Klimaschutz und Menschenrechte

Germanwatch-Geschäftsführer Christoph Bals ist ein guter Lobbyist

Von seinem Bonner Büro aus nimmt Christoph Bals Einfluss auf die Entscheidungsträger des globalen Nordens.

BONN. Christoph Bals wählt seine Worte. Manchmal braucht er einen Moment, bis er das richtige gefunden hat. Als würde er sie im Mund betasten - nicht, um das stumpfste auszumachen, sondern um jenes zu finden, das die passende Spitze hat.

"Mich ärgert es einfach, wenn der Täter über das Opfer triumphiert." Die Täter, das sind in diesem Fall die Entscheidungsträger des globalen Nordens, die Opfer Menschen in weniger entwickelten Ländern, die durch deren Handeln benachteiligt werden. "Wir in Deutschland müssen für unsere politischen Entscheidungen auch die entwicklungs- und umweltpolitische Verantwortung übernehmen."

Dafür setzt sich der politische Geschäftsführer von Germanwatch von seinem schlichten Büro im Werner-Schuster-Haus an der Kaiserstraße ein, in Hintergrundgesprächen, Kampagnen und Denkfabriken wirbt er für Menschenrechte, Ernährungssicherheit und das Klima - ein Lobbyist für das Gute.

Vor Kurzem ist der Klimagipfel in New York zu Ende gegangen. Bals - graumelierter Vollbart, randlose Brille, sportliche Sandalen zum Hemd - sitzt im Besprechungsraum und ist zufrieden. Der Gipfel habe das Thema wieder auf die politische Tagesordnung gesetzt. "Die Schlüsselfrage wird sein, ob in den nächsten Monaten den Worten dann auch Taten folgen werden." Die derzeit überall eskalierenden politischen Konflikte auf der Welt beobachtet Bals allerdings mit Sorge.

Natürlich müsse in der akuten Situation den Betroffenen von Naturkatastrophen und kriegerischen Konflikten geholfen werden. "Ich befürchte, dass darüber aber die Ursachen vergessen werden." Zu diesen gehören für Bals die zunehmende Ressourcenknappheit und die Veränderungen durch die globale Erwärmung.

Der Bonner Verein nimmt bei seiner Arbeit eine Doppelperspektive ein: Auf der einen Seite unterstützen Bals und seine rund 40 Mitarbeiter Initiativen in den Ländern des globalen Südens, die sich für Menschenrechte, Ernährungssicherheit, Umwelt- und Klimaschutz einsetzen. Auf der anderen Seite trifft Bals sich mit der politischen und wirtschaftlichen Elite in Deutschland, um deren Handeln zu beeinflussen.

Auch die Zivilgesellschaft versucht Germanwatch durch öffentliche Kampagnen zu beeinflussen. "Wir brüsten uns nicht gerne mit unseren Erfolgen", sagt der 54-Jährige. Nicht aus Bescheidenheit, sondern aus Taktik. "Unser Ziel ist, dass sich Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft unsere Idee zu eigen machen und sich damit profilieren können."

Ein Beispiel nennt er aber doch: Als das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz 2001 ganz zu scheitern drohte, weil George W. Bush ausscherte und die restlichen Staaten ohne die USA aufgeben wollten, habe Germanwatch gemeinsam mit dem WWF eine Kampagne gestartet. 120 Unternehmen aus 15 Ländern konnte der Verein überzeugen, sich für die Ratifizierung stark zu machen. "Es ist fraglich, ob es das Kyoto-Protokoll ohne diese Kampagne gäbe."

Bereits seit der Gründung von Germanwatch 1991 ist Bals dabei, zunächst als einfaches Mitglied, seit 2005 ist er politischer Geschäftsführer des Vereins. Schon davor hatte er sich in einem Münchener Journalistenbüro gemeinsam mit zwei Kollegen für die gleichen Themen eingesetzt. In München hat er Theologie und Volkswirtschaft studiert. Ende der 80er Jahre setzte er sich für die erste Schule in Nordirland ein, in der katholische und protestantische Schüler gemeinsam lernten. Dass er mit Ungerechtigkeit nicht leben kann, sieht er nicht als einen besonderen Zug seiner Persönlichkeit.

"Schon Kleinkinder haben ein Bewusstsein für Ungerechtigkeit, manchen wird es später ausgetrieben." Dass der Mensch nicht einfach ein Einzelkämpfer im Sinne des Sozialdarwinismus sei, und dass faire Kooperation sich auszahle, hätten Evolutionstheorie, Verhaltensforschung und Spieltheorie längst bewiesen. Selbst in den Wirtschaftswissenschaften sei für diese Erkenntnis ein Nobelpreis vergeben worden.

Doch Bals reicht es nicht aus, mit Empörung auf die Ungerechtigkeit zu reagieren. "Ich bekämpfe gerne Hoffnungslosigkeit und Depression mit guter Strategie." Dabei helfen wissenschaftlich belegte Daten und Fakten mehr als plumpe Propaganda. Dazu braucht es ein gutes Team, sagt er. Und die Unterstützung durch seine Frau und die beiden Kinder. Auch zu Hause versucht die Familie, gemäß den eigenen politischen Überzeugungen zu leben.

Die Heizung speist sich aus erneuerbarer Energie, ein Auto fahren die Bals nicht, sie ernähren sich vegetarisch. Für ihn ist das auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. "Ich möchte aber nicht in diesen Chor einstimmen, dass jeder Einzelne von uns für den Klimaschutz verantwortlich ist. Denn wenn alle verantwortlich sind, ist keiner verantwortlich." Nur wenn Regierungen politische Rahmenbedingungen und Unternehmen Geschäftsmodelle veränderten, könne auch das Handeln des Einzelnen etwas bewirken.

Bonner Klimahelden

In dieser Serie stellen wir Menschen in Bonn vor, die sich auf ganz unterschiedliche Weise - im Beruf, im Verein oder der Familie - für den Klimaschutz einsetzen. Kennen auch Sie Klimahelden? Schreiben Sie an bonn@ga-bonn.de