GA-Serie: "Bonn schreibt ein Kinderbuch"

Kapitel eins: So ganz anders als zu Hause

Bonn. Im ersten Kapitel kommt Flüchtlingsmädchen Sima in Bonn an. Schulklassen, Familien und Jugendgruppen erzählen die Geschichte in den kommenden Folgen weiter.

Kapitel eins:

Mein Name ist Sima, ich bin acht Jahre alt und komme aus Damaskus, das liegt in Syrien. Dies ist meine Geschichte. Sie ist ausgedacht. Aber es gibt viele Kinder, die wie ich sind. Sie sind mit Verwandten aus Syrien geflohen, um dem Krieg zu entkommen. Und weil es manchmal schwer ist, etwas zu verstehen, was man nicht selbst erlebt hat, erzählen wir meine Geschichte gemeinsam. Und erleben, was ich erlebe. In Damaskus haben wir in einem großen Haus gewohnt, zusammen mit Oma und Opa und meiner Tante Saida und ihren Kindern. Es gab einen großen Innenhof, in dem wir immer Fangen gespielt haben.

An einem Morgen war mein Onkel zu uns gekommen und hat gesagt, dass er Syrien verlassen muss. Es war nämlich Bürgerkrieg. Das konnte man an den Flugzeugen erkennen und an den Bomben. Das Geräusch ähnelt einem Donner bei einem Gewitter. Es donnerte die ganze Zeit.Dann ging alles ganz schnell. Papa wollte, dass ich mitgehe, weil es woanders sicherer war. Aber ich wollte nicht ohne Mama gehen und auch nicht ohne ihn und ohne meinen kleinen Bruder Karim und meine Schwester Sahar, die noch ein Baby ist. Dann hat Mama mir versprochen, dass sie alle bald nachkommen.

Seitdem waren wir in Ägypten und in Malta gewesen, und jetzt in Deutschland. Ich war froh, dass ich endlich wieder Boden unter meinen Füßen hatte. Das Meer und die vollen Boote und das Geschrei hatten mir Angst gemacht. Es war dunkel, als unser Zug in Bonn hielt. Ich war auf der Fahrt immer wieder eingeschlafen, und nun rüttelte mein Onkel an meiner Schulter. „Wir sind da!“

Wir waren da! Das war ein gutes Wort. Alle hatten es immer benutzt und gesagt, dass wir bald „da“ sein würden. Als wir in Ägypten waren, waren wir nicht „da“ gewesen. Und auch nicht in Malta. Vielleicht würden wir ja schon diese Nacht in einem richtigen Haus schlafen!

Ich klemmte mein Kopfkissen unter meinen Arm. Der Bezug war voller Löcher und hing an allen Seiten herab. Jede Nacht vor dem Einschlafen legte ich die Fetzen wieder zusammen, damit ich die bunten Blumen darauf wieder anschauen konnte. Ein fremder Mann begrüßte meinen Onkel, und wir stiegen in sein Auto ein. Meine Tante nahm meine Cousinen auf den Schoß und setzte meinen kleinen Cousin Almir auf meinen. Während der Fahrt sprach mein Onkel mit dem Mann über viele Dinge, die noch zu organisieren waren. Es waren komplizierte Wörter wie Ausländerbehörde dabei, die ich nicht verstand.

Ich war gleichzeitig müde und aufgeregt. Ob unsere Unterkunft ein echtes, richtiges Haus war? Mit einem Dach und Zimmern und Betten darin? Die Straßen hier waren anders als zu Hause. Da war ich immer wieder über die herausstehenden Steine gestolpert. Früher hatte ich mich immer darüber geärgert. Aber jetzt vermisste ich diese Straßen. Ich vermisste unser Haus und Mama und Papa und Karim und Sahar und Oma und Opa. Das Auto hielt in einer engen Gasse vor einem grauen Haus mit zwei Eingängen. Mein Onkel legte seinen Arm um mich. „Wir sind in Bonn angekommen.“