GA-Filmkritik

Michael Hanekes Familiendesaster-Film „Happy End“

Der verrottete Charme der Bourgeoisie: Szene aus „Happy End“. FOTO: FOTO: X VERLEIH

Der verrottete Charme der Bourgeoisie: Szene aus „Happy End“. FOTO: FOTO: X VERLEIH

Michael Hanekes Familiendesaster-Film „Happy End“ setzt auf bekannte Effekte. Mehr als dieses ziemlich selbstgefällige Déjà-vu hätte man von Haneke schon erwartet.

Zuerst stirbt Eves Hamster, dann die Mutter. Zu viele Antidepressiva. Und die Ungerührtheit, mit der die 13-jährige Tochter beides per Smartphone aufzeichnet, macht Eve (Fantine Harduin) zur doppelt Verdächtigen. Zur Hölle fährt sie sowieso, nur dass die auf den ersten Blick wie eine protzige Villa in Calais aussieht.

Kein Zweifel, Michael Haneke (75) kann wie kein Zweiter aus jedem großbürgerlichen Kaminzimmer in wenigen Minuten ein Drei-Sterne-Gefrierfach machen. Hier mümmelt der greise Patriarch Georges Laurent (Jean-Louis Trintignant) lustlos sein Abendessen und sucht permanent Helfer zum assistierten Selbstmord. Das eiserne Regiment in Familie wie kriselnder Baufirma führt längst Tochter Anne, der Isabelle Huppert maximale Kompetenz bei minimaler Empathie gibt. Unter jeder ihrer „Aufmunterungen“ krümmt sich ihr jammerlappiger Sohn Pierre wie nach einem Peitschenhieb.

Annes Bruder und Eves Vater Thomas (Mathieu Kassovitz) ist längst anderweitig verheiratet, betrügt seine ätherische Frau Anaïs aber in Porno-Chats mit einer Geigerin. Außerdem hat der Chefarzt eigentlich keine Zeit für Eve. Schon klar: der verrottete Charme der Bourgeoisie.

Der österreichischen Filmpreissammler pflegt seine Figuren seit jeher etwa so liebevoll zu betrachten wie ein Schmetterlingsforscher seine aufgespießten Objekte. Diese misanthropische Präzision hat er keineswegs verloren, wird jedoch mit „Happy End“ zum leicht ermüdenden Wiederholungstäter.

George Laurent hieß schon der Protagonist seines Rätselthrillers „Caché“, in dem Frankreichs Kolonialsünden weitaus subtiler in die Gegenwart zurückschlugen als hier: Wenn Pierre nun am Flüchtlingsbrennpunkt Calais farbige Asylbewerber als Störfaktor in Opas Familienfeier schiebt, geht dieser pseudopolitische Schuss auch inszenatorisch nach hinten los.

Schreckliche Kinder wie Eve trieben schon in „Bennys Video“ oder „Funny Games“ ihr Unwesen. Und der Kunstgriff, wichtige Szenen unhörbar und schlecht einsehbar auf die andere Straßenseite zu verlagern, wirkte in früheren Werken zwingender.

Nicht zuletzt darf Trintignant hier zumindest erzählerisch noch einmal das Ende von „Liebe“ wiederholen, als er Emmanuelle Riva mit dem Kissen erstickte. Dennoch ist dies eine der besten Szenen des Films, ein Moment rückhaltloser Wahrhaftigkeit zwischen Georges und Eve.

Der Regisseur selbst sieht sein bürgerliches Trauerspiel eher als Farce, für die ihm freilich ein bisschen Humor fehlt. Wie übrigens auch die Eleganz, mit der Claude Chabrol die ach so gesitteten Idyllen zu tranchieren pflegte, oder die anarchische Fantasie von Luis Buñuel. Zwar kann selbst ein großer Regisseur nicht mit jedem Film zu neuen Ufern aufbrechen. Mehr als dieses ziemlich selbstgefällige Déjà-vu hätte man von Michael Haneke schon erwartet.