Sechs Bauvarianten

Was wird aus der Oper in Bonn?

Bonn. Die Stadtverwaltung hat ein Gutachten zur Zukunft der städtischen Theatergebäude vorgestellt. Dabei geht es im Kern um die Frage, ob Opernhaus und Schauspielhaus instand gesetzt oder neu gebaut werden sollten.

Die Stadtverwaltung hat am Donnerstag ein Gutachten zur Zukunft der städtischen Theatergebäude vorgestellt. Dabei geht es um die Frage, ob Opernhaus und Schauspielhaus (frühere „Kammerspiele“) instand gesetzt oder neu gebaut werden sollten. Dazu untersuchte das Fachbüro Actori sechs verschiedene Varianten, die nun dem Stadtrat vorgelegt werden sollen. Die Stadtverwaltung schlägt außerdem vor, ein Bürgerbeteiligungsverfahren einzuleiten. Die Kernaussagen des Gutachtens:

1 Erstes Szenario

Instandsetzung von Oper, Schauspiel und Halle Beuel bei laufendem Spielbetrieb. Kosten: 137 Millionen Euro. Vorteile: Im Stadtbild etablierte Häuser bleiben erhalten, kontinuierliches Angebot an vertrauten Standorten. Nachteile: „Anforderungen an eine zeitgemäße Theaterinfrastruktur“ nur „sehr schwer umsetzbar“. Bauliche Nachteile wie enge Gänge und fehlende Lagerflächen in der Oper können nicht behoben werden. Umfassende Maßnahmen sind nur in den Spielzeitpausen möglich – es droht eine Dauerbaustelle. Das Städtische Gebäudemanagement hält die Instandsetzung im laufenden Betrieb für undurchführbar. Auch die Gutachter schreiben von einem „hohen Risiko“, weil die Baubranche derzeit ausgelastet ist.

2 Zweites Szenario

Instandsetzung aller Häuser, Spielbetrieb in einer Ersatzspielstätte. Actori schlägt dafür einen Holzbau auf dem Vorplatz der Beethovenhalle vor (acht Millionen Euro Investition, 500 000 Euro Betriebskosten jährlich). Gesamtkosten: 130 Millionen Euro. Vorteile: Etablierte Gebäude bleiben, Interim ermöglicht beschleunigte Instandsetzung und künstlerische Experimente. Nachteile: Keine bauliche Verbesserung, mögliche Qualitätseinschränkungen in der Ersatzspielstätte können Abo-Kündigungen verursachen.

3 Drittes Szenario

Neubau Mehrspartenhaus in Bad Godesberg. Kosten: 151 Millionen Euro. Vorteile: Chance zur Aufwertung des Stadtbezirks, Synergieeffekte durch Zusammenlegung von Oper und Schauspiel in einem Gebäude, moderne Infrastruktur, während der Bauphase keine interimsbedingten Besucherverluste. Nachteile: Aufgabe von drei etablierten Gebäuden, einschließlich Stadthalle, die abgerissen werden müsste. Ob es gelingt, dafür den Denkmalschutz aufzuheben, werten die Gutachter als hohes Risiko. Godesberg gelte nicht als typischer Opernstandort und werde als „relativ weit außerhalb“ wahrgenommen. Für bisherige Nutzer der Stadthalle könnten zudem die Alternativen fehlen.

4 Viertes Szenario

Neubau Opernhaus am bisherigen Standort (mit Interimsspielstätte) und Instandsetzung des Schauspielhauses (bei laufendem Betrieb). Gesamtkosten: 161 Millionen Euro. Vorteile: Neubau am bewährten Opernstandort, moderne Infrastruktur. Nachteile: Nur Oper wird aufgewertet, nicht aber das Schauspiel; prägendes Operngebäude wird abgerissen; Interimsrisiken bei den Besucherzahlen.

5 Fünftes Szenario

Neubau Mehrspartenhaus mit Schauspiel am bisherigen Opernstandort, mit Interimsspielstätte. Kosten: 169 Millionen Euro. Vorteile: Wie oben, zusätzlich Synergieeffekte und erleichterte Arbeitsabläufe. Nachteile: Opernhaus wird abgerissen, das Schauspielhaus wird umgenutzt, Godesberg verliert die etablierte Bühne, dazu Interimsrisiken.

6 Sechstes Szenario

Der „Beethoven-Campus“: Neubau eines Mehrspartenhauses auf der Freifläche vor der Beethovenhalle für Oper, Schauspiel und weitere Akteure der Kulturszene. Kosten: 149 Millionen Euro. Vorteile: Ein Campus könnte Bonn als Kultur- und Beet-hovenstadt stärken, Kooperationen erleichtern, Synergieeffekte, moderne Infrastruktur. Nachteile: Mit Oper und Schauspiel werden zwei bekannte Standorte aufgegeben. Dieses Szenario ist die preisgünstigste Neubauvariante, allerdings gibt es bei Urheberrechts- und Denkmalschutzfragen hohe Risiken. Unter dem Gelände liegen die Trümmer einer alten Klinik. Deshalb birgt auch die Beschaffenheit des Untergrunds Risiken.

Die Gutachter bewerteten für alle Varianten auch „nicht-monetäre“ Faktoren – etwa Attraktivität, zeitliche Realisierbarkeit, Erreichbarkeit, Umgebung und Raum für kulturelle Bildungsangebote. Vorläufiges Fazit der Stadtverwaltung: Die Instandsetzungsvarianten sind etwas preiswerter, schneiden aber bei diesen „weichen“ Faktoren besser ab. Wenn Instandsetzung, dann nicht im laufenden Betrieb, da das zeitliche Risiko zu groß sei. Das geringste Risiko stelle ein reiner Opernneubau am alten Standort dar; er sei aber teurer als die beiden anderen Neubauvarianten.

Actori hat die Instandsetzungskosten auf Grundlage einer früheren Untersuchung des Büros Theapro geschätzt. Für die Neubauvarianten sind kleinere Stadttheater, die etwa in Erfurt, Linz, Krakau, Potsdam neu errichtet wurden, als Maßstab angelegt worden. Baupreissteigerungen von 2,6 Prozent pro Jahr sowie ein Risikopuffer von 30 Prozent sind eingerechnet. Trotzdem handelt es sich nur um grobe Kostenprognosen. So weist Actori selbst darauf hin, dass zum Beispiel keine Erkenntnisse über Schadstoffbelastungen wie Asbest in Oper und Kammerspielen vorliegen. Bei den Instandsetzungen besteht deshalb ein hohes Risiko, dass die Ausgaben – wie bei der Beethovenhalle – am Ende deutlich höher ausfallen.

Diese Unwägbarkeit sei ein Grund, warum er sich noch auf keine Variante festlegen könne, erklärte Oberbürgermeister Ashok Sridharan in einer Pressekonferenz. Er könne sich allerdings nur eine Lösung vorstellen, bei der das Schauspiel in Bad Godesberg bleibe. Sridharan: „Das ist aber nur meine persönliche Meinung, ich will den Beratungen nicht vorgreifen.“

Während der scheidende Kulturdezernent Martin Schumacher die Szenarien 2, 4 und 5 für realisierbar hält, befürwortet Generalintendant Bernhard Helmich eine Instandsetzung der bisherigen Häuser. „Mich wundert, wie leichtfertig bei historischen Gebäuden von Abriss geredet wird“, sagte er. Das Opernhaus stehe für die „Blütezeit der Stadt und der deutschen Demokratie“. Unter Denkmalschutz allerdings steht sie nicht. Das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland hat Sridharan zufolge vor Kurzem seine Prüfung abgeschlossen. Die Oper gelte demnach wegen zu starker baulicher Eingriffe nicht als Denkmal.