Besuch im Bonn-Center

Noch dreht sich der Stern über Bonn

Panorama mit Bonn-Center. Fotograf Volker Lannert hat für dieses Bild seine Drohne steigen lassen.

Panorama mit Bonn-Center. Fotograf Volker Lannert hat für dieses Bild seine Drohne steigen lassen.

22.02.2016 Bonn. Als Traum von weltstädtischem Glanz wurde 1969 das Hochhaus am Bundeskanzlerplatz eröffnet. Seit dem Regierungsumzug ging es bergab, der Abriss ist besiegelt. Ein Parcours durch die Geschichte des Bonn-Centers.

"Ein Hauch von Manhattan am Bundeskanzlerplatz“, war in der Beilage des General-Anzeigers zur Eröffnung des Bonn-Centers im November 1969 zu lesen. Mancher sprach vom „Bonner Rockefeller-Center“, der „Spiegel“ ätzte hingegen: „Im kleinen Karo hoch hinaus.“ „Es wird funken und blinken“, versprach schließlich Philipp Bauschke, Bauherr des ambitionierten Hochhausprojekts vis-à-vis des Regierungsviertels, das Teil eines gewachsenen Selbstverständnisses der Bundeshauptstadt war.

Es fällt schwer, sich heute diesen Glanz vorzustellen. Der Concierge am Tresen in der Lobby blickt traurig auf die leere Wegweiser-Tafel: 18 Geschosse ohne Mieter. Auf den Etagen bietet sich ein trostloses Bild, Kabelbäume hängen herab, Türen sind ausgehängt, Schilder erinnern an Mitarbeiter, die vor Jahren in andere Bürotürme gewechselt sind, die Kaffeeküche ist verwaist, der fleckige blaue Bodenbelag wirft traurige Falten.

Nichts, aber auch gar nichts erinnert an den Glamour, der Bonns Hochhaus am Bundeskanzlerplatz einmal umwehte, an den Großreeder Aristoteles Onassis, der als Gast im Steigenberger Hotel logierte, im „Ambassador“ im 18. Stock speiste, womöglich auch noch ein paar Schritte weiter in Bonns höchstem Swimmingpool planschte. Die Begum und Paul Bocuse, die Bonner Politprominenz von Willy Brandt, Helmut Kohl und Helmut Schmidt bis hin zu Diplomaten aus aller Welt waren Stammgäste im „Ambassador“.

Vom Glanz ist nur noch Staub übrig geblieben: 1988 zog das Steigenberger aus, die sechs oberen Etagen wurden in Büroflächen verwandelt, der Pool wurde abgebaut. Und seitdem die Post als nächster Nutzer ausgezogen ist, herrscht Tristesse pur.

Bis Ende Juni wird der letzte Mieter ausgezogen sein, sagt Arne Hilbert von der Kölner Art Invest, die das gesamte Dreieck 2014 erworben hat und „entwickeln“ will. Ab Herbst wird das Bonn-Center abgerissen – sprengen wäre zu riskant. Das Abwrackkonzept liegt schon in der Schublade.

Bonn aus der Perspektive des rotierenden Sterns

Wer weiß? Vielleicht ist in wenigen Monaten – und dann noch für kurze Zeit – das einzige, was sich im Bonn-Center noch bewegt, der Mercedes-Stern auf dem Dach, der sich zweimal in der Minute um die eigene Achse dreht, als gelte es, wie ein Radar ganz Bonn abzuscannen. Seit viereinhalb Jahrzehnten tut der Stern seinen Dienst auf dem mittlerweile vierthöchsten Hochhaus der Stadt.

Ein ziemlich gesichtsloser Zweckbau – mit großer Aura. Jeder Bonner kennt das Bonn-Center, jeder diesen rotierenden Stern. Interessant wäre ein Perspektivwechsel, interessant zu wissen, was dieser Stern gesehen hat. Außer einem bombastischen Panorama vom Siebengebirge bis zur Kölner Bucht hatte der Stern zum Beispiel tiefe Einblicke in den Bonner Politbetrieb.

Der Kanzlerbungalow, der 1966 von Ludwig Erhard bezogen wurde, befindet sich – mitten im Park des Palais Schaumburg gelegen – im Blickfeld des Sterns, der dort Bundeskanzler kommen und gehen sah, die nicht alle dort wohnten, wohl aber den Bungalow nutzten. Der letzte Kanzler in Bonn, Gerhard Schröder, saß schon auf gepackten Koffern gen Berlin, ließ seinen Vorgänger Helmut Kohl im Bungalow wohnen.

Auch das Bundeskanzleramt, Epizentrum der Bonner Republik, das ganz am Anfang im Museum Koenig untergebracht war, dann ins Palais Schaumburg wanderte und schließlich ab 1976 im Neubau vis-à-vis des Bungalows residierte – bis 1999 – lag im Blickfeld des Sterns. Nebenbei gesagt: eine kühne Symbolik. Der Mercedes-Stern als Synonym für deutsche Wirtschaftsmacht hat die Politik fest im Blick, führt sie womöglich an der kürzeren oder längeren Leine, überlebt alle politischen Wahlzyklen. In der Berliner Republik herrscht heute eine andere Symbolik. Dort blickt das Pressehochhaus mit der Bundespressekonferenz herab auf Kanzleramt und Verwaltungsbauten. Ein Stück Politromantik: Die Presse als vierte Macht im Staat überwacht die Politik. Das Bonner Modell liegt sicherlich näher bei der politischen Realität.

Bonn-Center als Zeichen des neuen Selbstbewusstseins

Der Mercedes-Stern auf dem Bonn-Center ließ nicht alle kalt. Im Jahr 1991 verwahrte sich etwa die Bundestagsfraktion der PDS, die SED-Folgepartei, die sich später Die Linke nannte, gegen einen Umzug von ihrem damaligen Domizil in der Bonner Heinrich-Brüning-Straße in das Bonn-Center. Ulla Jelpke, Bundestagsabgeordnete der PDS, erklärte gegenüber der Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, durch die am Haus befindliche Werbung würde „die hohe Achtung vor der Arbeit des Deutschen Bundestages sehr leiden“. Es sei „mit der Würde des Bundestages nicht vereinbar, dass Abgeordnete sich hinter Reklameflächen von Mercedes-Benz, VW, Philips etc. auf ihre verantwortungsvolle Tätigkeit vorbereiten müssten.“ Die PDS zog schließlich doch ein, bezog bis 1999 die 7. und 8. Etage.

Drei Jahrzehnte früher gab es noch die DDR und die SED, den Kalten Krieg und eine Bundeshauptstadt Bonn, die allmählich ihre Rolle als Provisorium gegen die einer Kapitale wechselte. Was auch architektonisch zur Geltung kommen sollte. Der „Spiegel“, der gerne mit hanseatisch-hämischem Blick registrierte, was in Bonn passierte, berichtete 1967 unter dem Titel „Funkeln und blinken“ über den Bonner „Traum vom weltstädtischen Glanz“ an der „Kanzler-Kreuzung“ und widmete dem Projekt der Bauherren, Philipp Bauschke, Textilhändler aus Offenbach, und dem „Bonner Maurermeister“ Bernd Domscheit eine noch immer lesenswerte Geschichte.

Das Areal, eine Schrebergartenkolonie, sei „in aller Heimlichkeit“, so wusste das Magazin zu berichten, von der Stadt Bonn an die Bauherren verkauft worden. Geplant war nach dem Muster des Berliner Europa-Centers ein von dem Beueler Architekten Friedrich Wilhelm Gerasch erbautes 18-stöckiges, 60 Meter hohes Haus mit einem 90 Meter langen Seitentrakt. Die Funktionen: ein Hotel mit 320 Betten, ein Pool und eine Kunsteisbahn, Sauna, Massagesalon, Bowlingbahn, ein Kino, eine Disco, zwei Bars, drei Restaurants, acht Büroetagen, ein Shopping-Center mit Supermarkt und 18 Pavillon-Läden, ferner Appartements für Abgeordnete. So etwas hatte es in Bonn noch nicht gegeben.

Architekt Gerasch schwärmte im „Spiegel“ von dem „Schaufenster der Bundeshauptstadt mit internationalem Charakter, eine Begegnungsstätte der Bundeshauptstadt.“ Oberstadtdirektor Wolfgang Hesse meinte: „Wir brauchen endlich etwas Leben im Regierungsviertel.“ Und Bauherr Bauschke versprach: „Es wird funkeln und blinken.“

Der „Spiegel“ blieb an dem ambitionierten Bonner Bauprojekt dran und vermeldete zweieinhalb Jahre später Vollzug. Hatte das Blatt 1967 noch eher neutral über das „Weltstadt-Visavis“ für den damaligen Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger geschrieben, dessen Spazierrunden im Park des Palais Schaumburg vom Tanzcafé im obersten Stock des Bonn-Centers dereinst unter Beobachtung durch das Volk stünden, war der Tenor des Eröffnungsberichts im Dezember 1969 von blanker Häme geprägt. „Im kleinen Karo hoch hinaus“ hieß der Artikel. Die Präsidentensuite des Steigenberger-Hotels sorgte zum Beispiel für Heiterkeit: WC mit Panoramablick über das Siebengebirge, „Gitterstores nach guter Biedermannsart“, ein Marmorbad, geeignet nur für kleine Präsidenten.

Das Bonn-Center, laut „Spiegel“ eine „Beton-Oase“ im „absolut toten Winkel zwischen Bonns Regierungsviertel und der Diplomatenkolonie Bad Godesberg“, wurde mit einer opulenten Party eröffnet. Bundeskanzler Willy Brandt schaute mit Sohn Matthias schon vorher vorbei. Der Junge wurde, so der „Spiegel“, in die „Schwarze Bühne“ aus Prag gesetzt, der Papa schaute in das „New Yorker Homosexuellenstück 'Die Boys vom Club'“ rein. Laut „Spiegel“ eine „Probe neuer Bonner Toleranz, in der nahtlos von Tunten und Popos die Rede ist“. Brandt habe in sich hineingelacht, bemerkte das Blatt.

Mitglieder der Regierung lobten den Bau, versuchten, „dem Provisorium Bonn etwas von Weltstadt aufzuschminken“, kolportiert süffig das Blatt. Verkehrsminister Georg Leber hoffte, es werde nun in Bonn „etwas mehr Staat“ gemacht, Superminister Karl Schiller nahm gar „einen Hauch von Manhattan, urbane Luft und großstädtischen, hauptstädtischen Lebensstil“ wahr.

Der offiziellen Eröffnungsparty blieb das Bundeskabinett trotz aller Vorschusslorbeeren fern. Schiller hatte gerade einmal seinen „schweigsamen Staatssekretär“ Klaus Dieter Arndt geschickt, der laut Spiegel wegen der 60 Mark, die für das Party-Ticket zahlen musste, nicht amüsiert war „und sich schnell wieder empfahl“.

Ob er noch die Sängerin Dunja Reiter mitbekam, die der General-Anzeiger in seinem Eröffnungsbericht neben Hazy Osterwald mit seinem Orchester und „Go-Go-Girls aus Amsterdam“ aufführt, die für Stimmung sorgten? Der Artikel wird mit einem Foto des Bonner OB Peter Kraemer bebildert, der am Rand des Swimmingpools im Obergeschoss „zwei hübschen Badenixen“ zublinzelt.

Der „Spiegel“ amüsierte sich nicht nur über die „Stadtkultur als Fertiggericht: Bowlingbahn und Supermarkt, Boutiquenstraße, Etage der Ärzte, zwei Theater, das 18-stöckige Hotel, gehobene Kneipen, eine unter dem Namen 'Zum alten Kanzler'“ Als Bausumme nannte er 35 Millionen Mark – fünf Millionen weniger als 1967 veranschlagt. So etwas gab es damals. Der „Spiegel“ witzelte auch über die trostlose Eröffnung, der das gemeine Volk beiwohnen durfte: „Vergeblich wandelte ein fabelhaft modisches Publikum in allmählich eingestaubten Lackschuhen durch die Säle, Ausschau haltend nach der auf Bütten versprochenen Prominenz.“

Das gerne nicht ohne Ironie als „Bonner Rockefeller-Center“ bezeichnete Hochhaus mit dem sich drehenden Mercedes-Stern auf dem Dach machte auch ohne Polit-Segen Karriere. Botschaftskanzleien zogen ein. Man traf sich im Restaurant „Ambassador“ ganz oben unter dem Stern. Das „Informationsbüro Bonn“ des Europäischen Parlaments hatte bis Ende der 90er Jahre hier seinen Sitz. Ende 1987 war das gerade von dem Kabarettisten Rainer Pause gegründete Pantheon als Kabarett- und Kleinkunstbühne in den Keller des Bonn-Centers gezogen. Im August 2012 eröffnete das Pantheon eine zweite Spielstätte, dort, wo das Hochhaus und der Seitentrakt aneinander stoßen: Der Hausmeister des Bonn-Centers hatte den Tipp gegeben, Pause griff zu und baute das ehemalige Casino des Steigenberger-Hotels um. Aus dem Amüsierkeller mit Nachtclub und Glücksspiellizenz für Roulette und Blackjack entstand ein kleines Theater, ein Ort für Aufführungen und Konzerte im originellen Ambiente.

Arbeiten am Puls desBonner Politbetriebs

Spätestens, als 1988 das Steigenberger-Hotel auszog, weil die Zimmer, die Restaurants und Tagungsräume nicht mehr dem angepeilten Standard entsprachen (1990 übernahm die Steigenberger-Gruppe den Petersberg bei Bonn), verlor das Bonn-Center seinen Glamourfaktor. Die sechs Etagen wurden zu Büroflächen umgebaut und großteils von der Deutschen Post bezogen. 1993 zog der Fernsehsender n-tv in den Tower ein, nicht das einzige Medium, das hier, am Puls der Bonner Politik, residierte. Weitere Fernsehstudios, internationale Nachrichtenagenturen wie Reuters, Parlamentskorrespondenten logierten im Bonn-Center – prominentes Beispiel der heutige „Bild“-Chef Kai Diekmann, der bis Ende der 80er Jahre hier sein Büro hatte.

Spätestens seit dem Regierungsumzug leerte sich das Bonn-Center allmählich. 2011 zog der Großmieter Deutsche Post aus. 14 von 18 Etagen waren in der Folge ungenutzt. Eine Mucki-Bude belegte den Seitentrakt, in dem früher exotische Lebensmittel zu haben waren und sich Mitglieder des diplomatischen Corps mit Politikern trafen.

Talfahrt auch in wirtschaftlicher Hinsicht: Das zwischenzeitlich im Besitz der Bremer Landesbank befindliche Objekt ging 2007 an ein niederländisches Immobilienunternehmen, das 2009 Insolvenz anmeldete. Die damals geplante umfassende Modernisierung des Bonn-Centers war damit obsolet. Im Oktober 2014 übernahm die Kölner Art Invest das Hochhaus, die schon intensiv an der Zukunft des neuen Bonn-Centers arbeitet. Das Kölner Architekturbüro JSWD hat sich im vergangenen September in einem Wettbewerb mit seinem städtebaulichen Entwurf durchgesetzt, der ein 18-stöckiges Hochhaus und zwei fünf- bis sechsgeschossige Bürobauten um den neuen Bundeskanzlerplatz gruppiert.

Doch bevor die Zukunft anbricht noch ein Blick auf die Gegenwart und die geistigen und künstlerischen Energien, die dieses Bonner Hochhaus durchdrangen und nun wieder durchdringen. Das Bonn-Center war immer wieder Ziel studentischer Initiativen. Ende 2014 machten sich etwa 20 Architekturstudenten der Fachhochschule Köln unter den Professoren Jochen Siegemund und Eva-Maria Pape Gedanken über die Zukunft des Bonn-Centers. Interessante Szenarien entstanden, die breit diskutiert wurden. Die Mehrheit der Studenten sprach sich übrigens für den Abriss und eine neue Nutzung des Areals aus. Die Entwürfe der Kölner waren im Kunstmuseum Bonn zu sehen.

Auch die aus einer studentischen Initiative der Uni Bonn hervorgegangen Werkstatt Baukultur hat sich mit dem Bonn-Center befasst. Die Werkstatt plädiert für das Recycling einzelner Fassadenbauteile, die in den Neubau integriert oder im Freiraum aufgestellt werden könnten.

Alanus-Studenten und das Projekt „Pracht+Herrlichkeit“

Der geplante Neubau könnte sich auch auf die Gestalt des Bonn-Centers beziehen. Retten möchte die Initiative den Stern auf dem Dach, der sollte als stadtbildprägendes Zeichen, als Landmarke wieder aufgestellt werden. Ferner kann sich die Werkstatt vorstellen, das Areal in den „Weg der Demokratie“ einzubauen.

Die jüngste Beschäftigung mit dem Hochhaus ist eine künstlerische: Bachelor-Studenten der Alanus-Hochschule haben sich das 9. Stockwerk des Bonn-Centers für den Ort ihrer Abschlussarbeit ausgesucht. Seit einem Jahr laufen die Planungen, wie sich Christiane Wein erinnert, die die gesamte nördliche Schmalseite des Centers für eine lichtdurchflutete Installation nutzt. Die Fenster hat sie mit Buttermilch bestrichen, ein opakes Licht füllt den Raum, die Außenwelt ist nur schemenhaft erahnbar. Auf dem Boden liegen Din-A-4-Blatt große Platten aus Witterschlicker Ton, die Anordnung erinnert an die Struktur der Bonn-Center-Fassade.

„Prunk + Herrlichkeit“, ist der ironische Titel der Ausstellung. Sie versucht der Tristesse des abbruchreifen Hochhauses einen Hauch von Geschichte und – künstlerischer – Perspektive mit auf den letzten Weg zu geben. „Es war einfach schön, in dieses Abwrackhaus kübelweise weiße Farbe zu schleppen, um es schön zu machen“, sagt Wien. Und Alanus-Professor Jochen Breme ist begeistert, was die Studenten aus dieser Büroetage gemacht haben, die – Namenschilder verraten es – zuletzt von Mitarbeitern der Deutschen Post genutzt wurde. „Erst mal mussten Wände raus, um diese spießige Kleinteiligkeit aufzuheben“, sagt er. Wobei etwa Frieder Falk aus der Enge der Räume Kapital schlug: Sein riesiges bienen-korbähnliches Objekt aus Computer- und Telefonkabeln, die er vor Ort fand, hat er in einen Raum-Kokon aus weißem Polsterfließ eingebettet. Im Raum daneben türmen sich Teppichreste.

Auch Argia Wehner hat die Außenwelt ausgegrenzt: Ihre Arbeit ist eine schwarze Höhle im 9. Stockwerk mit einem Durchbruch in einen gleißend hellen Nebenraum. Der Besucher verliert sofort die Orientierung. Allein der dumpfe Straßenlärm von draußen hilft, sich zurechtzufinden. Die enge Struktur der Büroräume hat Cedric Müller zu einer witzigen Installation zum Thema „Letztes Abendmahl“ inspiriert: Man sieht die Reste des Zusammentreffens der Jünger auf dem Tisch und an der Wand den SMS-Dialog, den sie geführt haben, in einer Projektion. Malerinnen wie Ute Reincke, Anna Chulkova und Sara Bojko nutzen die ehemaligen Büros als White Cube für ihre Kunst, während ein Installationskünstler wie Wolfgang Tiller den Ausblick gen Süden zelebriert, ansonsten auf einer Sandfläche einen Aktionsraum für allerlei Aktivitäten schafft. Insgesamt offenbart „Pracht + Herrlichkeit“ einen pragmatischen, emotionsarmen Umgang mit dem sterbenden Hochhaus. Von Wehmut und Nostalgie keine Spur.

Bleibt zuletzt auf diesem Parcours durch viereinhalb Jahrzehnte Bonn-Center die Frage nach dem Stern, der nicht nur ein Logo des Automobilkonzerns ist. Der Stern von Bonn vernetzte die Stadt quasi mit einem Dutzend anderer Bauten, die ebenfalls den Stern auf dem Dach hatten. Etwa mit Hochhäusern in Stuttgart, Kassel, Berlin, Saarbrücken, Bochum und Essen. Zeitweilig hatte auch das „Haus am Ufer“ in Moskau einen Stern. Und was geschieht mit dem Bonner Stern? Art Invest verweist auf Mercedes-Benz als Besitzer des Objekts. Eine Anfrage dort gestaltete sich bizarr. Denn so recht fühlte sich niemand zuständig. Bis vor wenigen Tagen eine E-Mail mit der lapidaren Auskunft kam: „Die Sternanlage auf dem Bonn-Center wird im Zuge des Gebäuderückbaus entfernt. Eine weitere Nutzung ist nicht geplant.“

Ausstellung „Pracht + Herrlichkeit“ im Bonn-Center, 9. Stock; bis 28. Februar Mo-Fr 14-19, Sa, So 10-19 Uhr (Thomas Kliemann)