Neugestaltung der Bonner Innenstadt

Brüdergasse: Viel Gegenwind für Umbaupläne

Bonn. Bei der Bürgerversammlung zur Neugestaltung der Bonner Innenstadt gibt es viel Protest. Das Stadtplanungsamt rechnet vor, welchen Anteil der Kosten die Bürger tragen könnten.

Ein älterer Herr zückt seine kleine Digitalkamera, zoomt auf dem kleinen Display heran und fotografiert die Beamer-Präsentation. Es dauert nicht lange, da macht es ihm ein zweiter nach. Irgendwann ragen fünf Digitalkamers über die Köpfe im Universitätsclub. Helmut Haux und seine Kollegin Ulrike Schneider vom Stadtplanungsamt erklären gerade, wie die Brüdergasse in der Bonner Innenstadt bis Ende 2018 umgestaltet werden soll. Womit die beiden wohl nicht gerechnet haben: In der Bürgerversammlung gibt es ordentlich Gegenwind.

Denn die Stadtvertreter rechnen vor, welche Kosten anfallen. Sie setzen sich aus dem Oberbau für rund 645.000 Euro und dem Kanalbau für rund 205.000 Euro zusammen. „Im schlechtesten Fall tragen die Anwohner davon 80 Prozent und die Stadt 20 Prozent“, erklärt Haux. Umgerechnet auf Quadratmeter bedeutet das Kosten zwischen 40 und 71 Euro, je nachdem ob das Gebäude ein- oder viergeschossig ist. Raunen unter den knapp 30 Anwohnern. Doch dieses Verhältnis könne sich zugunsten der Anwohner verschieben, wenn einzelne Baumaßnahmen wegen Nutzungsrichtlinien doch der Stadt zur Last fallen. Dabei spielt beispielsweise der Durchfahrtsverkehr zum Marktplatz eine Rolle. Oder die touristische Nutzung der Brüdergasse als Verbindungsstück zwischen Innenstadt und Rhein. Haux macht weiter: „Die Stadt bekommt auf ihren Anteil ein Fördermittelzuschuss von 70 Prozent, die Anwohner müssen die volle Summe zahlen.“

In diesem Moment kippt die Stimmung. Niemand will für etwas bezahlen, was er nicht für sich selbst notwendig hält. Braucht man wirklich Sitzbänke? Sind neue Bäume besser als alte? Und ein Edelstahlband im Boden unnötige Zierde oder ein wichtiger Leitfaden für Touristen? Schnell entwickelte sich daraus eine Grundsatzdiskussion, was eine Fußgängerzone bereichert und was nicht.

„Wir wollen Sie mit einbeziehen und nach Ihren Erfahrungen und Verbesserungen fragen“, sagt Haux. Zum Schluss wird die Hälfte von dem demontiert, was sich die Stadtplaner vorher überlegt hatten. So sieht die Planung vor, die beiden großen Bäume gegenüber der Kirche zu fällen. Stattdessen werden etwas weiter mittig und zur Unterführung hin drei neue gepflanzt. Während sich eine Frau komplett dagegen sperrte („Ich brauche da keine Bäume, wir haben einen grünen Garten. Die machen nur Dreck, den die Stadt nicht wegräumt“), findet es ein jüngerer Mann schade, die hochgewachsenen Schattenspender zu zersägen.

Zweiter Kritikpunkt: Sitzbänke. Sie sollen zwischen den neuen Bäumen stehen. „Damit sich vor allem die älteren Mitbürger dort ausruhen können“, erklärt Haux. Die älteren Mitbürger, die in der Versammlung sitzen, teilen diese Ansicht überhaupt nicht. „Wer sich ausruhen will, kann sich doch in den Restaurants hinsetzen“, bringt eine Seniorin hervor. Der zu befürchtende Lärm ist ihr zweites Gegenargument. „Dann stehen da nachher die Bierflaschen, die Leute lungern bis in die Puppen herum, das wird mir zu laut.“

Es geht weiter. Fahrradständer, damit die Drahtesel nicht wie jetzt kreuz und quer herumstehen? Gerne, aber nicht so zentral, sondern in einer abgelegenen Ecke. „In der Unterführung ist doch Platz, dann wird die auch belebt!“ Ob das ein ernstgemeinter Vorschlag war, bleibt offen. Eine schmaler Edelstahlstreifen im Boden als Wegweiser zum Rhein? „Wir wissen, wo der Rhein ist!“ Graffitikunst an der Unterführung? „Da gibt's doch eine Beschichtung, an der alles abperlt!“

Was gut ankam: Den Weg durch die Unterführung durch einen Serpentinenknick seichter zu machen. Das letzte Stück nach oben kann so entweder direkt durch eine Treppe erklommen werden, oder eben rollstuhlgeeignet über die direkt daneben verlaufende Verlängerung. „Diese Barrierefreiheit ist für uns ganz wichtig“, sagt Ulrike Schneider. Deshalb wird es in der Mitte der Brüdergasse einen geriffelten Streifen geben, den Blinde wahrnehmen können.

Was nun gebaut wird und was nicht, darüber entscheidet der Rat noch vor der Sommerpause. Pflicht sind der Kanal – der mit knapp 250 Jahren einer der ältesten der Stadt ist – die damit verbundenen Hausanschlüsse und das Pflaster. Die gesamten Bauarbeiten unter und über der Erde sollen etwa von Ende 2017 bis Ende 2018 dauern.