Spaziergang

Neues vom Alten Friedhof in Bonn

Die Grabstätten der Freiherren von Benekendorf: Hier liegen Vater und Sohn nebeneinander begraben.

BONN. Der Alte Friedhof in Bonn zählt zu den bedeutendsten Friedhöfen Deutschlands. Seine Grabstätten sind ein Spiegelbild der Bonner Stadtgeschichte, insbesondere des 18. und des 19. Jahrhunderts.

Dabei faszinieren nicht nur die Grabstätten von bekannten Persönlichkeiten wie Clara und Robert Schumann, Ernst Moritz Arndt und Beethovens Mutter - auch weniger bekannte Gräber erzählen Geschichten und geben einen Einblick in die facettenreiche Historie der Stadt.

Der drei Hektar große Friedhof, für die Bonner eine Oase am Rande der Innenstadt, ist von einer schlichten Mauer umgeben und liegt wie eine grüne Insel mitten in einer engen Bebauung. Angelegt im Jahre 1715 von Kurfürst Joseph Clemens, sollte die neue Ruhestätte zunächst die Friedhöfe der Bonner Pfarreien entlasten.

Der seinerzeit außerhalb der Stadt angelegte Armen- und Soldatenfriedhof lag auf einem freien Feld. Im 19. Jahrhundert wurde die Anlage mehrfach erweitert und von einer Mauer umgeben. Seit 1883 sind offiziell keine Neubestattungen mehr erlaubt. Es gibt jedoch Ausnahmen: Entweder ruhen Angehörige dort oder man besitzt die Bonner Ehrenbürgerschaft.

Auch Inhaber von Grab-Patenschaften können auf dem Alten Friedhof bestattet werden. Rund 9000 Gräber befinden sich derzeit auf der 1981 unter Denkmalschutz gestellten Ruhestätte. "Das Besondere am Friedhof ist, dass er sehr viel Kulturgeschichte auf sehr kleinem Raum bietet und in großen Teilen im Stile des 19. Jahrhunderts gestaltet ist", sagt der Historiker Rainer Selmann.

Der bekennende Berufsspaziergänger hat schon mehr als 1300 Spaziergänge durch das historische Bonn geführt. Am Dienstag stellte er auf seinem zweistündigen Rundgang weniger bekannte Gräber vor. "Es sind schon alte Gräber, die man aber jetzt neu entdeckt. Daher habe ich den Titel meiner Stadtführung 'Neues vom alten Friedhof' bewusst gewählt."

  • Zu Beginn stellte Selmann das Grab des ersten Rektors der Bonner Universität, Karl Dietrich Hüllmann, vor. Leider sei die Ruhestätte äußerlich in einem schlechten Zustand. "Ein Grab, das völlig in Vergessenheit geraten ist." Hüllmann war Historiker und leitete 1818 nach der Eröffnung die Universität.

    "In der damaligen Zeit war er in seinem Fachgebiet sehr erfolgreich", weiß Selmann. Karl Marx war ein Schüler Hüllmanns und zitierte den Historiker später auch in seinem Werk "Das Kapital". Privat hatte der Rektor allerdings Sorgen. Seine Frau brannte mit dem Direktor des Botanischen Gartens, Christian Gottfried Daniel Nees von Esenbeck, nach Breslau durch und kehrte nie zurück.
     
  • Neben Hüllmanns Grab befindet sich die Ruhestätte des Musikers Peter Grabeler. "Der Name sagt vielleicht zunächst nicht viel. Er lebte aber zur Zeit Ludwig van Beethovens und galt in seiner Zeit als zweiter Beethoven", erläutert der Historiker. Grabeler starb 1830 bereits mit 32 Jahren. Sein größter Wunsch ging nicht in Erfüllung: Statt Domkapellmeister wurde er Braumeister, da er die damals auf dem Bonner Marktplatz gelegene Brauerei seines Vaters nach dessen Tod übernehmen musste. Es handelt sich bei der Grabstätte Grabelers um ein Säulengrab, die Säule selbst in der Mitte ist bewusst abgebrochen und erinnert damit an den frühen Tod des Musikers.
     
  • Eine besondere ist auch die Geschichte rund um die Ruhestätte der Freiherren von Benekendorf. Vater und Sohn liegen nebeneinander begraben. "Es handelt sich hierbei um eine tödliche Vater-Sohn-Beziehung", erklärte Selmann. Der Sohn fürchtete den Vater offenbar sehr. Einmal kehrte der 54-Jährige zu spät an einem kühlen Novemberabend nach Hause und übernachtete aus Furcht im Freien. Er starb kurz darauf an einer Lungenentzündung.
     
  • Im älteren Teil der Anlage sind zwei Frauengräber bedeutend: Die Ruhestätten von Berta Lungstras und Prinzessin Agnes zu Salm-Salm. Lungstras gründete 1872 in Bonn das erste Versorgungshaus für Mütter mit unehelichen Kindern. "Eine bemerkenswerte Frau, man nannte sie auch die mutige Berta", so Selmann. Zu Salm-Salm wurde 1854 als Tochter einer Irokesin und eines US-Generals in Virginia geboren und hieß ursprünglich Wynona Joy.

    Schon als 14-Jährige arbeitete sie als Zirkusartistin in Kuba, kehrte aber alsbald in die USA zurück und lebte bei ihrem Vater in Washington. Auf einem Empfang lernte sie ihren späteren Ehemann Felix von Salm-Salm kennen. Sie arbeitete auf den Schlachtfeldern des Amerikanischen Bürgerkriegs als Krankenschwester und erhielt 1870 für ihre Verdienste das Eiserne Kreuz. Auf die Frage nach seinem "Lieblingsgrab" antwortete der Historiker Selmann: "Das gibt es nicht, es gibt zu viele interessante Gräber."