Quer zum Jakobsweg: Fernwandern in den Pyrenäen

Cauterets.  Steinmännchen und rot-weiße Markierungen weisen den Weg: Der Fernwanderweg GR 10 durch die Pyrenäen führt vom Atlantik bis zum Mittelmeer. Er ist ein Weg für moderne Pilger, der quer zu der Strecke nach Santiago de Compostela verläuft.
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Wanderer auf dem GR 10 finden vor allem Ruhe und unberührte Natur. Foto: CRT Midi Pyrénées/Dominique Viet
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Wanderer auf dem GR 10 finden vor allem Ruhe und unberührte Natur. Foto: CRT Midi Pyrénées/Dominique Viet Foto: DPA

Im weichen Waldboden hinterlassen die Wanderstöcke kleine Löcher. Vogelgezwitscher ist zu hören, sonst nichts. Der schmale Weg windet sich den Hang hinauf. Kiefern und Buchen filtern das Sonnenlicht. Da ist es wieder: das Pyrenäengefühl. Unterwegs sein, nur das Nötigste im Rucksack. Der Fernwanderweg GR 10 hat uns wieder, der durch die gesamten Pyrenäen führt, vom Atlantik bis zum Mittelmeer.

Seit drei Jahren laufen wir jeden Sommer eine Woche auf ihm. Wenn wir so weitermachen, kommen wir etwa in sieben Jahren in Banyuls an. Unterwegs treffen wir aber auch immer wieder Wanderer, die die Strecke am Stück gehen. Etwa zwei Monate braucht man dafür. Häufig sind es Menschen, die an einem Wendepunkt stehen - ein Student nach der Abschlussarbeit, jemand, der einen neuen Job anfängt, ein anderer, der gerade in Rente gegangen ist.

Es ist ein Pilgerweg ohne religiöse Konnotation, ohne Esoterik. Ein Anti-Jakobsweg, der quer zu der in Mode gekommenen Strecke nach Santiago de Compostela verläuft. Statt des Muschelsymbols weisen rot-weiße Balken den Weg, auf Baumstämme oder Felsen am Weg aufgepinselt. In unübersichtlichem Gelände werden sie durch Steinmännchen ersetzt.

Als wir aus dem Wald herauskommen, empfängt uns leises Glockengebimmel. Eine Herde zotteliger Schafe zieht grasend über eine Bergwiese. Auf den Rücken tragen sie blaue Markierungen, als habe ein Graffitisprayer sich an ihnen versucht. Aus dieser Wolle wird wohl niemand mehr etwas stricken, aber sie sollen ja auch in erster Linie Milch für den Pyrenäenkäse liefern. Der schmeckt besonders würzig, weil in den Pyrenäen so viele aromatische Pflanzen wachsen.

Ein gutes Pfund davon tragen wir in unserem Rucksack, und eigentlich wäre es bald Zeit für ein Picknick. Im Örtchen Borce, wo wir am Abend müde und sonnenverbrannt eintreffen, kreuzt der GR 10 erneut einen der Jakobswege. Wir übernachten in einer Pilgerherberge, die aus einem kleinen Steinhaus mit einer Küche und zwei Mehrbettzimmern besteht. Die Tür ist unverschlossen. "Herzlich willkommen, richtet Euch ein, ich komme später vorbei", steht auf einem Zettel, den die Herbergswirtin hinterlassen hat. Wie schön, nach einem langem Wandertag auf solche Gastfreundschaft zu stoßen.

Am nächsten Tag führt der GR 10 dicht an den Rand des Abgrunds: Der Chemin de la Matûre ist ein schmaler Pfad, wie von einem Riesen als Rille in eine mächtige Felswand gekratzt. Tief unten: die Höllenschlucht, die tatsächlich so heißt.

Es geht steil hinauf, bald lassen wir das saftige Grün hinter uns und laufen über Felsen. Der Col d'Ayous (2185 Meter) bietet den ersten Blick auf den gebirgigsten Teil der Pyrenäen mit ihren rauen Felsen, gescheckt mit Schneefeldern. Der Pic du Midi d'Ossau (2884 Meter) erhebt sich pyramidenförmig, graue Geröllfelder und dunkelgrüne Waldflecken bilden seine Basis.

Der GR 10 ist zwar alles andere als überlaufen, aber abends treffen sich doch häufig dieselben Wanderer in den Hütten. "Na endlich, wir dachten schon, Ihr habt Euch verlaufen", bekommen wir zu hören, als wir in Gabas eintreffen.

Die nächste Etappe bis nach Gourette ist die längste der Woche: Knapp zehn Stunden reine Gehzeit veranschlagt der Wanderführer. Zum Wachwerden gibt es eine Passage, die eine gute Portion Schwindelfreiheit verlangt. Der Weg ist nicht viel breiter als ein Rucksack, links davon geht es steil ins Tal hinab. An der Felswand rechts ist immerhin ein Drahtseil befestigt. "Wie war die Aussicht?", fragt uns später ein anderer Wanderer. "Ich habe nichts gesehen außer dem Drahtseil", gesteht er lächelnd.

Hourquette d'Arre heißt die Scharte, die den herrlichen Blick ins nächste Tal freigibt. Wir haben uns 2465 Meter erarbeitet und sind stolz, erschöpft und hungrig. Im Schatten einer kleinen Hütte wird alles vertilgt, was der Rucksack hergibt: Baguette mit Pyrenäenkäse, Äpfel, Schokoladenkekse.

Am nächsten Tag ist Schluss mit Sonnenschein. Es hatte uns schon gewundert, so lange ohne Regenjacke ausgekommen zu sein. In den Pyrenäen regnet es häufig, deswegen sind sie auch so schön grün. Gerade lagen wir in der Mittagspause noch ausgestreckt in der Sonne, da fallen schon die ersten Tropfen. Der Wetterumschwung dauert keine drei Minuten. Eilig stopfen wir alles in Plastiktüten.

Mittlerweile ist das Département Hautes-Pyrénées erreicht. Das klingt nach Hochgebirge. Aber erst geht es wieder ins Tal hinunter, nach Arrens. Der Nebel hängt tief im Tal. Alles ist feucht, an den Grashalmen kleben dicke Tropfen, ein Spinnennetz hat sich unter dem Gewicht der Wasserperlen zu einem glitzernden Körbchen verformt. Je höher wir kommen, desto dichter wird der Nebel. Eine Herde von Schafen ist nur schemenhaft erkennbar.

Uns erwartet eine ordentliche Berghütte, in der es weder Strom noch Handyempfang gibt, dafür aber ein großes Matratzenlager mit Decken, die noch aus dem Ersten Weltkrieg stammen könnten. Statt einer Dusche gibt es eine Katzenwäsche mit kaltem Wasser bei Kerzenlicht.

Am letzten Wandertag geht es nur noch bergab, hinunter nach Cauterets. Schade, wir waren gerade so gut im Rhythmus. Der Alltag war herrlich weit weg.

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GR 10

Reiseziel: Der GR 10 beginnt in Hendaye am Atlantik und endet in Banyuls am Mittelmeer. Er verläuft auf der französischen Seite der Pyrenäen. Die gesamte Strecke ist in etwa zwei Monaten zu schaffen. Gute Kondition ist erforderlich.

Anreise: Der beschriebene Teil lässt sich vom Flughafen Pau aus erreichen. Von dort aus geht es per Bahn nach Oloron-Sainte-Marie und weiter mit dem Bus.

Reisezeit: Der GR 10 ist ausschließlich im Sommer zu laufen. Selbst im Juni und September kann es zu Schneefällen kommen.

Unterkunft: Überwiegend schlichte Berghütten mit Schlafsälen, in den Dörfern auch Gästezimmer und kleine Hotels. In den meisten Unterkünften wird Halbpension angeboten.

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