Langer Weg in den Berufseinstieg

Flüchtlinge in Bonn müssen bei Arbeitssuche geduldig sein

Warten auf die Ausbildung: Noch kann Mustafa Shekho nur als Minijobber im Leoninum bei der Betreuung der Bewohner helfen.

Warten auf die Ausbildung: Noch kann Mustafa Shekho nur als Minijobber im Leoninum bei der Betreuung der Bewohner helfen.

Bonn. Flüchtlinge, die in Deutschland einem Job nachgehen wollen, brauchen einen langen Atem. Denn der Weg in den Berufseinstieg birgt viele, größtenteils bürokratische, Hürden.

Ungeduld kann sich Mustafa Shekho nicht leisten. „Man muss warten. Das ist Deutschland“, sagt der 32-jährige Syrer, lächelt schüchtern und zuckt mit den Schultern. Dabei hätte alles eigentlich viel schneller gehen können. Der Ausbildungsplatz zum Altenpfleger in der Bonner Nova Vita Seniorenresidenz ist ihm sicher. Die Bewohner begrüßen den ehemaligen Praktikanten und jetzigen Minijobber bereits mit Namen, und Shekho, der in seiner Heimat Jura studiert hat, weiß: Als Altenpfleger sind seine Chancen in Deutschland gut. Und der Beruf passt zu ihm.

Trotzdem kann der kurdische Syrer noch nicht durchstarten mit seiner Ausbildung in einer Branche, die in Deutschland dringend Fachkräfte sucht. Sein Abiturzeugnis liegt seit etwa einem halben Jahr bei den Behörden zur Anerkennung. Und auch die Altenpflegeschule hat trotz frühzeitiger Anmeldung durch das Seniorenheim derzeit keine Plätze frei.

„Man braucht einen langen Atem, wenn man Flüchtlinge einstellen möchte“, kommentiert Shekhos Chefin Ruth van den Elzen, Direktorin des Seniorenzentrums und des Hotels Leoninum die bürokratischen Anforderungen. „Für jedes Praktikum, auch wenn es nur um einen einzigen Tag geht, brauchen wir eine Genehmigung vom Ausländeramt.“ Auch wenn die Zusammenarbeit mit den offiziellen Stellen wie Arbeitsagentur oder Industrie- und Handelskammer in Bonn gut laufe: „Es ist zusätzlicher Aufwand, der im Betrieb geleistet werden muss.“

Persönlichkeit wichtiger als Zeugnisnoten

Doch der Aufwand lohne sich, ist van den Elzen überzeugt. Zum einen sieht die Hoteldirektorin die Integration der Flüchtlinge als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zum anderen ist sie auf neue Wege bei der schwierigen Personalsuche für Hotel und Seniorenzentrum angewiesen. Unter den insgesamt 18 Auszubildenden im Hotel- und Seniorenheimkomplex Leoninum seien zwei Flüchtlinge. „Die Persönlichkeit der Bewerber ist für uns längst wichtiger als Zeugnisnoten“, sagt sie.

Doch nicht jeder ist nach der Flucht fit für den Berufseinstieg. Angela Büren unterstützt bei der Volkshochschule (VHS) Bonn die Teilnehmer der Sprachkurse bei der Jobsuche. „Viele Flüchtlinge sind traumatisiert“, hat sie in ihrer Arbeitspraxis festgestellt. „In diesen Fällen ist eine Therapie erst einmal sinnvoller als eine Berufsplanung.“ In Bonn würden außerdem vorwiegend Stellen für hoch qualifizierte Fachkräfte angeboten. „Die einfacheren gewerblich-technischen Jobs sind schwer zu bekommen.“ Flüchtlinge bräuchten für den Berufsstart in der Regel Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2, was mindestens 1000 Unterrichtsstunden entspreche. Vor allem in der Berufsschule zählten die Sprachkenntnisse. „Bei den schriftlichen Ausdrucksfähigkeiten und Fachausdrücken für den Beruf wird es für viele Flüchtlinge schwierig“, sagt die Expertin.

Einige Arbeitgeber haben aus dieser Tatsache Konsequenzen gezogen – zum Beispiel die Telekom. „Wir haben in den vergangenen Monaten gelernt, dass unsere Standard-Bewerbungsverfahren für Flüchtlinge nicht sinnvoll sind“, sagt Projektleiterin Barbara Constanzo. „Nur wenige haben die Möglichkeit, eine Onlinebewerbung nach deutschen Standards einzureichen.“ Deshalb zähle der persönliche Eindruck, und auch „das Facebook-Selfie statt Bewerbungsbild ist kein Ausschlusskriterium“. Drei bis sechs Monate dauert ein Praktikum bei der Telekom in allen Konzernbereichen. „Für viele Flüchtlinge ist das ein wertvoller Einstieg in den deutschen Berufsalltag“, so Constanzo. „Manchen bringt es auch die schmerzhafte Erkenntnis, dass sie keine Chance haben, hier in ihrem alten Beruf Fuß zu fassen, und dass sie sich umorientieren müssen.“

Persönlicher Einsatz der Arbeitgeber gefragt

Auch für die Telekom erschweren die bürokratischen Hürden die Beschäftigung von Flüchtlingen. Soll etwa ein Flüchtling für einen Job den Wohnort wechseln, sei das „ganz besonders schwierig“, so die Projektleiterin. Probleme bereite dem Arbeitgeber auch, dass viele Maßgaben von Behörden Einzelfallentscheidungen und damit schwer vorhersehbar seien. „Da ist oft persönlicher Einsatz von Arbeitgebern oder Ehrenamtlichen gefragt“, so Costanzo.

Rund 300 geflüchtete Menschen habe der Konzern seit 2015 beschäftigt, die meisten in Praktika, einige in Ausbildungen. Deutlich stärker engagiert sich die Post: Seit September 2015 haben 778 Geflüchtete Praktika bei der Deutsche Post DHL Group absolviert. Vor allem in den Paketzentren sucht der Bonner Logistikkonzern Helfer.

Angesichts des oft steinigen Wegs in den Beruf sucht die Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg so früh wie möglich Kontakt zu Flüchtlingen. „Oft besteht noch das Missverständnis, wir würden uns erst kümmern, wenn ein Asylverfahren abgeschlossen ist“, sagt Arbeitsvermittler Jakob Hackenberg. Dabei stünden die Beratungszentren „Integration Points“ allen Flüchtlingen offen. Dort beginne der „Aufklärungsprozess“. Hackenberg erklärt: „Die Gegebenheiten unseres Arbeitsmarktes sind den Menschen völlig unbekannt und das Vertrauen zu staatlichen Einrichtungen nach den Erfahrungen in den Heimatländern gering.“

Vor allem die duale Ausbildung müssten die Arbeitsvermittler Flüchtlingen erst näherbringen. „Dieses System gibt es in den Herkunftsländern nicht, dort ist oft nur ein Studium angesehen.“ Je nach Heimatland unterscheiden sich laut Arbeitsagentur auch die Voraussetzungen für die Jobsuche: Syrer hätten oft eine gute Schulbildung und Englischkenntnisse, junge Flüchtlinge aus Eritrea dagegen in der Regel kaum Berufserfahrung, weil sie direkt nach der Schule zum Militär eingezogen würden. Und Afghanen kämen zum Teil als Analphabeten ohne Schulbildung nach Deutschland. „Auch für diese Menschen suchen wir eine berufliche Perspektive“, sagt Hackenberg. „Aber“, so fügt er hinzu: „es ist ein langer Weg.“

Der Neu-Bonner Mustafa Shekho will bis zum Start seiner Ausbildung besser Deutsch lernen und weiter im Leoninum jobben. „Hier mit alten Menschen lerne ich das Sprechen am besten“, sagt er. Für Bewohner Engelbert Müller ist Shekho bereits vor Beginn der Lehre eine wertvolle Hilfe. „Er ist eben intelligent“, sagt der ehemalige Chefarzt über den ehemaligen Jurastudenten. „Das merkt man direkt.“