Hilfe für Frauen in Not

Bonner Verein schützt Frauen und Kinder vor Gewalt

BONN. Die Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter: Schläge, Psychoterror, sexuelle Übergriffe und Isolation. 40 Jahre nach Gründung des Vereins Hilfe für Frauen in Not gibt es viel zu tun, doch die Finanzierung ist nach wie vor unsicher.

Salma (Name geändert) war eine Frau im Käfig. Das Wohnzimmerfenster war ihr einziges Fenster zur Welt draußen. 14 Jahre verbrachte sie in der Bonner Wohnung, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, ohne Kontakte außerhalb der Familie. Nur zum Einkaufen durfte Salma raus, immer begleitet von ihrem Mann. Einmal hatte sie sich einen alten Fernseher vom Sperrmüll organisiert, um deutsche Wörter zu lernen. „Als mein Mann sah, wie ein Journalist im Fernsehen mit einer Frau sprach, hat er alles kaputt getreten“, erinnert sich Salma. Er fand immer wieder Gründe, sie zu schlagen und zu demütigen: Sie könne nichts, sei nichts wert.

Die Gewalt endete erst, als Salmas damals zwölfjährige Tochter den Mut fand, die Polizei zu rufen. „Mein Gesicht war völlig zerschlagen, die Augen waren ganz schwarz“, berichtet Salma. Mit ihren zwei Kindern kam sie schließlich im Frauenhaus des Vereins Hilfe für Frauen in Not unter, an einer geheimen Adresse irgendwo in Bonn. „Viele Frauen versuchen, so lange wie möglich die heile Familie aufrechtzuerhalten, selbst wenn sie schon wegen Misshandlungen im Krankenhaus lagen. Sie bleiben oft viel zu lange zu Hause“, beobachtet Frauenhaus-Mitarbeiterin Ellen Heinrichs.

Gründerinnen nahmen Frauen zuhause auf

Vor 40 Jahren haben engagierte Bonnerinnen den Verein gegründet, um von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen und Kindern eine Zufluchtsstätte zu bieten. Die Frauenbewegung hatte eine neue Idee hervorgebracht: Frauen können und müssen trotz Ehe beschützt werden. Anfangs nahmen die Gründerinnen Hilfesuchende in ihren Wohnungen auf, bis sie im April 1980 das Frauenhaus eröffnen konnten. Seitdem finden hier etwa 100 Frauen und Kinder pro Jahr vorübergehend ein Zuhause. Manche nur für eine Nacht, andere für Monate.

Jede vierte Frau in Deutschland hat laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums familiäre Gewalt erlebt, quer durch soziale Schichten und Kulturen. Ins Frauenhaus kommen die, die nicht zu Freunden oder Familie gehen können. Es sind Migrantinnen, aber auch deutsche Frauen ohne soziales Netzwerk. Die sechs hauptamtlichen Mitarbeiterinnen helfen ihnen dabei, sich ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Zusätzlich zum Frauenhaus betreibt der Verein eine Beratungsstelle in einer ruhigen Ladenpassage.

Salma zog sich anfangs in ihr Zimmer im Frauenhaus zurück, ihre Tochter zuckte zusammen, wenn jemand sie berühren wollte. „Mit anzusehen, wie die eigene Mutter misshandelt wird, verletzt die Kinder zutiefst“, sagt Uta Pankoke, stellvertretende Vorsitzende von Hilfe für Frauen in Not. Deshalb bietet der Verein für traumatisierte Kinder das Projekt „Mut tut gut“ an. In einer kleinen Gruppe erleben sie eine Gemeinschaft ohne Gewalt. Im Projekt „Lernen lernen“ werden sie einzeln bei den Hausaufgaben unterstützt. Im Kinderraum steht ein Regal voller Kuscheltiere: Bären, Adler, Krokodil. Die Kinder suchen sich hier einen Freund aus, der sie begleitet und ihnen dabei hilft, sich sicher zu fühlen.

Finanzierung ist vom Jobcenter abhängig

Die Finanzierung der Arbeit stellt den kleinen Verein ständig vor Herausforderungen. Der Zuschuss des Landes deckt nur gut 60 Prozent der Gehälter. Die Tagessätze von rund 40 Euro pro Frau oder Kind werden in der Regel über das Jobcenter abgewickelt. „Eine unabhängige, gesicherte Finanzierung der Frauenhäuser – unabhängig von Tagessätzen des Jobcenters – würde erlauben, die Aufarbeitung der Gewalt und die Stärkung der Frauen mehr in den Fokus zu stellen“, sagt Uta Pankoke.

Das Frauenhaus hat sechs Zimmer mit insgesamt 20 Schlafplätzen. Hier kann zurzeit nur einziehen, wer Anspruch auf Leistungen des Jobcenters hat oder den Aufenthalt selbst bezahlen kann. Immer wieder muss der Verein Frauen abweisen, weil die Finanzierung nicht gesichert ist, zum Beispiel bei Studentinnen oder Frauen ohne Aufenthaltsstatus.

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter: Schläge, Psychoterror, sexuelle Gewalt, Isolation. Auch Migrantinnen, die einem Mann ins ferne Deutschland folgen, geraten in die Falle. „Die Frauen sind zu 100 Prozent abhängig“, sagt Sozialarbeiterin Ulla Kubik, die seit 30 Jahren im Frauenhaus arbeitet und inzwischen viel Erfahrung mit dem Ausländerrecht hat. Kamen anfangs rund zehn Prozent Ausländerinnen ins Frauenhaus, sind es inzwischen rund 90 Prozent.

Ausbildung wird nicht anerkannt

„Viele sind aus einer Welt, in der ganz andere Regeln und Strukturen herrschen. Wir müssen erst mal erklären, wie die Gesellschaft hier funktioniert“, berichtet Ulla Kubik. Die Bereitschaft der Frauen, sich hier ein eigenes Leben aufzubauen, sei unterschiedlich ausgeprägt. „

Wir haben eine Ingenieurin aus dem Iran gehabt, die hier putzen gehen muss, weil ihre Ausbildung nicht anerkannt wird“, sagt Sozialarbeiterin Christina Bennerscheid. „Andere Frauen, vor allem aus Marokko, Tunesien und Algerien, sind zum Teil schlecht ausgebildet. Deutsch zu lernen ist sehr schwierig, vor allem für Analphabetinnen“, sagt Kubik.

Das Team arbeitet außerdem ständig gegen die Zeit. Wie lange kann eine Frau bleiben, bis die Finanzierung ausläuft? Traumatisierte Frauen brauchen lange, bis sie psychisch und sozial wieder stabil sind. Die Statistik zeigt: Nach einem längeren Frauenhausaufenthalt schaffen es acht von zehn Frauen, ein selbstständiges Leben zu führen. „Von denen, die kurz bleiben, gehen viele wieder nach Hause zurück“, berichtet Pankoke. „Es wäre schön, wenn Frauen problemlos im Frauenhaus bleiben könnten, bis sie gestärkt genug sind, es alleine zu schaffen. Wir würden sie gerne so lange hier behalten.“

Salma brauchte fast zwei Jahre, bis sie auf eigenen Füßen stehen konnte. Das ist nun 18 Jahre her. „Die Frauen haben mir geholfen, sie sind wie eine Familie für mich“, sagt sie heute. Sie ist stolz auf ihre Kinder, die beide eine Ausbildung abgeschlossen haben. Den Vater wollen sie nicht mehr sehen. Salma hat einen Job und wohnt in der Nachbarschaft des Frauenhauses. Dort, wo sie selbst Hilfe gefunden hat, hilft sie inzwischen ehrenamtlich mit.

Kaum bezahlbare Wohnungen zu finden

Für den Übergang vom Frauenhaus in eine eigene Wohnung hat der Verein ein zweites Haus eingerichtet. „Hier führen die Frauen ihr Leben selbst und kommen mit wenig Betreuung aus“, berichtet Bennerscheid. Ein großes Problem in Bonn sei, im Anschluss bezahlbare Wohnungen zu finden.

Im Laufe der vergangenen 40 Jahre ist häusliche Gewalt ein Thema in Öffentlichkeit und Politik geworden. Die Gesetzeslage für Betroffene von häuslicher Gewalt habe sich stetig verbessert, finden die Beraterinnen: mit dem Gewaltschutzgesetz 2002, zuletzt 2016 mit der Verschärfung des Sexualstrafrechts und dem Grundsatz „Nein heißt Nein“.

Der Verein Hilfe für Frauen in Not ist parteiisch. Er steht auf der Seite der Frauen und benennt Nachteile, die zum Beispiel mit gestärkten Väterrechten einhergehen. „Kinder sollen im Frauenhaus erst mal zur Ruhe kommen. Das gemeinsame Sorgerecht einschließlich Wechselmodell kann aber sogar gegen den Willen eines Partners verordnet werden“, erklärt Pankoke. Die Kinder pendelten zwischen zwei Wohnungen und hätten kein eindeutiges Zuhause.

Als juristischer Maßstab gilt zwar das Kindeswohl. „Unsere Einschätzung über die Traumatisierung von Frau und Kindern reicht aber oft nicht aus, um den Umgang mit dem Vater zu unterbrechen“, sagt Bennerscheid. Das Frauenhaus selbst ist keine männerfeindliche Zone. Männer sind Mitglieder im Verein, andere, wie zum Beispiel der Erlebnispädagoge, betreuen die Freizeiten für Kinder.

„Vor 40 Jahren hätte man ja gehofft, dass Gewalt gegen Frauen heute kein Thema mehr ist“, blickt Ute Pankoke auf die Initiative der Gründerinnen zurück. Doch das Bonner Frauenhaus ist weiterhin ausgebucht.