Demonstration in Bad Godesberg

Ein Tag der Provokation und Gewalt

Bonn. Um 15.30 Uhr passiert es dann doch. Die Stimmung kippt, die Lage vor der König-Fahd-Akademie eskaliert. Auf Polizisten und Medienvertreter prasseln Steine und Flaschen hernieder, es kommt zu ersten Übergriffen auf Beamte, zwei Ordnungshüter sacken blutend an einer Mauer zusammen.

In Sichtweite werden Uniformierte von Gewalttätern gejagt, aus dem Wagen der Einsatzleitung ist beklemmend zu vernehmen, wie Einsatzkräfte per Funk nach Verstärkung schreien. Dass es kritisch werden könnte, hatte die Polizei am Freitag selbst in Aussicht gestellt. Eine Straßenschlacht mit rund 200 radikalislamischen Salafisten hatte aber wohl kaum jemand erwartet.

Und zunächst sieht auch alles danach aus, als könnte der Bonner Polizei gelingen, was den Kollegen in Solingen vier Tage zuvor nicht vergönnt war: ein friedlicher Verlauf. Denn die Provokateure lassen auf sich warten. Ihr Platz jenseits der in Höhe der König-Fahd-Akademie geschaffenen Pufferzone bleibt lange leer.

Auf der anderen Seite der Polizeiabsperrungen, in Richtung Drachenburgstraße, vertreiben sich knapp 600 Gegendemonstranten die Zeit. Größtenteils sind es jugendliche Migranten, vereinzelte junge Deutsche weisen sich mit Fahnen und Emblemen als Vertreter von "Linksjugend" und "Antifa" aus. Dann entsteht Bewegung in den Polizeitrupps.

"Sie kommen", heißt es unauffällig. Im Rücken der Ordnungshüter rollen einige Kleinbusse und Privatautos heran, denen wenig später knapp 30 Pro-NRW-Aktivisten entsteigen. Kurz darauf beginnt die "Wahlkampfveranstaltung", die - wie die Gegendemonstration - praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet.

Denn auf den Straßen rund um die König-Fahd-Akademie ist längst kein Durchkommen mehr. Umso verdutzter blicken die beiden jungen Beamten drein, als plötzlich eine alte Dame mit Rollator vor ihnen steht. Gerade noch rechtzeitig kann der Seniorin der Weg gewiesen werden, auf dem Minuten später "kindskopfgroße Steine" (O-Ton Einsatzleiter Dieter Weigel) niedergehen. Die Provokation der Mohammed-Karikaturen hat ebenso ins Ziel getroffen wie daraufhin manches Wurfgeschoss.

"Die sind überall", ruft eine Polizistin ihrem Kollegen zu. Als sich der Polizeieinsatz längst ausschließlich der Eigensicherung widmet, schwindet auch die letzte Hoffnung der Ordnungshüter. Dabei versucht Moussa Acharki alles, um seine Mitgläubigen von den Gewaltausbrüchen abzubringen.

Ihn hatte der Bonner Rat der Muslime als Redner entsandt, als deutlich wurde, dass sein Aufruf zum Ignorieren der Rechtspartei gegen die Mobilisierung der - unkalkulierbaren - Massen via Facebook und SMS zu schwach war. Die Lautsprecher Acharkis sind ähnlich laut wie die der Rechten. Wer zwischen beiden Gruppen steht, versteht kein Wort. "Allahu akbar" skandieren dazwischen sonor fanatische Gegendemonstranten. Mutig, aber verzweifelt beschwört Acharki vom Podium aus die Menge, Ruhe zu bewahren und sich friedfertig zu verhalten, während zu seinen Füßen längst Schlagstöcke und Steine fliegen.

Woher die kommen, wird vorerst unklar bleiben. Nicht auszuschließen sei es, sagt der von den ersten Eindrücken sichtlich gezeichnete Polizeisprecher Harry Kolbe am Rande der Tumulte, dass die Gewalttäter die Wurfgeschosse bereits Tage vorher versteckt haben. Keine 90 Minuten ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass die Verantwortlichen der Polizei mit großer Überzeugungskraft die Wirksamkeit ihrer Kontrollketten hervorgehoben hatten.

Weiterhin gehen verzweifelte Funksprüche von Kollegen ein. Vielen Beamten, und nicht nur den zahlreichen jungen Frauen unter ihnen, steht die blanke Angst ins Gesicht geschrieben. Doch die psychologische und seelsorgerische Einsatzbetreuung für sie wird es erst am Sonntag geben. "Kleine Gruppen sollen sich vermummt haben und marodierend durch die Straßen ziehen", sagt der Sprecher mit versteinerter Miene. Der Tag der Provokation und der Gewalt, er endet spät. Und dürfte noch lange Zeit nachwirken.