Interview mit UN-Exekutivsekretär Jacques Trouvilliez

Weltzugvogeltag: das Dilemma von Tierschutz und Klimawandel

05.05.2015 Seit 2006 wird immer am zweiten Wochenende im Mai mit dem Weltzugvogeltag an die besondere Schutzbedürftigkeit dieser Vögel und ihrer Lebensräume erinnert. Die UN in Bonn setzen auch dieses Mal einen musikalischen Akzent für Artenschutz.

Der Opernchor "Corale Lirica San Rocco" aus Bologna gibt am Samstag, 9. Mai, ab 19 Uhr in der Kreuzkirche ein Benefizkonzert. Mit Jacques Trouvilliez, Exekutivsekretär des Abkommens zur Erhaltung der afrikanisch-eurasischen wandernden Wasservögel (AEWA), sprach Cem Akalin.

Sie möchten beim Weltzugvogeltag vor allem auf die Situation des Nonnenkranichs, der auch Schneekranich genannt wird, aufmerksam machen. Warum?
Jacques Trouvilliez: Mit weltweit nur noch 3500 bis 4000 Vögeln ist der Schneekranich auf der Roten Liste der Weltnaturschutz-Union als vom Aussterben bedroht verzeichnet. Hauptbedrohungen sind der Verlust an Feuchtgebieten und Winterquartieren durch Wasserumleitung, landwirtschaftliche Entwicklung, der Bau von Ölfeldern und die zunehmende Nutzung durch den Menschen.

Was ist die größte Gefahr?
Trouvilliez: Die größte Gefahr geht von der geplanten Staumauer am Auslauf des Poyang-Sees in China aus, um den Wasserfluss für Schifffahrt und Bewässerung zu nutzen. Diese neue Baumaßnahme soll die Wasserstände nach dem Bau des Drei-Schluchten-Damms am Yangzi-Fluss regulieren.

Es gibt zwei Hauptlebensräume der Schneekraniche: Eine östliche Population brütet im nordöstlichen Sibirien und überwintert am mittleren Yangzi, eine andere brütet im westlichen Sibirien und verbringt den Winter im Iran am Südufer des Kaspischen Meeres. Es gab früher noch andere Populationen. Welche besonderen Schutzprogramme gibt es für die verbliebenen Populationen?
Trouvilliez: Es gibt Brutplätze und Winterquartiere, die noch keinem Schutz unterstehen. Unter dem speziellen Abkommen für die Erhaltung des Schneekranichs, das unter dem Dach der Bonner Konvention geschlossen wurde, ist ein Netz von Gebieten zum Schutz des Schneekranichs entstanden. Verbesserter Schutz konnte für mehr als 2,4 Millionen Hektar durch die Ausweisung vier neuer Schutzgebiete erzielt werden. Drei weitere wurden vergrößert, und anderen wiederum wurde ein verbesserter rechtlicher Schutz gewährt.

Was ist mit dem Thema Jagd?
Trouvilliez: Es gibt Aufklärungskampagnen für Jäger. Illegale Jagd ist ein großes Problem. Zusammen mit der International Crane Foundation wurden Jagdverbände gegründet, um die Jäger in Schutzprogramme einzubinden mit dem Ziel, die Sterberate der Kraniche zu senken.

Videorückblick: Konzert zum Weltzugvogeltag 2013

 

Zugvögel leiden generell immer mehr an der Zerstörung ihrer Lebensräume. Was ist das größte Problem?
Trouvilliez: Verlust, Zerstörung und Veränderung von natürlichem Lebensraum sind die wichtigsten Ursachen für die Gefährdung, weil sie die Rast-, Nahrungs- und Brutplätze der Zugvögel während ihrer Wanderung beeinträchtigen. Aufgrund der Zerstörung können einige Arten innerhalb eines Jahrzehnts aussterben, während andere Populationsverluste von bis zu neun Prozent pro Jahr verkraften müssen. Darüber hinaus sind Zugvögel mehr Risiken ausgesetzt, weil sie sich in großer Zahl an bestimmten Orten zu vorhersehbaren Zeiten versammeln, sodass sie eine leichte Beute für Wilderer sind. Nach Schätzungen von Birdlife International werden jedes Jahr Millionen Vögel im Mittelmeerraum getötet oder illegal gefangen.

Und der Klimawandel ist sicherlich auch ein Problem...
Trouvilliez: Richtig. In den kommenden Jahrzehnten wird der Klimawandel voraussichtlich dramatische Auswirkungen auf die Verbreitung und das Überleben von Zugvögeln haben. In der arktischen Tundra wird der Klimawandel zahlreiche Brutplätze für Wasservögel vernichten. Der Klimawandel kann sich auch auf bestimmte Vogelarten auswirken, weil der Zeitpunkt der Wanderung nicht mehr mit der Verfügbarkeit von Nahrungsressourcen übereinstimmt.

Es ist schon paradox: Einerseits wollen wir die Umwelt schützen, indem wir nach neuen Wegen auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien suchen, andererseits bedrohen etwa große Windkraftanlagen die Existenz von Zugvögeln. Wie kommen wir raus aus diesem Dilemma?
Trouvilliez: Erneuerbare Energien sind notwendig, um die Auswirkungen des Klimawandels abzuschwächen. Davon profitieren auch die Zugvögel. Man muss den Einsatz dieser Technologien aber so planen und umsetzen, dass keine große Gefahr für Zugvögel von ihnen ausgeht. Es dürfen keine neuen Hindernisse für den Vogelzug entstehen. Der Standort von Windkraftanlagen muss die Überlandleitungen zum Verbraucher berücksichtigen und so berechnet werden, dass Engpässe wie die Straßen von Gibraltar und Messina sowie die Flugroute über Israel ausgeklammert werden. Risikokarten zeigen diese lebenswichtigen Engpässe an. Bei der Planung sind Umweltverträglichkeitsstudien und Umweltmonitoring ausschlaggebend. Sie berechnen die voraussichtlichen Auswirkungen der Windkraftanlagen. Bei bestehenden Windkraftanlagen gibt es die Möglichkeit, sie während des Vogelzugs vorübergehend abzuschalten. In Deutschland wurden stellenweise Reflektoren an Hochspannungsleitungen angebracht, um sie für Vögel besser sichtbar zu machen und sie vor Zusammenstößen zu schützen.

Der Opernchor "Corale Lirica San Rocco" aus Bologna gibt zum dritten Mal ein Benefizkonzert. Der Erlös soll dem Schutz des vom Aussterben bedrohten Schneekranichs zugutekommen. Wissen Sie schon, wofür das Geld speziell eingesetzt werden soll?
Trouvilliez: In sieben Ländern feiern die Menschen seit 2002 den Kranichtag, um den Schutz dieser Art und ihrer Lebensräume zu fördern. Nur mit ihnen zusammen können wir den langfristigen Schutz und das Überleben des bedrohten Schneekranichs sicherstellen. Aufklärung entlang der Zugrouten der Kraniche ist dabei von zentraler Bedeutung. Deshalb wollen wir eine Broschüre in den Sprachen Zentralasiens herausgeben, um die Menschen grenzüberschreitend über diese Kranichart zu informieren und sie langfristig für ihren Schutz zu gewinnen.

Das Konzert in der Kreuzkirche beginnt am Samstag, 9. Mai, um 19 Uhr. Eintrittskarten für 25 Euro plus Vorverkaufsgebühren gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen. (Cem Akalin)