Erzählcafé in Bonn

Plädoyer für einen gemeinsamen Start ins Leben

Beim „Junior-Erzählcafé“ im Landesmuseum sprechen Jugendliche mit Müttern über Geburtskultur und die Geburt an sich.

Beim „Junior-Erzählcafé“ im Landesmuseum sprechen Jugendliche mit Müttern über Geburtskultur und die Geburt an sich.

Bonn. Beim „Junior-Erzählcafé“ befragen Bonner Schülerinnen Zeitzeugen und junge Mütter. In den 70er und 80er Jahren wurden die Geburten nicht so sorgsam begleitet wie heute.

An die Geburt ihrer ältesten Tochter 1966 erinnert sich Marianne Krüll nur ungern. „Ich bekam mein Kind in den ersten 24 Stunden überhaupt nicht zu sehen. Natürlich wurde ich narkotisiert, damit ich dem Klinikpersonal weniger Mühe machte. Aber wie sollte ich mich wehren?“, fragte sie die Oberstufenschüler der Marie-Kahle-Gesamtschule. „Ich war doch vollkommen alleine. Väter gingen damals nicht mit in den Kreißsaal.“

Die Ärztin Stefanie Schmid-Altringer und die Hebamme Lisa von Reiche hatten die 16- bis 18-Jährigen zum „Junior-Erzählcafé“ ins Landesmuseum eingeladen. Unter dem Motto „Der Start ins Leben“ standen ihnen Mediziner, Hebammen, junge Mütter, schwangere Frauen sowie Zeitzeugen Rede und Antwort.

Bücher und medizinische Empfehlungen rund um Schwangerschaft und Geburt gibt es heute reichlich. „Aber wir wollen dieses Fachwissen um Erfahrungswissen ergänzen“, erklärte Schmid-Altringer.

Noura, Nicola und Jasmin aus der Jahrgangsstufe 12 interessierten sich vor allem für die Erfahrungsberichte von Elke Dickmann. Sie hatte ihre Kinder in den 1970er und 1980er Jahren in der damaligen DDR zur Welt gebracht. „Hausgeburten waren verboten. Es gab auch keine Nachsorge durch Hebammen. Die Kinder wurden nur gemessen und gewogen. Das war's.“

Dass dieses System nicht menschlich war, sei ihr erst nach der Wende so richtig bewusst geworden. Auch die drei jungen Frauen vom Leistungskurs Pädagogik hielten dieses System für alles andere als optimal. „Gerade in den ersten Tagen ist die Bindung von Mutter und Kind sehr wichtig“, meinte die 17-jährige Jasmin. „Diese innige Beziehung kann sich doch nicht entwickeln, wenn die Babys auf Säuglingsstationen isoliert werden“.

Und die Väter? „Die konnten ihre Kinder eine Woche lang nur durch die Scheibe betrachten. Viele haben ihren Sohn oder ihre Tochter erstmals zu Hause im Arm gehalten“, ergänzte Dickmann, die heute Geschäftsführerin im Geburtshaus Bonn ist.

„Der Start ins Leben soll nicht länger von Angst, sondern von Freude und dem Gefühl der Geborgenheit geprägt sein. Wir möchten mit dem Erzählcafé ein Zeichen setzen, damit sich in der Geburtskultur für künftige Generationen etwas ändert“, sagte Schmid-Altringer.

„Ich bin wirklich erstaunt, dass es immer noch Mythen gibt, die man wohl nie ausrotten wird“, berichtete Marianne Krüll am Ende der Veranstaltung. So sei sie gefragt worden, ob es stimmt, dass Babys taub blieben, wenn sie nach der Geburt nicht sofort schreien. „Was für ein Unfug“, erwiderte die Autorin, die ihre traumatischen Geburtserfahrungen in einem Buch aufgearbeitet hat.