Kunst!Rasen

Chicago eröffnete die Saison 2014

Keyboarder und Sänger Robert Lamm am Abend beim Chicago-Konzert in Bonn.

BONN. Seit Sonntag gibt die Musik den Ton auf dem Kunst!Rasen an. Das Vorspiel zur Bonner Open-Air-Saison 2014 war, wie berichtet, ein kakofonisches Erlebnis. Stichworte wie Lärm, Klage, Verwaltungsgericht Köln, Oberverwaltungsgericht Münster, Baugenehmigung, Bebauungsplanänderung und "geräuscharme Musikpräsentation" sollen genügen.

Mit der amerikanischen Band Chicago hatten die Kunst!Rasen-Macher Ernst-Ludwig Hartz und Martin J. Nötzel ein Meister-Kollektiv eingeladen. Wir sind in den Zeiten der WM, also sei ein sportlicher Superlativ erlaubt: Die Teamleistung vor 1500 Zuhörern war Weltklasse, bewegend, in den besten Momenten berührend, ganz tief drinnen.

Im Jahr 1969 debütierte die Band, damals noch als Chicago Transit Authority, mit dem Album "Chicago". Die Mischung aus Blues-, Jazz- und Rockelementen besaß eine ganz eigene Magie, sie klang avantgardistisch und zugänglich zugleich. Der Nachfolger "Chicago II" erscheint heute noch so vital, experimentierlustig, politisch, psychedelisch, euphorisch und elegisch wie 1970: ein Klassiker.

Wer das alte Vinyl-Doppelalbum besitzt, darf sich glücklich schätzen. Bis heute arbeitet die Band Chicago, die sich nach den Anfängen immer mehr dem massenkompatiblen Pop annäherte, an neuen Projekten. Ein neues Album, "Now", ist gerade erschienen. Den Titelsong spielten sie kopfstimmenbetont als Schmelz- und Schmachtpop-Etüde.

Auf dem Kunst!Rasen präsentierten sich die neun Musiker um Gründungsmitglied Robert Lamm am Sonntagabend als Langstreckenläufer. Unter zweieinhalb Stunden macht es Chicago nicht. Und warum auch, Lamm ist noch nicht mal 70. Wer seit fast 50 Jahren im Popgeschäft ist, hat viel zu erzählen.

Die Musiker nahmen das Bonner Publikum auf dem Kunst!Rasen auf eine Zeitreise mit. "Introduction" und "Questions 67 & 68" vom ersten Album waren eine Hommage an die eigene Genialität anno 1969. Doch damit nicht genug, Chicago spielte auch das gesamte "Ballet For A Girl In Buchannon" von 1970: von "Make Me Smile" bis "Now More Than Ever".

Das "Ballet" ist eine der tollsten Liebeserklärungen des Pop, alles kam hier am Sonntagabend zusammen: ein fabelhaftes Soundfundament der leistungsstarken Bläserabteilung, Querflöten-Poesie und pure Emotion. Humor hatten sie auch im Programm. Peter Cetera hat die Band 1985 verlassen, den von ihm gesungenen Welthit "If You Leave Me Now" hat er aber nicht mitgenommen, der Song ist untrennbar mit Chicago verbunden.

Ebenso wie "25 Or 6 To 4", "Hard To Say I'm Sorry", "Will You Still Love Me?" und "You're The Inspiration". Im Bonner Konzert machten sich vor allem Jason Scheff und Lou Pardini die Herz- und Schmerz-Songs zu eigen. Pardinis "Look Away" hätte das Herz des härtesten Zuhörers brechen können. Scheffs "Will You Still Love Me?" natürlich auch.

Die ausgeklügelte, wirkungsvolle Dramaturgie vereinte Tempo und Power mit dem süßen Sog der Balladen. Doch selbst dieses umjubelte Konzert - ein würdiger Beginn der Kunst!Rasen-Saison - musste einmal enden: mit "25 Or 6 To 4". Erst dann kam der Regen, quasi mit dem Schlussakkord.