Patentierter Abstandhalter

Wie vier Bonner den Radverkehr sicherer machen wollen

Der flexible Abstandhalter soll Radfahrern vor allem auf unübersichtlichen Straßen wie am Koblenzer Tor den nötigen Sicherheitsabstand verschaffen.

Der flexible Abstandhalter soll Radfahrern vor allem auf unübersichtlichen Straßen wie am Koblenzer Tor den nötigen Sicherheitsabstand verschaffen.

Bonn. Überholende Autos bringen Radler oftmals in Bedrängnis, weil sie zu knapp vorbeifahren. Mit einem patentierten Abstandhalter wollen vier Bonner den Radverkehr sicherer machen. Eine Testfahrt.

Auf der B9 stadteinwärts endet der Schutzstreifen für Radfahrer kurz vor dem Koblenzer Tor unvermittelt. Weil sich die Fahrbahn verengt, ist dafür kein Platz mehr. Das hält an diesem Nachmittag einige Autofahrer keineswegs davon ab, in der Tordurchfahrt Radfahrer zu überholen. „Ein solches Verhalten ist wirklich gefährlich und anmaßend“, ärgert sich Fritz Schwirz.

Doch bei Unmut will es der rüstige Rentner nicht belassen. Schon lange bevor Anfang vergangener Woche eine 25-jährige Radlerin auf der Bornheimer Straße von einem abbiegenden Lastwagen erfasst wurde und später an ihren Verletzungen starb, hat der Bonner zusammen mit anderen Aktiven in der Initiative Verkehrswende in Bonn überlegt, wie Radfahrer im Straßenverkehr künftig den Raum bekommen können, der ihnen zusteht.

Bügel lässt sich ein- und ausklappen

„Wir können nicht abwarten, bis endlich gute Radwege gebaut werden. Wir müssen als Bürger jetzt etwas tun“, sagt Schwirz. Dazu ist der Ingenieur in seiner Garage verschwunden und mit einem praktischen Zubehör für jedes Fahrrad wieder herausgekommen. Er hat die rote Kelle weiterentwickelt, die schon in den 1970er-Jahren Autos auf 50 Zentimeter Abstand halten sollte. Schwirz hat einen Bügel konstruiert, der sich am Fahrradrahmen anschrauben lässt. Wenn man ihn hochzieht, lässt er sich während der Fahrt ein- und ausklappen.

Das deutsche Patentamt hat Schwirz' Idee geschützt. Daran hängt eine flexible, einen Meter ausziehbare Aluminiumstange mit einem leuchtend gelben Wimpel. Passend dazu gibt es ein Schild für den Gepäckträger oder Warnwesten mit Aufdruck, die Autofahrer zum Abstandhalten aufrufen. „Wir Radfahrer können uns jetzt richtig breit machen“, sagt Schwirz. Einschlägige Urteile deutscher Gerichte gäben Radfahrern schließlich immer wieder Recht, die sich von überholenden Autos bedrängt fühlen (siehe „So viel Platz brauchen Radfahrer“).

Funktioniert das aber auch im Verkehr? Am Alten Zoll starten Schwirz, seine Frau Cornelia Bröschen, die bei Fridays for Future aktive Abiturientin Maya Krieger und der verkehrspolitisch engagierte dreifache Vater Herand Müller-Scholtes zu einer Testfahrt durch die Innenstadt.

Schon das Abbiegen von der Rheingasse auf den Belderberg ist nicht ungefährlich. Autofahrer missachten die rot markierte Frontfläche für Radfahrer vor der Ampel. Durch den Hofgarten kommt man auf dem provisorischen Weg neben dem Baustellenzaun allenfalls im Schritttempo voran. Das ist misslich für Radler und Fußgänger. Vor dem Hauptbahnhof ist die Lage vor allem durch die beiden Baustellen gänzlich unübersichtlich. Ein Lkw-Fahrer drängelt sich mit seinem zuvor an der Baustelle zum Maximiliancenter geparkten Transporter an der Einmündung der Maximilianstraße in die Straße am Hauptbahnhof rücksichtslos vor die Radler, um die Grünphase der Ampel nicht zu verpassen. Eine parkende Taxifahrerin lässt in der Mittagshitze sogar die offene Fahrertür auf die Fahrbahn ragen.

Straßenbahnschienen als Sturzgefahr

Auf gerader Straße zeigt der Abstandhalter Wirkung: Auf der Rabinstraße Richtung Alter Friedhof machen viele Autos einen weiten Bogen um die ausgestreckten gelben Wimpel. Das klappt auch auf der Bornheimer Straße, obwohl es der Verkehr dort besonders eng hat. Die Fahrbahn ist für Busse und breite SUV schlicht nicht ausgelegt.

Schwirz und seine Mitstreiter radeln weiter auf dem Hochstadenring nach Norden. Ausgerechnet ein Streifenwagen der Polizei ohne Blaulicht kommt ihnen dort beim Überholen nah. Auf der Kölnstraße zwingen Straßenbahnschienen – eine gefährliche Sturzquelle – mitten auf die Fahrbahn. Nicht alle Autofahrer haben dafür offenbar Verständnis. Das vielleicht engste Nadelöhr indessen ist die Oxfordstraße. Dort traut sich Cornelia Bröschen auch mit Helm und Abstandhalter nicht weiter. „Viele Autofahrer halten die Straße für eine Rennbahn“, glaubt sie. Zudem parken Lieferwagen und Pkw auf der Schutzspur am Fahrbahnrand. Und in der Gegenrichtung zum Rhein hin sind die Fahrspuren unter der Überwegung zum Stadthaus so eng, dass die meisten Autofahrer den Schutzstreifen missachten.

„Viele meiner Bekannten sagen mir: Wir würden gerne Rad fahren. Aber das ist uns in Bonn zu gefährlich. Darum nehmen wir das Auto“, sagt Bröschen. Am vergangenen Mittwoch haben die vier Aktivisten zusammen mit dem Verkehrsclub Deutschland (VCD) nach wochenlanger Planung auf der Plattform Startnet eine bundesweite Crowdfunding-Aktion für den Abstandhalter gestartet. Wenn 3000 Euro zusammenkommen, werden die ersten 100 Stück für die Spender produziert.

Dabei haben sie auch den Schulterschluss mit der Polizei gesucht. Ein für März langfristig vereinbarter Termin zur Vorstellung des Projektes bei der Leiterin der Direktion Verkehr im März wurde kurzfristig abgesagt. Für ein solches Projekt habe man keine Zeit, hatte man Schwirz mitgeteilt. Simon Rott von der Pressestelle der Polizei bestätigt den Vorgang. Es habe eine wichtige Besprechung gegeben. Warum es zu keinem Ersatztermin gekommen sei, weiß er nicht.