Lage der Integration in Deutschland

Auf Zuwanderung angewiesen

Viele Migrantenkinder sprechen neben der deutschen eine weitere Sprache - ein Bildungsvorteil, den es zu nutzen gilt.

Bonn. Die Nachkommen der ehemaligen Gastarbeiter erreichen trotz der nach wie vor unbefriedigenden Zahlen durchweg höhere Abschlüsse als ihre Eltern, heißt es in einer Studie. Und: Die Zuwanderer schneiden sogar besser ab als die Einheimischen.

Die Aussagen wirken auf den ersten Blick widersprüchlich: Rund 15 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund haben keinen Schulabschluss, und dennoch sieht das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung "leichte Fortschritte" gegenüber seiner Studie von 2009, gar "Neue Potenziale", so der Titel des Papiers zur Lage der Integration in Deutschland. "Der Durchschnitt der Personen mit Migrationshintergrund nähert sich in einigen Punkten immer mehr demjenigen der einheimischen Gesellschaft an", so Institutsdirektor Reiner Klingholz.

Die Nachkommen der ehemaligen Gastarbeiter erreichen trotz der nach wie vor unbefriedigenden Zahlen durchweg höhere Abschlüsse als ihre Eltern, heißt es in der Studie. Und: Die Zuwanderer, die in den letzten Jahren nach Deutschland kamen, schneiden sogar besser ab als die Einheimischen. Seit 2005 liegt der Akademikeranteil unter den Neuankömmlingen deutlich über dem Mittelwert der einheimischen Bevölkerung. Das habe vor allem mit der Wirtschaftskrise zu tun.

Von einer "Armutszuwanderung" könne keine Rede sein. So komme etwa der überwiegende Teil der Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien als Arbeitnehmer. 25 Prozent der Zugewanderten aus diesen Ländern kamen in den Jahren 2009/2010 mit einer hohen Qualifikation. Aus Rumänien sind seit 1990 rund 23 000 Ärzte abgewandert, "von denen viele nun die Posten der Kliniken in den schrumpfenden Regionen Deutschland füllen", heißt es.

In Deutschland dürfte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 64 Jahren bis 2050 um elf Millionen Menschen abnehmen, heißt es in der Studie. Deutschland sei deswegen auf Zuwanderung angewiesen. "Eine Willkommenskultur ist somit weniger ein Geschenk an die Migranten als die Voraussetzung für Wohlstand und eine funktionierende Gemeinschaft", urteilen die Berliner Forscher.

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Deswegen sehen sie auch dringenden Handlungsbedarf, die Situation der mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund deutlich zu verbessern. Insbesondere sei es vonnöten, dieser Personengruppe frühzeitig Unterstützung anzubieten, um den Weg in die deutsche Gesellschaft und einen sozialen Aufstieg zu erleichtern.

Vor allem frühkindliche Bildungsangebote müssten ausgebaut werden. "Zudem müssen über Kinder und Jugendliche diejenigen Eltern angesprochen werden, die sich bei Integrationsschwierigkeiten eher in den privaten Bereich zurückziehen und dort nur schwer von klassischen Unterstützungsangeboten erreicht werden", heißt es. Denn die Bildungsdefizite der Gastarbeitergeneration würden oft an die Kinder und Enkel weitervererbt.

Noch heute liege das Bildungsniveau etwa der türkischstämmigen Bevölkerung unter dem Durchschnitt, heißt es. Nur etwa 25 Prozent der in Deutschland geborenen Türkeistämmigen machen Abitur, bei den Deutschen liegt der Anteil bei 43 Prozent. Auch haben nur 14 Prozent der über 29-Jährigen aus der türkischen Gruppe einen akademischen Abschluss erreichen können. Nur unter den Migranten aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens liegt dieser Anteil ähnlich niedrig.

Ebenfalls auffällig: Die größte Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund, die Aussiedler, profitieren trotz ihrer Sonderstellung als Statusdeutsche und finanzieller Eingliederungshilfen offenbar bei der Jobsuche nicht davon: Aussiedler mit einer Ausbildung sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als einheimische Deutsche. Und hochqualifizierte Aussiedler sind häufiger unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt.