzlichen Auswahlkriterien können die Schulen allerdings eigene Gewichtungen setzen. Nur zum Teil finden sich diese auf den Internetseiten der Schulen. "Die Chancen für das Kind, an einer bestimmten Schule aufgenommen zu werden, sind für Eltern kaum durchschaubar", kritisiert Carolins Mutter.

Bitten und Drängen verzweifelter Eltern

Auch die Schulform-Empfehlungen der Grundschule sind nicht immer ein Hinweis auf die Chancen des Kindes. Vor allem, seit sie kein bindendes Kriterium mehr darstellen. "Wir achten deutlich mehr auf die Noten als auf die Empfehlung" sagt Stefan Ludwig, Schulleiter der Integrierten Gesamtschule Bonn-Beuel. Nach seiner Erfahrung beeinflusst nicht selten Druck der Eltern die Empfehlungen der Grundschulen.

Das Bitten und Drängen verzweifelter Eltern kennt auch Ludwig. An der beliebten Gesamtschule haben sich im vergangenen Jahr auf jeden der 172 Plätze etwa zwei Viertklässler beworben. "Gerade bei Kindern mit besonderem Förderbedarf, die bei uns gut aufgehoben wären, stehen die Eltern enorm unter Druck", sagt der Schulleiter.

Zumindest den Kindern will die Gesamtschule daher die Ablehnung etwas schonender präsentieren. Innerhalb einzelner Leistungskategorien wählt die Gesamtschule per Los aus. "So braucht sich niemand persönlich abgelehnt fühlen."

Auch gute Noten sind kein Garant für den Wunschplatz. "Mein Sohn hat mit einem Einserzeugnis die Grundschule verlassen, spielt Klavier und Fußball", sagt eine Mutter aus Bad Godesberg. Trotzdem habe das gewünschte Gymnasium dem Kind im vergangenen Jahr keinen Platz angeboten. Als sich die Mutter erst nach der Zusage einer anderen Schule durchringt, dem Sohn von dem Aus für die erste Wahl zu berichten, fließen Tränen.

"Run" auf Gesamt- und Privatschulen

Vor allem auf Gesamtschulen und Privatschulen mit bestimmten Zusatzangeboten gebe es einen "regelrechten Run", sagt Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands Nordrhein-Westfalen. Gemäß der Interessenvertretung der Lehrer gibt es in NRW ausreichend Plätze an Gymnasien. "Wie es mit den Gesamtschulen weitergeht, wird auch davon abhängen, wie sich der Rückgang der Schülerzahlen in den kommenden Jahren auswirkt", so Silbernagel. Er warnt davor, im Laufe der verschiedenen Schulreformen die Qualität der Lehrinhalte zu vernachlässigen. "Sonst kommt es eines Tages zu einer Schere zwischen den privaten und staatlichen Schulen wie in Großbritannien, Frankreich oder den USA", so der Lehrervertreter.

Der Schulwechsel kann auch ganz einfach verlaufen. Wenn Wünsche, Qualifikationen und freie Plätze zusammenkommen, brauchen Eltern heute oder in den kommenden Tagen nur noch den Anmeldeschein bei der Schule abgeben, deren Zusage sie schon in der Tasche haben.

Vor allem die Privat- und Gesamtschulen haben sich frühzeitig für ihre Neulinge entschieden oder geben ihr Votum in den nächsten Tagen bekannt. "Damit soll denen, die eine Absage erhalten, die Bewerbung an anderen Schulen frühzeitig ermöglicht werden", erklärt eine Sprecherin der Stadt Bonn.

Für die anderen geht der Wettlauf heute weiter. Carolins Mutter hofft nun auf zwei Gesamtschulen, deren Profil zu ihrer Tochter passt. Aber sie muss alles auf eine Karte setzen, denn die Anmeldetermine der beiden Schulen überschneiden sich.

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