Serie "100 Köpfe: Wir sind Bonn"

Margot Kolitscher führt seit 46 Jahren eine Apotheke in Duisdorf

BONN.  Die große Uhr am Medikamentenregal hinter der Verkaufstheke zeigt 18.30 Uhr. "Das Regal ist aus Rio-Palisander - das würden Sie heute nicht mehr bekommen. Es steht unter Artenschutz", erklärt Margot Kolitscher. Seit zehn Stunden steht sie schon in ihrer Apotheke am Schickshof in Duisdorf, und heute ist der Feierabend noch nicht in Sicht.
Fachfrau: Margot Kolitscher liebt an ihrem Beruf auch die Begegnung mit anderen Menschen. Foto: Barbara Frommann

Noch immer kommen vereinzelt Kunden, lösen Rezepte ein, kaufen noch schnell ein Medikament oder fragen nach Rat. Margot Kolitscher ist 74 Jahre alt, und die Marktapotheke ist ihr Reich, seit 46 Jahren. "Wir sind eine Beratungsapotheke, keine Laufapotheke", sagt sie mit unmissverständlicher Betonung.

Oftmals kämen die Menschen erst zu ihr, bevor sie einen Arzt aufsuchten. Dann weiß sie dank ihrer langen Berufs- und Lebenserfahrung, ob es eine einfache Salbe tut oder der Arzt aufgesucht werden muss. "Ich habe hier Kinder groß und die Großen alt werden sehen", sagt sie. Aus manchen Kunden seien im Lauf der Zeit Freunde geworden.

Müsste sie die Erfahrung ihres Lebens auf einen Satz bringen, wäre es dies: "Was dem Leben Sinn verleiht, ist die Begegnung mit anderen Menschen." Dafür nimmt sie Zehnstundentage in der Apotheke in Kauf. Das Aufhören fällt schwer, auch wenn sie darüber nachgedacht hat. Aber einen geeigneten Nachfolger zu finden, ist schwierig.

Ihr Beruf habe sich mit den Änderungen im Gesundheitswesen im Lauf der Zeit stark gewandelt. Es scheint ihr ein leidiges Thema zu sein. Kolitschers Stimme klingt müde. Drei Apotheken haben in der Umgebung schließen müssen. Ihre Kunden fürchteten, sie könnte folgen. "Aber dann beruhige ich sie. Es macht mir ja immer noch Spaß."

Geboren wurde Kolitscher 1939 in Wien. Noch vor Ende des Krieges zog sie mit ihrer Familie nach Bonn. Als die Bomber die Stadt erreichten, kehrte sie kurzzeitig nach Österreich zurück, bevor sie 1948 endgültig in Bonn heimisch wurde. Nach dem Staatsexamen 1963 begann Kolitscher eine Promotion, die sie allerdings nach Eröffnung der Apotheke nicht abschließen konnte.

"Als ich 16 oder 17 war, wurde ich einmal losgeschickt, um Codeintropfen zu kaufen", erinnert sie sich. "In der Apotheke angekommen, bestellte ich dann allerdings Kokaintropfen. Ich war jung und kannte den Unterschied noch nicht." Sie lacht. Ihre blauen Augen blicken in die Ferne, als könnte sie dort die Szene noch einmal sehen und kaum glauben, dass ausgerechnet aus diesem Mädchen eine Apothekerin geworden ist.

Die große Leidenschaft der 74-Jährigen war aber immer schon die Musik. Vor ihrem Studium in Bonn besuchte sie das Konservatorium in Düsseldorf. Zwei- bis dreimal in der Woche spielt sie auch heute noch in einem Orchester Geige und Bratsche. "Ohne die Musik hätte ich vieles, das ich aushalten musste, nicht überstanden."

2011 starb ihr Lebensgefährte. Geheiratet hatten sie nie, weil es keines staatlichen Papiers bedurfte, um 43 gemeinsame Jahre zu verbringen. Lange Zeit pflegte Kolitscher "ihre bessere Hälfte", wie sie ihn nennt. Daneben führte sie die Apotheke weiter. Urlaub sei zehn Jahre lang nicht möglich gewesen. Ausgerechnet für sie, die in ihrem Leben fast jeden Kontinent bereiste.

1978 unternahm Kolitscher ihre erste große Reise, nach Tansania. Es war der Auftakt einer regelrechten Welterkundung. Australien, Mexiko, Peking zählten in den folgenden Jahren zu ihren Zielen. Einmal ist sie sogar, nur für ein Wochenende nach New York geflogen, um ihrem Lebensgefährten einen Lebenstraum zu erfüllen: einmal Vladimir Horowitz in der Carnegie Hall zu hören.

Die Uhr am Rio-Palisander geht auf acht Uhr zu. Wie lange will sie die Apotheke noch führen? "Ich mache solange weiter, bis ich es irgendwann nicht mehr machen kann."

Typisch bönnsch

Lieblingsort:

Das Dreieck in der City. Lange gab es dort ein Sortiment, in dem ich alles gefunden habe, was mich interessiert hat.

Typisch Bönnsch:

Das Kleinstädtische. In Bonn kommt man in kürzester Zeit überallhin, jeder Ort lässt sich binnen Minuten erreichen. Was ich hier auch so mag, ist die Umgebung mit dem Rhein, dem Siebengebirge und der Eifel.

Ich vermisse:

Ein Festspielhaus mit starker Führung. Es braucht ein Zugpferd, um aus dem Beethovenfest etwas Großes zu machen.

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