Sprengung erfolgreich

„Das Bonn-Center ist präzise gefallen"

Das Bonn-Center fällt in sich zusammen.

Das Bonn-Center fällt in sich zusammen.

BONN. Das Bonn-Center ist Geschichte. Pünktlich um 11 Uhr wurde das Betonskelett des Hochhaus am Sonntag gesprengt - und fiel exakt so, wie es sich die Planer ausgedacht haben.

„Das Gebäude ist präzise gefallen. Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden“, sagte Ilmi Viqa, Geschäftsführer der AWR Abbruch GmbH bei der abschließenden Pressekonferenz. Es habe keine Schäden im direkten Umfeld und in der Nachbarschaft gegeben, so Thomas Leise, Projektleiter bei der Firma Art-Invest Real Estate, die nach dem Abriss am Bundeskanzlerplatz ein neues Stadtquartier errichten will.

Nur für die Mitarbeiter der Stadtreinigung Bonnorange lief nicht alles wie geplant. Der abgesperrte Bereich wurde für Fußgänger freigegeben, bevor der Staub von der Straße gewaschen war. Wasserwagen und Kehrmaschinen mussten Slalom fahren, während Hunderte Schaulustige zum Bauzaun strömten, um die Trümmer zu fotografieren. Dabei lag weißer Staub und der Geruch von feuchtem Zement in der Luft.

Bereits am frühen Morgen hatten sich Hobbyfotografen die besten Zuschauerplätze gesichert. Rund 100 Journalisten, darunter Teams aus Russland und Albanien, verfolgten das Spektakel von der Reuterbrücke aus. Der Stadtordnungsdienst musste nur ein auswärtiges Fahrzeug aus der Sperrzone abschleppen lassen, ansonsten waren die Straßen rechtzeitig geräumt. „Wir hatten Kontakt zu 80 Haltern, die ihre Fahrzeuge weggefahren haben“, berichtete Vize-Stadtsprecher Marc Hoffmann.

In den Minuten vor der Sprengung zogen sich auch die Mitarbeiter der Abbruchfirma hinter die Absperrung zurück, die Fahrzeuge von Bonnorange standen auf der Brücke bereit. Gespannt warteten die Zuschauer auf das Signal für die Sprengung. Dann ging alles ganz schnell: In Sekunden stürzte das Hochhaus zusammen. Mit bloßem Auge kaum erkennbar: Zuerst wurden die Stützen im Erd- und ersten Obergeschoss gesprengt, „worauf das Gebäudeskelett vertikal kollabierte“, so die Experten. Nach einer kurzen Zeitverzögerung wurden Keile in die tragenden Kernbereiche im vierten Obergeschoss gesprengt, worauf diese wie berechnet in das dafür vorbereitete Fallbett fielen.

Wo kurz zuvor noch das Bonn-Center gestanden hatte, türmte sich eine riesige Staubwolke auf. Wer in der Südstadt und von der Reuterstraße aus zuschaute, hatte den Wind im Rücken. Der Staub wehte vor allem in Richtung Bundeskanzlerplatz und Adenauerallee. Auch der Schall verteilte sich nicht gleichmäßig. Während in unmittelbarer Nähe nur ein vergleichsweise leises Knistern und Grollen zu hören war, schreckte der Knall der Detonation sogar Spaziergänger auf dem fernen Rodderberg auf.

 

Ingesamt waren am Sonntag bis zu 60 Polizeibeamte, 50 Feuerwehrleute, 45 Mitarbeiter des Stadtordnungsdienstes und 35 vom Technischen Hilfswerk (THW) im Einsatz. Die Bilanz fiel durchweg positiv aus. „Ich bedanke mich bei den Zuschauern dafür, dass sie so diszipliniert waren“, sagte der Einsatzleiter der Polizei Bonn, Andreas Piastowski. Auch Frank Linnarz, der den Einsatz der Feuerwehr koordinierte, lobte die vorbildliche und reibungslose Zusammenarbeit. Aufgabe der Feuerwehr war, mit einer Wasserwand die angrenzenden Bahngleise und die dahinter liegenden Gebäude vor Staub zu schützen.

Der Stadtordnungsdienst war für die Evakuierung der Anwohner zuständig. Die wollten nach der Sprengung in ihren Häusern nach dem Rechten sehen. Das „Go“ des Sprengmeisters sorgte aber offenbar für ein Missverständnis, so dass nicht nur die Anwohner, sondern auch Zuschauer in den gesperrten Bereich gelassen wurden, zumal immer mehr Menschen aus den Seitenstraßen in Richtung Baustelle drängten. Stadtsprecherin Monika Hörig bestätigte, dass das anders geplant war. Bis auf die erschwerten Reinigungsarbeiten blieb es sehr ruhig, Menschen jeden Alters strömten zur Baugrube und machten Erinnerungsfotos.

 

Sprengmeister Eduard Reisch zog zufrieden Bilanz: „Es war bilderbuchmäßig, ein hundertprozentiger Erfolg.“ Als er den entscheidenden Knopf drückte, war er relativ ruhig. „Man freut sich, dass das Gebäude so daliegt wie berechnet“, so der Mann mit dem bayerischen Akzent, der Ingenieur Rainer Melzer an seiner Seite hatte. Dessen Rechnung war eindeutig aufgegangen.

Schon in der Stunde nach der Sprengung waren erste Maschinen der Abrissfirma auf der Baustelle. Sie zerkleinern die Trümmer, damit der Schutt zum Recycling abtransportiert werden kann. Das soll laut Viqa acht bis neun Wochen dauern. Sollte eine einzelne Sprengladung in einem der 1500 Bohrlöcher nicht gezündet haben, stellt das für die Arbeiter keine Gefahr dar. Der Sprengstoff funktioniere nur mit der Initialzündung, erklärte der Sprengmeister.

Um 13.30 Uhr waren die Straßen rund um das Bonn-Center gereinigt und wieder freigegeben. Nach Angaben von Bonnorange benötigten die rund 20 Mitarbeiter, die mit sieben Fahrzeugen im Einsatz waren, rund 100 Kubikmeter Wasser.

 

„Wir konzentrieren uns jetzt auf unser Projekt 'Neuer Kanzlerplatz“, sagte Thomas Leise. Die Firma Art-Invest errichtet bis 2020 drei Gebäude und ein Hochhaus mit insgesamt 60.000 bis 70.000 Quadratmetern Fläche. Darüber hinaus sind Gastronomie- und Einzelhandelsangebote geplant. „Wir möchten diesen Standort wiederbeleben und zu dem machen, der er einmal war: Bonns beste Adresse“, sagte Leise. Baubeginn ist voraussichtlich Anfang 2018.

Das Bonn-Center war ein 18-stöckiger Querriegel. Dass ein Neubau auch völlig neue Blickbeziehungen öffnet, wurde schon am Schutthaufen deutlich. Die Zuschauer, die im Staub auf dem Bundeskanzlerplatz standen, konnten bis zum Venusberg samt Sendemast schauen.