Nachtwanderung im Siebengebirge

In der Dunkelheit auf der Pirsch

SIEBENGEBIRGE. GA-Volontärin Katrin Puvogel hat sich bei einer Nachtwanderung mit Biologin Xenia Scherz in den Wald gewagt. Die erfahrene Naturführerin zeigt der Reporterin, wie viele Tiere sie trotz Finsternis entdecken kann.

Es raschelt. Kaum merklich ist das leise Knistern am Wegesrand für das ungeübte Ohr. Für Xenia Scherz ist es jedoch unüberhörbar: Mit einem Satz ist sie weg und greift in die Dunkelheit. Sekunden später steht sie mit ihrem Fund in der Hand da: zwei kleinen Kröten. "Das sind ganz junge Erdkröten", erklärt sie, während sie stolz die beiden knotigen Waldbewohner in den Schein der Taschenlampe hält. "Siehst du die goldenen Augen?", fragt Scherz die 9-jährige Amelie, die heute bei der Nachtwanderung dabei ist - und der die Kröten etwas suspekt vorzukommen scheinen.

Mit Beginn der Dämmerung hat sich eine kleine Gruppe von sieben erwachsenen Nachtwanderern und der kleinen Amelie an einem Parkplatz im Siebengebirge versammelt. Das pulsierende Stadtleben haben die Wanderer einige Kilometer zurückgelassen. Manche haben Taschenlampen dabei. "Die bleiben aber aus", sagt Scherz in fast schon warnendem Ton. "Erst auf dem Rückweg könnt ihr sie anmachen." Denn ihr Ziel dieses Ausflugs im Dunkeln ist klar definiert: Wer nachts wandert, soll sensibler für die Natur werden.

Die Biologin hat sich vor rund zwölf Jahren selbstständig gemacht und bietet seither Naturerlebnistouren an. Wie auch heute ist "Naturhund Otto" immer dabei - ein wuscheliger Mischling, der sich laut Scherz "im Wald genauso gut auskennt wie ich".

Noch ist es auch ohne Taschenlampe ohnehin hell genug, die Sonne hat sich gerade erst verabschiedet. Schon nach wenigen Metern macht Xenia Scherz ihren ersten Halt. "Hört mal", lautet die Aufgabe. Der Wind lässt leise die Baumkronen rauschen, einige Vögel sagen sich vereinzelt mit hellem Gesang "gute Nacht". "Wenn man mit mir unterwegs ist, ist es ganz wichtig, dass man sich nicht gruselt und es nicht gefährlich ist", sagt die Biologin. "Denn heute geht es um die echte, die wirkliche Natur, vor der man sich nicht gruseln muss."

"Hier geht der Wald zum freien Luftraum über"

Mit vorsichtigen Schritten geht es weiter und weiter in den Wald hinein, bis sich der Weg gabelt. Ein paar Schritte bergauf erreicht die Gruppe eine kleine Lichtung auf einem Plateau über dem alten Steinbruch Weilberg. In zartes Rosa färbt das letzte Sonnenlicht den Sommernachtshimmel. "Diese Stelle ist perfekt, um Fledermäuse zu sehen", erklärt Scherz, "hier geht der Wald zum freien Luftraum über." Gespannte Blicke richten sich gen Abendhimmel.

Plötzlich ist Xenia Scherz ganz aufgeregt. "Seht ihr das?", fragt sie und zeigt in die Dunkelheit. "Da sitzt der Uhu." Und tatsächlich: Mit unerfahrenem Auge fast nicht zu erkennen, hockt der Vogel auf einem toten Ast. Der Biologin verschlägt es beinah die Sprache: "Das ist wirklich etwas ganz Besonderes. Ich habe den Uhu noch nie gesehen, obwohl ich schon viele Jahre herkomme. Es soll drei Paare im Siebengebirge geben und eines eben hier am Weilberg." Andächtig blickt sie in Richtung des weit entfernten Umrisses. "Der Uhu ist sehr groß und hat riesige Augen, die das letzte Licht einfangen. Wenn es also stockdunkel ist, kann auch er nichts mehr sehen."

Anders als die Fledermäuse, die auch in der Finsternis ihren Weg "erhören" können. Aus ihrem Rucksack holt Xenia Scherz einen kleinen schwarzen Kasten: einen Fledermausdetektor. "Damit können wir die Ultraschallrufe hörbar machen", erklärt sie. Deren Frequenz ist sonst für das menschliche Ohr nicht wahrnehmbar. "Das Geräusch klingt wie Regentropfen", sagt Scherz, während sie eine große Taschenlampe hervorholt. Damit leuchtet sie in den Himmel: "Wenn sich die Fledermaus entscheidet, durch den Lichtkegel zu fliegen, können wir sie sehen. Ihr mit dem Licht folgen dürfen wir aber nicht. Die Tiere stehen unter Schutz."

Konzentriert richten sich die Blicke gen Himmel. Und dann, wie auf Kommando, recken sich auf einmal die Finger in die Luft. "Da, da, da!", ruft es von allen Seiten, als in einem irren Tempo einige Fledermäuse über die Köpfe hinwegfliegen. Das leise Knistern des Detektors hört man nur, wenn die Tiere ganz nahe kommen, weiß die Biologin: "Der Schall reicht nur drei bis fünf Meter. Die Tiere wollen ja nur wissen, was direkt vor ihnen liegt." Im Siebengebirge gebe es viele Arten von Fledermäusen, weil sie hier in den Ofenkaulen überwintern könnten.

"Das ist Wahnsinn, ich hätte nicht gedacht, dass es so viele sind"

Mittlerweile hat die Nacht beinah das ganze Licht im Wald verschluckt. Um so heller blitzen die Punkte auf, die vor allem bei Amelie für große Aufregung sorgen: Jede Menge Glühwürmchen sind unterwegs. "Die sehen wie Sternchen aus", sagt die 9-Jährige begeistert. Ihrer Mutter Simone geht es ähnlich: "Das ist Wahnsinn, ich hätte nicht gedacht, dass es so viele sind." Als hätte man Lichterketten im Wald aufgehängt, leuchten grün-bläulich die kleinen Punkte in der Luft und am Boden.

Xenia Scherz nimmt eines von ihnen auf die Hand. Ob es sich heiß anfühlt? "Nein, die Käfer erzeugen chemisches Licht, etwa vergleichbar mit Knicklichtern. Es ist nicht warm." Aber atemberaubend: Gerade weil es fast schon unnatürlich wirkt, fasziniert der schwache Schein der Käfer die Nachtwanderer, die jetzt keine Taschenlampen mehr benutzen wollen - ist doch der natürliche Schein im Wald und die Kraft der eigenen Augen erhellend genug, um nicht zu stolpern.

Mehr Infos zu den Naturerlebnistouren von Xenia Scherz gibt es im Internet unter der Adresse www.wundernatur.de