Wie ein ausgestorbenes Dorf

Gut Melb auf dem Venusberg verfällt

Ortstermin auf Gut Melb, das verkauft werden soll

Ortstermin auf Gut Melb, das verkauft werden soll

Venusberg. Die denkmalgeschützte Uni-Immobilie Gut Melb verfällt. Die Landes-Regularien verhindern aber einen schnellen Verkauf an das Bio-Netzwerk "Bion".

Architektonisch ist das Melb nicht gerade aus einem Guss. Immer wieder wurde umgebaut, drangesetzt, erneuert. Viele der elf Gebäude geben Zeugnis eines anderen Baustils, aber das macht den besonderen Charme aus. Das Herrenhaus in Gründerzeitmanier, das Torhaus mit kunstvollem Fachwerk, ein schmuckloses Wohngebäude und Stallungen aus Ziegelstein wie ein Fabrikgebäude aus den Anfängen der Industrialisierung stehen in unregelmäßiger Runde. Die grüne Mitte mit schönen alten Bäumen hat die Ausmaße eines Dorfplatzes. Hier gibt es viel Platz und viel Stille. Mieter war zuletzt die Uni Bonn.

Die gesamte Anlage steht seit 2016 leer. Heruntergewirtschaftet wirkt sie nicht, aber sanierungsbedürftig. Auf Anhieb kommen jedem Besucher Ideen, was man aus diesem Landsitz im Melbtal machen könnte. Ein romantisches Hotel, einen naturnahen Pferdehof, schicke Wohnungen? Rolf Paulus, zuständig für das Objektmanagement der Hochschulen beim landeseigenen Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB), schüttelt den Kopf. Das sei schwierig bis unmöglich. „Denn Landschafts-, Natur- und Denkmalschutz für Gut Melb mit 311 000 Quadratmetern samt Park, Bach, Wald und Wiesen setzen den Entwicklungsmöglichkeiten enge Grenzen.“

Welche Zukunft hat Gut Melb? Das wollte auch der Bürger Bund Bonn in einer Großen Anfrage wissen. Im März hat die Universität die Liegenschaft gekündigt. Seit 1952 war das Herrenhaus von Gut Melb Standort der Zoologie und Bienenkunde der Landwirtschaftlichen Fakultät. Mit der Emeritierung der verantwortlichen Professoren 2014 wurden die Lehrstühleverlagert. Zeitgleich ging auch der Landwirt Hans-Joachim Delfs, an den Stallungen und Wohngebäude verpachtet waren, in Ruhestand.

Aufgegeben hat die Uni Gut Melb schließlich, „weil der bauliche Zustand eine weitere Nutzung nicht zuließ“, erklärt die Uni-Pressestelle auf Anfrage. „Es herrscht ein ziemlicher Sanierungsstau“, kann Paulus vom BLB nur bestätigen. Und auch die Verwaltung erklärt in ihrer Stellungnahme auf die Große Anfrage: „In die Unterhaltung wurde in den letzten Jahren seitens des BLB nicht mehr investiert. Von daher ist die denkmalgeschützte Liegenschaft immer stärker von Verfall bedroht.“ Den Vorwurf weist der BLB von sich: „In den vergangenen Jahren sind wir unserer Eigentümerverpflichtung nachgekommen.“

Dennoch: Seit die Mieter ausgezogen sind, ist die Heizung ausgeschaltet. Es gab bereits einen Wasserschaden. Die Statik des mit Ziegeln gemauerten Stallgebäudes ist ins Wanken geraten. Und der Vandalismus nimmt zu, obgleich eine Sicherheitsfirma regelmäßig kontrolliert. Also kommt die Stadtverwaltung zu dem Ergebnis, „dass eine schnellstmögliche Neunutzung der Liegenschaft unabdingbar ist“.

Genau da liegt der Knackpunkt. Denn der Mietvertrag endet erst mit dem Verkauf der Liegenschaft. Voraussetzung ist die formelle Zustimmung zur Kündigung durch das Finanzministerium NRW und das Wissenschaftsministerium. „Die ist – aus der Verwaltung nicht bekannten Gründen – bisher nicht erfolgt“, heißt es in der Stellungnahme. Rolf Paulus, der in Bonn 312 von der Uni gemietete Gebäude in seiner Regie hat, verweist auf den vorgeschriebenen Gang des Verfahrens. Zunächst müsse geprüft werden, ob der Standort von anderen Landesbetrieben genutzt werden könnte. Wenn nicht, dann müsse er zur Verwertung vorgeschlagen werden, was wiederum langwierige Prüfungen nach sich zieht.

Dann erst kann die Immobilie – nur als Ganzes – in den Verkaufsprozess, das sogenannte Bieterverfahren, gehen. Das dauert. Zur Erinnerung: Das Gästehaus der Uni in Ippendorf steht seit Jahren leer. Das 2014 vom BLB angekündigte Verwertungs- und anschließende Bieterverfahren wird frühestens Ende 2017 beendet sein. So lange bleibt das Mietverhältnis mit der Uni für die leer stehende Immobilie bestehen. Das heißt: So lange zahlt die Uni Miete an den BLB. Wie viel ist das beim Gut Melb? „Zur Höhe der Mietkosten können wir keine Angaben machen“, erklärt die Uni-Pressestelle auf Nachfrage. Hinzukommen Bewirtschaftungskosten und Kosten aus der Verkehrssicherungspflicht. Das BLB bezahlt die Instandhaltung, „aber nur, was unbedingt nötig ist“, sagt Paulus.

Ein Interessent für Gut Melb ist bereits 2013 vorstellig geworden: Das Netzwerk beziehungsweise der Verein Bion. „Nach Kenntnis der Verwaltung befürwortet das BLB die künftige Nutzung der Liegenschaft durch Bion“, erklärt die Stadt in ihrer Stellungnahme. Die endgültige Entscheidung erfolgt jedoch durch Einbringung in den Haushaltsplan des Landes. Das dauert – findet auch Bion-Sprecher Professor Maximilian Weigend. Im Biodiversitätsnetzwerk Bonn (Bion) – haben sich über 50 Akteure aus dem Bereich der Erforschung und Erhaltung von Biodiversität – unter anderen UN-Einrichtungen, Uni-Institute, Ministerien und Behörden zusammengeschlossen. Außerdem wurde der Verein Bion gegründet, mit dem Ziel, ein Biodiversitätskonservatorium auf Gut Melb einzurichten.

„Der Verein Bion schlägt eine formelle Übertragung im Rahmen eines Erbpachtvertrags vor“, erläutert Weigend. Diese Form sei wichtig, für die Rechtssicherheit. „Wenn das Projekt scheitern sollte, bleibt der Standort im Besitz des BLB.“ Nach unzähligen Gesprächen mit allen Beteiligten sei Unterstützung signalisiert worden. „Doch dann wurden nach der Landtagswahl die Karten neu gemischt. Es fehlt die politische Umsetzung in Düsseldorf“, stellt Weigend fest. Sollte es am Ende zu einem Bieterverfahren kommen, „dann steigt Bion aus.“