GA-Flüchtlingsserie

Zu wenige Lehrer für die Fremdsprache Deutsch

Unterricht für Flüchtlingskinder in der Karl-Simrock-Schule

Unterricht für Flüchtlingskinder in der Karl-Simrock-Schule

Bonn. Nach der Flüchtlingswelle vor knapp zwei Jahren waren vor allem auch die Schulen gefordert, ad hoc Plätze für die Kinder und Jugendlichen bereitzustellen. Arndt Hilse, Leiter der Hauptschule in Endenich, freut sich über ehrenamtliche Hilfe.

Laut ertönt die Schulglocke. Es ist Frühstückspause. Auf einen Schlag füllt sich der Hof der Karl-Simrock-Hauptschule in Endenich. Eine Gruppe 13- bis 14-jähriger Jungen tummelt sich unter dem Basketballkorb, der Ball fliegt hin und her. Lautes Stimmengewirr erfüllt die Luft. Einige Kinder spielen Nachlaufen und kreischen dabei vergnügt. Man sieht auf den ersten Blick: Die Schule mit insgesamt 454 Schülerinnen und Schülern hat einen hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Und die meisten sprechen Deutsch. Viele sogar fließend. Das war vor knapp zwei Jahren noch ganz anders.

Aufgrund der Flüchtlingswelle musste Schulleiter Arndt Hilse damals ad hoc zusätzliche Vorbereitungsklassen einrichten. 60 Jungen und Mädchen aus Flüchtlingsfamilien zählte er an seiner Schule. Und alle sprachen kein Wort Deutsch. Manche waren sogar Analphabeten. „Die Lage hat sich mittlerweile doch deutlich entspannt“, sagt der Direktor heute.

Wie Hilse haben auch viele andere Schulen Ende 2015/Anfang 2016 erlebt, wie von einem Tag zum anderen zusätzliche Schüler einen Platz brauchten. „Die standen plötzlich vor unserer Tür, also haben wir sie irgendwie untergebracht. Wir hatten plötzlich viel mehr Kinder, aber nicht entsprechend mehr Lehrkräfte“, erinnert sich der Direktor. Die kamen erst später, zeitversetzt. „Der Druck der Neuzugänge hat jetzt spürbar nachgelassen“, sagt Hilse und klingt erleichtert.

Statt der damals vier sind es inzwischen nur noch zwei Sprachlerngruppen (ehemals Förderklassen) an der Hauptschule am Burggraben, in denen derzeit 29 Kinder und Jugendliche Deutsch als Zweitsprache lernen und auf den Übergang in eine Regelklasse vorbereitet werden. Die meisten von ihnen stammen aus Flüchtlingsfamilien aus Syrien, Afghanistan und Irak. Es sind aber auch andere Kinder unter ihnen. Wie etwa ein 14-Jähriger aus Bari in Süditalien. Seine Mutter habe in der Heimat keinen Job gefunden, deshalb seien sie nach Deutschland gekommen, erzählt er. Für den Jungen und seine Mutter kein Problem, da Italien EU-Land ist.

Syrische Kinder konnten in der Heimat keine Schule besuchen

Nima dagegen hat eine Odyssee hinter sich, bis er mit seiner Familie endlich in Bonn eine neue Heimat fand. Der 14-Jährige stammt aus Afghanistan und war gut zwei Jahre auf der Flucht, als er 2015 mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland kam, berichtet Hilse. Der Junge hat in seiner Heimat nie eine Schule besucht. „Meine Mutter hat uns nicht gehen lassen. Sie hatte immer Angst, dass uns etwas zustoßen könnte“, erzählt der Junge in recht gutem Deutsch. Auf die Frage, ob ihm die Schule gefällt, zögert er ein wenig. „Ja. meistens“, sagt er ehrlich und grinst verlegen. Neben ihm sitzt Marman, sein gleichaltriger Freund aus Syrien. Der Junge, der mit seinen Eltern und acht Geschwistern in Bonn lebt, stammt aus Aleppo und war vor der Flucht nach Deutschland auch nie in einer Schule. Ebenfalls aus Sorge der Eltern, den Kindern könnte etwas zustoßen.

„Ich würde mir wünschen, dass alle Kinder in meiner Heimat die Schule besuchen könnten“, sagt Marman. Schließlich hat er hier an der Schule gelernt, wie wichtig eine gute Ausbildung ist. Das wissen auch seine Eltern. Seine Eltern, ja auch seine Mutter, sagt Marman, besuchten beide seit geraumer Zeit einen Deutschkursus und hofften, bald Arbeit zu finden. „Jetzt gehen alle Kinder in eine Schule oder einen Kindergarten, deshalb kann meine Mutter auch einen Kursus besuchen“, sagt der Junge.

Es ist ein munteres Gespräch, das die beiden Jungen im Beisein des GA führen. Man spürt deutlich: Sie fühlen sich wohl. „Die Flüchtlingskinder sind bei uns gut angekommen“, erklärt Hilse. War es bei ihrer Ankunft vor knapp zwei Jahren in Bonn vor allem ein Problem, die zusätzlichen Kinder aus Flüchtlingsfamilien in den Schulen und Kindergärten unterzubringen, so ist es jetzt die Integration, die Hilse als die größte Herausforderung bezeichnet. „Da kommt es uns sehr entgegen, dass unsere Schule eine heterogene Schülerschaft hat, was aus meiner Sicht die Integration von Kindern und Jugendlichen mit so unterschiedlichen sozialen und kulturellen Hintergründen schon sehr erleichtert.“ Ein weitere wichtige Aufgabe: „Sie müssen lernen, Regeln zu akzeptieren. Etwa nicht einfach den Schulhof zu verlassen, wenn es ihnen passt. Oder Erwachsenen Respekt zu zollen.“ Hilse ist froh, dass er dabei auch auf viele ehrenamtliche Helfer bauen kann – darunter auch einige pensionierte Lehrer und Lehrerinnen.

Empathie bei den Schülern

Eine von ihnen ist Barbara Kahlen. Sie leitete früher die Hauptschule in Pennenfeld und war bis zu ihrer Pensionierung Regierungsschuldirektorin bei der Bezirksregierung Köln. Die Hände in den Schoß legen wollte sie im Ruhestand aber nicht, und so „bewarb“ sie sich an Hilses Schule. Der „nahm sie sehr gerne“, wie er sagt und lacht. Schnell stand fest: Kahlen sollte die Kinder im Fach Mathematik fördern, denn auch in dem Fach hatten die meisten große Defizite. „Viele von ihnen hatten ja zuvor nie eine Schule besucht“, sagt Kahlen. Zweimal die Woche kommt die Pädagogin nach Endenich, um zwei Gruppen mit jeweils drei bis vier Schülern in Mathematik zu unterrichten. Und davon haben beide Seiten etwas: „Mir macht es viel Spaß, und ich habe den Eindruck, die Kinder lernen gern, weil sie lernen wollen.“

Sybille Clement leitet die Jahnschule in Auerberg – eine Gemeinschaftsgrundschule mit 285 Kindern. 21 sprechen kein Deutsch, dazu kommen sieben Kinder aus Flüchtlingsfamilien. Im März 2016 zählte sie an ihrer Grundschule 23 Kinder ohne Deutschkenntnisse plus zehn Flüchtlingskinder, die ebenfalls Deutsch lernen mussten. „Die Zahlen haben sich nicht grundlegend geändert, aber im Gegensatz zu damals kommen die Kinder jetzt nicht mehr alle auf einen Schlag“, sagt die Schulleiterin. Auch Clement schätzt die Unterstützung durch derzeit zwölf ehrenamtliche Helfer. Das Gros stellt der Kinderschutzbund, der die ehrenamtlichen Kräfte auf ihre Aufgabe vorbereitet hat. Viele Grundschüler stammen aus sozial schwachen Familien und haben einen Migrationshintergrund „Es geht ja nicht allein darum, dass die Kinder etwas lernen, sondern dass sich jemand um sie kümmert.“ Es sei wichtig, dass sie mal für eine Stunde die Aufmerksamkeit eines Erwachsenen genießen könnten, dass ihnen jemand zuhöre.

Und wie gehen die Schüler mit den Neuankömmlingen aus den Flüchtlingsfamilien um? „Ich erlebe viel Empathie bei ihnen. Wenn zum Beispiel jemand etwas zu einem Kind sagt, das kein Deutsch spricht, dann stellen sich andere Kinder schützend davor und erklären, dass es doch nichts verstehen könne“, erzählt Clement. Im Moment, so sagt sie, fehlten wieder Lehrkräfte für Deutsch als Zweitsprache. Im Zuge der Flüchtlingswelle habe die Zuweisung von Lehrerstellen gut geklappt. „Jetzt hakt es leider wieder. Dabei brauchen wir doch dringend die Anschlussförderung.“