Neu im Kino

Kritik zum neuen Woody Allen-Film "Wonder Wheel"

Ein Fest der Nostalgie: Juno Temple als Carolina in einer Szene des Kinofilms „Wonder Wheel“.

Ein Fest der Nostalgie: Juno Temple als Carolina in einer Szene des Kinofilms „Wonder Wheel“.

Bonn. In Woody Allens „Wonder Wheel“ überstrahlen die Bilder die Story. Verrat lauert in jeder Ecke dieser Geschichte, die der inzwischen 82-jährige Regisseur schließlich entschlossen ins Tragische kippt.

Für Ginny sollte es rote Rosen regnen. Und alles fing gut an, mit einer Bühnenkarriere und einem liebenden Mann. Den sie betrog, den sie verlor. Nun sitzt sie in den 50er Jahren als Kellnerin mit ihrem verhaltensgestörten Sohn und dem derben Karussellbetreiber Humpty im leicht angerotteten New Yorker Vergnügungspark Coney Island fest. Gestrandet im Glitzerland.

Natürlich ist es der Jahrmarkt des Lebens mit Nervenkitzel und Zerstreuung, Glückstreffer und Fehlschuss, den Woody Allen in seinem neuen Film „Wonder Wheel“ beschwört. Wobei ihm der dramaturgische Missgriff unterläuft, all dies vom feschen Rettungsschwimmer Mickey (Justin Timberlake) erzählen zu lassen, dem man den angehenden Großschriftsteller nun wirklich nicht glauben mag. Doch Mickey lässt Ginnys grauen Alltag wieder leuchten, als er mit der deutlich älteren Frau eine Affäre beginnt. Während er die Sache eher als literarisch verwertbare Erfahrung verbucht, zeigt Kate Winslet anrührend glaubhaft, wie heimliche Liebesnächte unter dem Pier der Vierzigjährigen ein Stück Jugend zurückgeben.

Humptys Stimmung hellt sich derweil dank seiner abtrünnigen Tochter Carolina (Juno Temple) auf, die dem FBI einiges über ihren Gangstergatten erzählte und nun auf der Flucht vor der Mafia in Coney Island untertaucht. Doch als sich Carolina und Mickey begegnen und die „Ehrenwerte Gesellschaft“ ihre Knochenbrecher vorbeischickt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

Blick in existenzielle Abgründe

Verrat lauert in jeder Ecke dieser Geschichte, die der inzwischen 82-jährige Regisseur schließlich entschlossen ins Tragische kippt. Und Jim Belushis proletarisch verschwitzter Humpty scheint trotz seiner nur mühsam im Zaum gehaltenen Trunksucht die einzige Figur zu sein, die ganz bei sich (und deshalb für vieles blind) ist.

Man weiß ja, dass der selbst aus Brooklyn stammende Altmeister nicht immer gut beraten war, wenn er etwa à la Ingmar Bergman existenzielle Abgründe ausmessen wollte („Innenleben“). Hier streift er durch die Neurosengärten von Eugene O'Neill und durch die Ehehöllen von Tennessee Williams. Das passt zwar nicht schlecht zur Handlungszeit von „Wonder Wheel“, wirkt heute aber einigermaßen antiquiert.

Doch Nostalgie spielt nun einmal die heimliche Hauptrolle in diesem Film, der auch deshalb die visuelle Blässe vieler Allen-Werke abstreift. Kameramann Vittorio Storaro, einer der größten Leinwandmaler überhaupt („Apocalypse Now!“, „Der letzte Kaiser“) lässt die neonbunte Talmi-Welt der Kirmes zwischen „Cyclone“-Achterbahn und Riesenrad in den verführerischsten Farben leuchten. Er zaubert den violetten Saum der Dämmerung über den Strand und gönnt vor allem Kate Winslet ein Kleid aus schönstem warmen Licht.

Das braucht sie auch, denn der Regisseur führt seine Schauspieler keineswegs konsequent. Lange bleiben Ginnys kurzes Glück und der Rückfall in die alte, nun wohl endgültige Verzweiflung eher an kleinen Gesten ablesbar. Doch im Finale ist es mit dieser mimischen Kontrolle vorbei, und Winslets Tour de Force wirkt nicht unbedingt im besten Sinn theatralisch. Dennoch brennt sich „Wonder Wheel“ mit seinem symbolträchtigen Schauplatz und den überwältigenden Bildern in die Netzhaut.