WCCB - Die Millionenfalle, Teil 68

Erster Kontakt in Washington D.C.

BONN. Textilien, Stromkabel und Kultur-Drill für Soldaten: Das WCCB war Kims erstes Geschäft, das sich ums Bauen drehte. Tag drei im Prozess gegen den Angeklagten Man-Ki Kim im WCCB-Skandal.

Wer schnell fährt, übersieht mehr. Gründlichkeit ist kein Freund der Eile. So versucht Richter Jens Rausch auch an Prozesstag drei, kein Detail zu übersehen. Könnte wichtig sein - oder werden. Mehrere Stunden befragt er den Zeugen Hans-Peter Brune, der im Oktober 2009 vom Landeskriminalamt (LKA) aus dem Polizeipräsidium Duisburg abgezogen und zur LKA-Sonderkommission "Gold" (Kim bedeutet auf Koreanisch Gold) gerufen wird.

Brune sagt häufig "komplex", manchmal "ellenlang komplex". Er habe "Kilometer von Akten ausgewertet" und war bei der Vernehmung des Angeklagten Man-Ki Kim ab dem 6. Januar 2011 anwesend.

Die Aufarbeitung der Gründe für das Scheitern des World Conference Center Bonn (WCCB) beschäftigt sich ausführlich mit der Anbahnungsphase, als Weichen gestellt wurden, die später, als der WCCB-Zug fuhr, nicht mehr zurückgestellt werden konnten. In dem Korruptionsverfahren sind auch Michael Thielbeer, der städtische Berater, Ha-S. C., Kims Anwalt, sowie Wolf-Dittrich Thilo, Kims Rechtshelfer, Angeklagte.

Es zeichnen sich bereits jetzt Allianzen. Alle gegen Kim, den WCCB-Investor. Aller WCCB-Corpsgeist scheint verflogen.

In den hinteren Reihen tickt indes lautlos eine Art Steuerzahler-Uhr: Die Anwälte der städtischen Bediensteten, gegen die ermittelt wird, verfolgen alles mit. Wie die Stadt bestätigt, sind bisher rund 170 000 Euro Kosten entstanden.

Am Rande murmelt Brune etwas von "Washington". Die amerikanische Hauptstadt gerät somit unvermutet ins WCCB-Fadenkreuz, könnte doch der 20. Januar 2005 der Tag gewesen sein, an dem das Bonner Prestigeobjekt in Washington D.C. seinen verheerenden Wendeimpuls erhielt. Es ist der Tag, an dem George W. Bush vor geladenen Gästen den Start zu seiner zweiten Präsidentschaft feiert.

Er schließt mit den Worten "May God bless you, and may He watch over the United States of America". Dazu applaudieren auch zwei Herren, die die Inaugurations-Feierlichkeiten des 43. Präsidenten der USA zur Kontaktanbahnung, zum Networking nutzen. Heinz-Dieter Kals, mit seiner IKBB AG i.G. gerade in aussichtsreichen Verhandlungen mit der Stadt Bonn über Bau und Betrieb des WCCB, und Man-Ki Kim von der SMI Hyundai Corporation LLC aus dem US-Steuerparadies Delaware.

Ein gewisser US-Colonel Michael D. Krause, einst stellvertretender Kommandeur bei der US-Army und nach GA-Informationen Mitte des 20. Jahrhunderts aus Deutschland ausgewandert, hat Kim Kals zugeführt. Bald prüften beide, ob sie gemeinsam das WCCB-Projekt angehen sollten. Im Gerichtssaal wird bisher nicht deutlich, ob Kals mehr Kim oder Kim mehr Kals wollte.

Eines Tages ist jedenfalls nur noch Kim übrig. Hat die Stadt Bonn Kals aus dem Projekt geboxt oder Kim oder beide gemeinsam? Jedenfalls muss es wenig friedlich zugegangen sein. Der WCCB-Bericht des Rechnungsprüfungsamtes zitiert dazu aus einem Brief von Kals' IKBB AG an die Stadt vom 24. Oktober 2005: SMI Hyundai habe sich "in betrügerischer Absicht Konzepte der IKBB angeeignet und trägt diese der Stadt Bonn vor".

Und: "SMI Hyundai schmückt sich, auch was die Namensgebung anbelangt, mit fremden Federn." Nach GA-Informationen eskalierte der Kals-/Kim-Streit bis zur Vergabekammer Köln, wo Kals unterlag. Es war im Übrigen die Zeit, als der städtische Projektbeauftragte Arno Hübner noch glaubte, SMI Hyundai selbst sei "ein internationaler Konzern" - und diese frohe Botschaft Land und Bund mitteilte.

Kims SMI steht im Übrigen für: S für "Susi" (Kims Tochter), M für "Mimi" (Kims Frau), I für "Ich". Kim hat schon viele Firmen gegründet, die SMI hießen: SMI Textiles oder SMI Cables (Australien), oder SMI Group oder SMI Global Mission Support in den USA. So steht es im vor Gericht verlesenen Lebenslauf.

Nach GA-Informationen gab es auch noch SMI Technologies in Südkorea. Und in Australien hat Kim nach GA-Informationen die SMI Cables mit einer Million US-Dollar Schulden zurückgelassen und wenig später ein Haus in den USA (1489 Broadstone Place, Vienna/Virginia) mit 805 000 Dollar ohne aufgenommene Hypothek bezahlt. Bald überschrieb er die Immobilie seiner Frau Mimi.

Kim war nach GA-Informationen Baumwollprüfer, Termin- und Stromkabelhändler, nie Großbauprojekt-Manager, und eines Tages war er Dr. Man-Ki Kim. Ob er heute mittellos ist, wie er seinen Verteidiger mitteilen lässt? Es gilt der Grundsatz in dubio pro reo ("Im Zweifel für den Angeklagten"). Auch die Firma American Federal Contractors Inc. (AFC), deren wirtschaftliche Nabelschnur "Staatsaufträge" bilden, gehört Ehefrau Mimi. Gleichwohl ist AFC Kims Werk.

Offenbar war seine Rolle als südkoreanischer Verbindungsoffizier zum I. Corps der US-Armee im Nachhinein sein geschäftlich erfolgreichster Humus. Daraus entsponnen sich viele feine Fäden, Rohstoff jedes Netzwerks, in die US-Administration. Nach GA-Informationen waren Manuel Lujan, US-Innenminister (1989-1993) unter Präsident Bush sen., Tong-Soo Chung, stellvertretender Staatssekretär in der Clinton-Ära, und vor allem David Dale, einst Militärberater von US-Präsident Richard Nixon, Kims wichtigste Mentoren, wobei Dale sogar Kims Geschäftspartner wurde und später sein Nachfolger bei der SMI Hyundai Corporation.

Der sogenannte militärisch-wirtschaftliche Komplex wurde Kims wichtigstes Geschäft: Er organisierte kulturelle und sprachliche Fortbildungsprogramme für US-Soldaten, die bald im islamischen Raum in den Krieg ziehen sollten. Dafür zahlte die US-Army Millionen. Im Vorfeld des Irak-Kriegs 2003 ergab sich einer der lukrativsten Aufträge, damals noch für die SMI Group.

Kim sollte Arabisch-Übersetzer für Rollenspielübungen akquirieren, um US-Nationalgardisten auf ihren Einsatz zwischen Bagdad und Basra vorzubereiten. Nach GA-Informationen lag der Monatsumsatz bei vier Millionen Dollar. Ein einträgliches Geschäft, weil die Gewinnmarge weit über 50 Prozent lag.

Seit 2004 laufen zahlreiche Aufträge des Verteidigungsministeriums über die AFC. Das Unternehmen hat seinen Sitz (wie SMI Hyundai Corporation) in Reston/Virginia, liegt eine halbe Taxistunde von Washington D.C. entfernt und informiert im Internet über sein umfangreiches Angebot.

Danach ist AFC weitgehend ein militärischer Dienstleister, der Soldaten auf den Einsatz in fremden Welten vorbereitet. Im Teil COB (Civilians on the Battlefield) zum Beispiel übernehmen preiswerte Zivilisten Statistenrollen, wenn Gefechtssituationen auf dem Schlachtfeld simuliert werden. Unter anderem gilt es, bei den Soldaten ein "Bewusstsein für kulturelle Unterschiede" zu schaffen, schließlich im weitesten Sinne Kulturkompetenz zu trainieren, um etwa bei Konfliktsituationen im zivilen Raum "respektvoll mit der lokalen Bevölkerung umzugehen".

Ein Theater ist die Trainingsstätte: Schilder, "kulturell authentische Musik", Plakate, regionale Kleidung - alles vorhanden. Das Spektrum reicht bis zur Erkennung von Sprengstoff-Fallen, Zigaretten- und Müllsack-Bomben. Oder: Wie nimmt man Personen mit "nicht tödlichen Methoden" fest, ohne die Genfer Konvention zu verletzen? Nach GA-Informationen liegt der aktuelle AFC-Monatsumsatz bei rund drei Millionen Dollar.

Da Kim mittellos ist, werden nach GA-Informationen alle Anwaltskosten und auch die prozessbegleitende Fan-Homepage (www.mankikim.com) aus den AFC-Erlösen des Soldatendrills bezahlt. Doch weit größere Belastungen drohen der AFC-Kasse aus einer im US-Bundesstaat Virginia laufenden zivilrechtlichen Klage des WCCB-Investors Honua Investment (Hawaii) und seiner verschiedenen Fonds, die dem GA vorliegt. Kims Firmen-Durcheinander verbindet nun auf ungeahnte Weise Hawaii mit dem Bonner Gerichtssaal und Kims Familie in Virginia.

Wie berichtet, war Kim mit seiner Ende 2004 gegründeten SMI Hyundai Corporation im Frühjahr 2006 offizieller WCCB-Investor geworden. An der dazu gegründeten UN Congress Center Bonn GmbH (WCCB-Bauherr) besaß Kims SMI Hyundai 100 Prozent der Anteile.

Durch den Projektvertrag mit der Stadt Bonn stieg der Wert eines UNCC-Anteils von 250 auf rund 100 000 Euro. Kim durfte 49 Prozent der Anteile an neue Mit-Investoren verkaufen, doch er nahm das nicht so genau. Auch aus blanker Not. Zwar wurde auf der SMI-Hyundai-Homepage viel Wind um große Projekte in Libyen, Irak und Dubai gemacht, doch tatsächlich bestand das SMI-Hyundai-Vermögen weitgehend nur im geangelten WCCB-Projekt.

Und Kim brauchte Millionen, um das geforderte Eigenkapital in Bonn nachzuweisen. Erst verpfändete er am 15. August 2007 94 Prozent der UNCC-Anteile an Arazim (Zypern), um sie Wochen später noch einmal Honua als Sicherheit zu geben, damit rund 55 Millionen US-Dollar aus Hawaii nach Bonn sprudeln. Für die ausgegebenen Kreditbonds garantierte Kim 12,5 Prozent Zinsen - also "Junk-Bonds", Schrottanleihen.

Hohes Risiko, hohe Zinsen. Totalverlust möglich. Der ist zwar eingetreten, aber nicht Kern der Anklage. Honua und Beteiligte erklären in der Anklageschrift "1.10 CV 785 (GBL/JFA)", dass Kim ihnen am 21. September 2007 die Wertpapiere verkauft habe mit der Sicherheit, alleiniger Inhaber der UNCC zu sein. Das war er aber - siehe Arazim - nicht mehr, wie das Landgericht Bonn 2009 feststellte.

Angeklagt sind in den USA der offiziell mittellose Kim, die in inzwischen verschollene SMI Hyundai - und eben die "US-Soldatenausbildungsfirma" AFC von Kims Ehefrau, weshalb es im Fall eines Urteils auf Schadensersatz eng werden könnte für AFC und Familie Kim. Dass von den 55 Honua-Dollar-Millionen weit weniger als die Hälfte, wie die Staatsanwaltschaft behauptet, im WCCB-Projekt landete, wirft Fragen auf. Auch die nach Kims behaupteter Mittellosigkeit.