Interview mit Roncalli-Chef Bernhard Paul

„Ich hatte Zirkusdirektor studiert“

Roncalli-Direktor Bernhard Paul denkt auch mit 70 nicht ans Aufhören.

Roncalli-Direktor Bernhard Paul denkt auch mit 70 nicht ans Aufhören.

Roncalli-Chef Bernhard Paul hat den Zirkus in Deutschland neu erfunden. Die ersten Zuschauer fand er in Bonn. Auch mit 70 Jahren denkt er nicht an Rente. Mit Mr. Roncalli, der diesen Samstag Geburtstag hat, sprach Martin Wein.

Herr Paul, Sie haben 1976 in Bonn angefangen. Warum ausgerechnet Bonn?

Bernhard Paul: Dr. Nagel vom Bonner Sommer hatte in einer Zeitung von unserem neuen Projekt in Bonn gelesen, das Zirkus ganz anders machen wollte. Der kam nach Wien und kaufte uns ein. Wir waren noch nicht ganz fertig mit dem Programm. Aber wir haben gespielt. Am 18. Mai 1976 war die Welturaufführung im Hofgarten.

Und Sie waren aufgeregt?

Paul: Ja, aber weniger wegen der Show. André Heller war damals schon sehr schwierig. Wir haben uns dann bald getrennt. Wir aber haben durchgehalten. 41 Jahre Roncalli ist fürs Showgeschäft schon ein biblisches Alter.

Haben Sie Hellers Kopf auf dem Plakat damals wirklich durch ein Kamel ausgetauscht?

Paul: Ja, es hieß Amanda.

Später haben Sie sich wieder versöhnt?

Paul: Er hatte die Größe, seine Schuld zuzugeben. Dann verzeihe ich auch. Wir haben in Berlin den Wintergarten zusammen aufgebaut und uns auch danach häufiger getroffen.

Können Sie heute darüber lachen?

Paul: Die Sache war damals zu ernst. Die hätte mich fast das Leben gekostet.

Was ist passiert?

Paul: Er wollte partout nicht finanziell einsteigen, sondern Regie führen. Als wir dann erfolgreich waren, wollte er mich durch die Hintertür verdrängen. Es war ein echter Krimi mit neun Prozessen, die ich alle gewonnen habe. Er hetzte uns die Krankenkasse auf den Hals wegen angeblich fehlender Beiträge und betrieb eine Pfändung. Bei einer anschließenden Versteigerung hätte außer ihm niemand geboten. So war sein Plan. Ich habe den Zirkus dann mitten in der Nacht in Wien versteckt. Es hat dabei irrsinnig geschneit. Aber dadurch wurden immerhin die Spuren verwischt.

Sie hatten Hoch- und Tiefbau studiert und mit Ihrer Grafikerausbildung und Ihrer Rock-Musik auch andere Möglichkeiten. Warum ist es trotz des Misserfolgs beim Zirkus geblieben?

Paul: Ich hatte tatsächlich mehrere Optionen im Leben. Ich war nur immer so unentschlossen. Irgendwann ist mir aufgegangen: Im Zirkus ist alles drin – von Musik, über Grafik bis zum Zeltbau. Ich hatte mit meinem Werdegang quasi Zirkusdirektor studiert. Und das bin ich dann geworden.

Artisten und Clowns kamen und gingen. Wie gelang es, die Roncalli-Essenz zu sichern?

Paul: In diesen vier Jahrzehnten war ich immer in diesem Salonwagen unterwegs und habe dort vier Bundespräsidenten bewirtet. Anders als die bin ich immer noch Präsident in diesem Zirkus. Der größte Drahtseilakt dabei ist, jedes Jahr etwas Neues, Besseres zu wagen und sich trotzdem treu zu bleiben. Das Publikum will Roncalli, aber ich darf mich nicht wiederholen.

Sehen Sie sich manchmal als Museumsleiter eigener Ideen?

Paul: Ich bin eher ein Architekt der Zukunft des Zirkus'.

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Wie sieht die aus?

Paul: Es wird keine Arche Noah mehr sein. Zumindest bei Roncalli wird es ein kleiner, feiner Feinkostladen der Gefühle und der Artistik sein.

Das heißt Zirkus ohne Tiere. Dabei müssten Pferde für einen Zirkustraditionalisten eigentlich Pflicht sein. Pferdedressuren in der Manege sind doch der Ursprung des modernen Zirkus.

Paul: Im Straßenverkehr gibt es auch keine Fuhrwerke mehr.

Aber Fiaker in Wien.

Paul: Die stehen auch zur Diskussion. Im Wiener Prater hat das Pferdekarussell geschlossen. Von Tierschützern wird einiges übertrieben dargestellt. Mit der Argumentation würden Pferde aussterben, denn zwingend gebraucht werden sie gar nicht mehr. Aber dann gäbe es zum Beispiel auch keine Therapiepferde für behinderte Kinder mehr. Es kommt auf die Verhältnisse an. Hier in Bonn stehen die Tiere abgeschottet auf der Wiese. Das ist gut. Auf einem Asphaltplatz zwischen Hauptstraßen ist es nicht gut für sie. So etwas will ich ihnen nicht mehr zumuten. Das ist aber keine Richtungsentscheidung.

Roncalli gibt es als Weihnachtsmarkt, als Dinner-Show, bald vermutlich auch als Museum? Haben Sie keine Angst, dass die Marke verwässert?

Paul: Man braucht schon mehrere Standbeine in der Vermarktung. Damit tun wir ja niemandem weh. Dass der Zirkus von Playmobil jetzt „Roncalli“ heißt, ist doch eine Win-win-Situation für beide Seiten.

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Sie haben mehr als Ihr halbes Leben mit dem Zirkus verbracht. Haben Sie keine Lust auf etwas anderes?

Paul: Ich werde noch meinen 100. Geburtstag hier in Bonn im Zirkus feiern. Bis dahin habe ich allerdings die Hofgartenwiese gekauft. Ich werde mir dann selbst die Spielgenehmigung erteilen. Nein, im Ernst: Was soll ich sonst machen. Mir macht das doch Spaß!

Stehen Sie selbst noch in der Manege?

Paul: Aktuell habe ich viel mit meinem Museum in Köln zu tun. Aber ab und zu überrasche ich das Publikum trotzdem als Clown.

Was wäre das größte Geburtstagsgeschenk für Sie?

Paul: Der liebe Gott soll mir und meiner Familie Gesundheit schenken. Den Rest mache ich selbst.