Prozess in Bonn

20-Jähriger soll Männer niedergestochen haben

Vor Prozessbeginn: Der 20-jährige Angeklagte wird in Handschellen in den Saal gebracht, wo der 22-Jährige schon auf ihn wartet.

Vor Prozessbeginn: Der 20-jährige Angeklagte wird in Handschellen in den Saal gebracht, wo der 22-Jährige schon auf ihn wartet.

Bonn. Einem 20-Jährigen wird wegen mehrerer Gewalttaten vor der Bonner Jugendstrafkammer der Prozess gemacht. Er soll in Bonn innerhalb eines Monats zwei junge Männer niedergestochen haben. Einer wäre fast verblutet.

Sie scheinen den Ernst der Lage nicht zu begreifen: Die beiden jungen Männer auf der Anklagebank vor der 8. Bonner Jugendstrafkammer feixen, als ginge sie alles nichts an. Zwar wird dem 22-Jährigen nur eine Tat zur Last gelegt, doch die wiegt schwer. Und gegen den 20-Jährigen hat die Staatsanwaltschaft sieben Anklagen erhoben, von denen zwei besonders gravierend sind: Der 20-Jährige soll am 25. Dezember 2017 versucht haben, einen Gleichaltrigen am Hofgarten auszurauben. Als das Opfer flüchtete, soll der Angeklagte es verfolgt und von hinten zugestochen haben. Die Stiche verletzten mehrere Arterien, so dass das Opfer fast verblutet wäre. Am 23. Januar soll der 20-Jährige einen 17-Jährigen hinter der Cassiusbastei niedergestochen haben, weil er dessen Verhalten „unangemessen“ fand.

Schwere versuchte räuberische Erpressung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung im ersten Fall und gefährliche Körperverletzung im zweiten Fall wirft die Staatsanwältin ihm vor. Außerdem soll er mehrere Drogendelikte, mehrere Diebstähle und zwei weitere gravierende Körperverletzungen begangen haben. In einem Fall schlug er laut Anklage zusammen mit weiteren Tätern einem Jugendlichen, mit dem sie Ärger hatten, zusammen und brach ihm die Nase. Dasselbe widerfuhr auch einem 19-Jährigen, der am 12. September 2017 zufällig mit beiden Angeklagten zusammen in der S-Bahn fuhr. Als der 19-Jährige sich bei den beiden Angeklagten und einem Dritten über deren Lärm beschwerte, schlugen alle drei auf ihn ein. Auch der 19-Jährige erlitt einen Nasenbeinbruch.

Sohn steht noch unter Schock

Im Zeugenstand schildert der 19-Jährige, wie er diese bedrohliche Situation erlebte, und berichtet, dass er heute noch unter den Folgen seiner schief zusammengewachsenen Nase leidet. Er ist sicher: Es war der 20-Jährige, der ihm die Nase brach, und der 22-jährige Angeklagte, der mitmachte. Der dritte Täter aber habe sein Handy genommen, erklärt der Zeuge, der sich im Saal umsieht und beim Anblick des jüngeren Bruders des 20-jährigen Angeklagten meint: „Der war das.“ Zumindest sehe er dem dritten Täter sehr ähnlich. Im Zuschauerraum, wo die Eltern und die beiden Brüder des 20-Jährigen sitzen, entsteht Unruhe.

Nach seiner Aussage erklärt der 19-jährige Zeuge außerhalb des Gerichtssaals überraschend: Er sei am Samstagabend erneut Opfer eines Überfalls geworden – als einer der Mitarbeiter des Supermarktes in Auerberg, den vier Maskierte ausgeraubt hätten. Er sei von den Tätern gefesselt worden, habe es aber dennoch geschafft, Alarm auszulösen. Der 19-Jährige ist erkennbar aufgewühlt, und seine Eltern, die ihn begleiten, schildern, dass ihr Sohn eigentlich noch immer unter Schock stehe.

Wie sehr auch sie ihre Opfer traumatisiert haben, scheint den Angeklagten im Saal nicht klar zu sein. Der 22-Jährige gibt zwar zu, in der S-Bahn dabei gewesen zu sein, behauptet jedoch, der 19-Jährige habe ihn zuerst geschlagen. Der 20-jährige Angeklagte äußert sich an diesem ersten Prozesstag nicht zu den vielen Vorwürfen. Wie sein neben ihm sitzender Freund stammt auch er aus dem Irak und flüchtete mit seiner Familie Ende 2015 über die Balkanroute nach Deutschland. Und wie der 22-Jährige konsumiert auch er regelmäßig Marihuana und Alkohol. Er wurde nach der Attacke an der Cassiusbastei gefasst, weil sein mutmaßliches Opfer ihn aufgrund sehr markanter Merkmale beschreiben konnte. Seitdem sitzt der 20-Jährige in Untersuchungshaft.