Finanzskandal am Bonner Münster

Ex-Stadtdechant Schumacher widerspricht Erzbistum

Wilfried Schumacher.

Wilfried Schumacher.

Bonn. In der Finanzaffäre am Bonner Münster sind Anfang Februar neue Vorwürfe gegen den früheren Stadtdechanten Wilfried Schumacher laut geworden. Dieser weist die Anschuldigungen nun zurück.

In der Finanzaffäre um das Bonner Münster hat sich nun der frühere Stadtdechant und Münsterpfarrer Wilfried Schumacher zu den Vorwürfen geäußert, die das Erzbistum gegen ihn erhebt. Und was er sagt, deutet nicht darauf hin, dass sich das Verhältnis der Streitparteien harmonisiert. „Zu meiner funktionalen Verantwortung stehe ich“, sagt er im Gespräch mit dem General-Anzeiger. Die Rolle des alleinigen Sündenbocks für das finanzielle Desaster der Gemeinde hingegen weist er von sich. Den Darstellungen des Erzbistums widerspricht der 69-Jährige entschieden und übt Kritik am Vorgehen seiner ehemaligen Dienstherren in Köln.

Die hatten vor einer Woche auf Grundlage der Prüfung der Münster-Finanzen für die Zeit 2009 bis 2017 ein verheerendes Bild gezeichnet: Dass in jener Zeit das Substanzvermögen der Gemeinde durch Verwendung für das laufende Geschäft vollständig aufgezehrt worden ist, sei die Verantwortung Schumachers, sein erzwungener Rücktritt im Mai 2018 deshalb folgerichtig gewesen.

Auch neue Anschuldigungen kamen auf den Tisch: Eine nahezu willkürliche Zuordnung von Kosten auf verschiedenste Kostenstellen etwa, aufgrund derer die dramatische Situation der Gemeindefinanzen unter Schumachers Ägide verwischt worden sei. Auch seien Bauvorhaben nicht beim Erzbistum genehmigt, zweckgebundene Spenden in den allgemeinen Haushalt geflossen und die Nutzung des Treuhandkontos „nicht oder nur unzureichend belegt oder nicht nachvollziehbar“ gewesen – indem daraus beispielsweise Reise-, Hotel- und Bewirtungskosten bestritten wurden.

Treuhandkonto: Gerade der letzte Punkt, den das Erzbistum vor einer Woche zur Sprache brachte, ließ aufmerken – zumal Reise- und Bewirtungskosten auch in der Kirche in einem geregelten System abgerechnet werden und somit eigentlich gar nicht aus dem Treuhandkonto bestritten werden müssen. Das speist sich aus Geld, das dem Pfarrer von Privatleuten direkt und zu treuen Händen – teils auch zweckgebunden – übergeben wird. „Jeder einzelne Euro, der aus der Treuhandkasse ausgegeben wurde, diente kirchlichen Zwecken“, beteuert Schumacher. Es seien Jugendgruppen, Messdiener, Ehrenamtliche und Gäste der Gemeinde bewirtet worden. Dass er auch Reisekosten aus der Treuhandkasse bezahlte, nennt der Pfarrer einen Fehler. Teilweise hätten zeitliche Gründe und Hektik eine Rolle gespielt. Aber auch jene Reisen hätten ausschließlich dienstliche Zwecke gehabt. Zudem, argumentiert er, hätte die Kosten auch bei einer regulären Dienstreiseabrechnung die Gemeinde tragen müssen.

Dass auch ein „für Bedürftige“ bestimmtes Erbe in fünfstelliger Höhe über die Treuhandkasse abgewickelt worden ist, sei ihm von dem zuständigen Mitarbeiter als korrekt bestätigt worden. „Aus der Treuhandkasse ist über die Jahre jede Menge Geld für caritative Zwecke geflossen“, versichert Schumacher. Er habe für diese Konten lediglich eine Dokumentationspflicht gehabt. Geprüft habe das Erzbistum sie erstmals 2018 – dann aber für die gesamte Zeit seit 2009.

Genehmigungen: In allen anderen Bereichen der Vermögensverwaltung habe es laut Schumacher Einzelentscheidungen schon aufgrund der Regularien nicht geben können, weil für jeden Vertrag oder Handwerkerauftrag die Unterschriften mehrerer Beteiligter erforderlich seien. „Sie können da als Pfarrer gar nicht alleine handeln.“ Dies gelte auch für die Genehmigung von Baumaßnahmen, von denen das Generalvikariat sagt, diese hätten auf der Münsterbaustelle vielfach nicht vorgelegen.

Konsequenz laut Erzbistum: Der Münsterpfarre blieben die ihr normalerweise zustehenden Kirchensteuerzuschüsse aus Köln versagt. Schumacher hingegen widerspricht: Schon wegen der regulierten, mehrstufigen Verfahren sei das Erzbistum bei allen größeren Bauvorhaben von Anfang an mit im Boot gewesen. Von einer versagten Genehmigung sei ihm nichts bekannt. Er stellt es genau anders herum dar: Das Erzbistum habe die Zuschüsse nicht gezahlt – und damit die Schieflage der Pfarrei erst verschärft. Nunmehr, nach seinem Rückzug, flössen die Mittel aus Köln und würden als Wiederaufbauprogramm der Münsterpfarrei „verkauft“.

Dienstaufsicht: Warum aber bemerkt ein Leitender Pfarrer nichts von gravierenden Fehlentwicklungen? Wie schon 2018 verweist Schumacher auf seine seelsorgerische Tätigkeit: „Die kaufmännische Arbeit stand nicht im Mittelpunkt meiner Arbeit.“ Das wiederum wirft die Frage nach Mitverantwortlichen auf. „Es ist dokumentiert, dass ich durch Mitarbeiter nicht vollständig über die Situation informiert worden bin, sondern immer nur Teilausschnitte zu Gesicht bekam“, sagt Schumacher. Auch der Kirchenvorstand sei auf Nachfrage von der Rendantur vertröstet worden. Bei der Rendantur handelt es sich um eine Art Serviceeinrichtung für die katholische Gemeindeverwaltung. Ein Mitarbeiter war für die Betreuung des Münsters abgestellt.

Das allein beantwortet indes nicht die Frage, wer letztlich die Entscheidungen traf, auf die eigentlich unantastbare Rücklage, den sogenannten Fabrikfonds, zuzugreifen, als sich die Wolken über dem Münster verdüsterten, und später auch vor zweckgebundenen Spenden nicht haltmachte. Die Frage nach der genauen Rolle des Fachpersonals sowie der des Stadtdechanten – qua Amt Dienstvorgesetzter der Rendantur – bleibt  dabei bis auf Weiteres ebenso ungeklärt wie die Glaubwürdigkeit eines schriftlich verfassten Vorwurfs aus dem Kreis der involvierten Mitarbeiter, Schumacher habe intern entsprechenden Druck ausgeübt und das Finanzgebaren bewirkt. Der frühere Münsterpfarrer hingegen bleibt bei seinem Duktus von der „funktionalen Verantwortung“.

Aufarbeitung: Im Rückblick weist der Informationsfluss an der Münsterpfarre mehr als nur einen Stau auf. Er selbst, so Schumacher, habe im Herbst 2016 von den Finanzproblemen erfahren, als der Generalvikar ihm gesagt habe: „Du bist pleite!“ Von da an sei über ein Jahr nach einer Lösung gesucht worden, gemeinsam und unter den Augen des Erzbistums. Für Schumacher ist das ein Beleg für sein Engagement bei der Aufarbeitung, welches das Erzbistum ausdrücklich infrage stellt. „Sie können das alles in Protokollen nachlesen“, sagt Schumacher und ergänzt: „Die Mannschaft hat alles getan, um das 'Schiff Bonner Münster' in Fahrt zu halten. Dabei mögen Fehler gemacht worden sein, das geschah aber zu keinem Zeitpunkt aus böser Absicht.“

Von der Form der Veröffentlichung der neuen Vorwürfe durch das Erzbistum per Pressemitteilung habe er sich überrumpelt gefühlt. Als „unseriös, unkollegial und unchristlich“ empfinde er das Verhalten. Attribute ähnlicher „Wertschätzung“ sind über ihn umgekehrt aus Kreisen des Erzbistums zu hören.