125 Jahre Schallplatte

Und sie dreht sich weiter

BONN.  Vor 125 Jahren revolutionierte die Erfindung der Schallplatte das Hören von Musik. Emil Berliners Tonträger machte musikalischen Konsum (fast) überall möglich, ohne dass eine Band im Wohnzimmer aufspielte, und ließ sich im Gegensatz zum Vorgänger, Thomas Alva Edisons Zylinder, gut reproduzieren.
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Zurück zur Scheibe: Bernd Gelhausen in seinem Laden Mr. Music.
												Foto: Rebecca Erken

Zurück zur Scheibe: Bernd Gelhausen in seinem Laden Mr. Music. Foto: Rebecca Erken

"Weißt du, was ich manchmal denke? Es müsste immer Musik da sein. (...) Und an der Stelle, wo es am allerschönsten ist, da müsste die Platte springen und du hörst immer nur diesen einen Moment." Eines der schönsten Zitate der Filmgeschichte aus Sebastian Schippers "Absolute Giganten" wäre undenkbar ohne sie.

Vor 125 Jahren revolutionierte die Erfindung der Schallplatte das Hören von Musik. Emil Berliners Tonträger, zunächst aus Zinkblech, dann aus der harzartigen Substanz Schellack hergestellt, machte musikalischen Konsum (fast) überall möglich, ohne dass eine Band im Wohnzimmer aufspielte, und ließ sich im Gegensatz zum Vorgänger, Thomas Alva Edisons Zylinder, gut reproduzieren.

Gleichzeitig löste Berliners Grammophon Edisons Phonographen ab. Seitdem dreht sich die Scheibe unaufhörlich, mittlerweile allerdings eher in einer kleinen, wenn auch schicken Nische, verdrängt von CDs und MP3-Dateien.

Denn: Der Anteil von Vinyl an den Musikverkäufen beträgt derzeit nur 1,3 Prozent. Wichtigste Säule des Musikumsatzes in Deutschland bleibt nach wie vor die CD mit einem Anteil von knapp 70 Prozent, wie der Bundesverband der Musikindustrie verlauten lässt. Und - bitter, aber wahr - auch die ganz großen LP-Fans hatten zwischenzeitlich eine Liaison mit der CD.

"Anfang der 80er Jahre war das halt neu, es war in und vor allem digital", sagt Christian Breil, zusammen mit Benno Salgert Inhaber von Hifi Linzbach in Bonn. Auch Breil hatte seinen Plattenspieler zwischenzeitlich verkauft, der 49-Jährige musste aber feststellen: "Durch CDs hört man seine Lieblingsmusik auf einmal wie unter einer Käseglocke." Die Schallplatte sei einfach viel näher dran am Live-Erlebnis.

Wie das technisch funktioniert? Die CD könne nur bis zu 20.000 Hertz wiedergeben, die Schallplatte gehe da wesentlich weiter, sagt Salgert. "Jetzt werden natürlich einige einwenden, dass Menschen oberhalb von 20.000 Hertz eh nichts hören können", so der 56-Jährige.

"Tatsache jedoch ist, dass die Klangfarben im Mittelton-Bereich deutlich weniger ausdrucksstark und schön sind, wenn der Frequenzgang im Hochton beschnitten ist - wie es bei der CD leider der Fall ist." Und die MP3-Dateien, von denen heutzutage jeder Hunderte auf Festplatten oder iPods gespeichert hat, seien noch stärker komprimiert als die CD, die Wiedergabe dementsprechend noch schlechter.

Rock-Veteran Neil Young behauptete bei der "Dive Into Media Conference" in Kalifornien sogar, der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs habe privat Platten gehört. Seit rund fünf Jahren ist die LP tatsächlich im Aufwind, wie der Bundesverband Musikindustrie erklärt: Mit einem Umsatzanstieg von knapp 40 Prozent habe die Schallplatte kürzlich erneut einen Wachstumsschub verbuchen können und den im Jahr 2007 begonnenen Retrotrend in der Vinyl-Nische so fortgesetzt.

Hinzu kommt: "Die Schallplatte wird auch in 500 Jahren noch existieren", sagt Salgert. Die ersten CDs aus den 80ern dagegen seien heute teilweise schon kaputt. Über 60.000 Schallplatten haben Salgert und Breil im Sortiment. In dem 1950 von Dieter Linzbach gegründeten Hi-Fi-Geschäft an der Adenauerallee kann man seinen alten LP-Spieler noch reparieren lassen.

Zwar sind neue Plattenspieler hier ab rund 250 Euro zu bekommen, aber Liebhaber finden auch Tonabnehmer mit Goldspulen, die allein rund 7000 Euro kosten.

Das sind allerdings Peanuts gegen die womöglich teuerste Schallplatte der Welt, eine 1958 auf Acetatfolie gepresste Version von "That'll Be the Day" von den Quarrymen, einer Vorgängergruppe der Beatles (damals schon mit Paul McCartney, John Lennon und George Harrison). Das Einzelstück soll 251.000 Euro wert sein. Die LP als Luxusgut.

Die Entscheidung zwischen MP3 und Schallplatte ähnelt für Bernd Gelhausen der zwischen Fast-Food-Konsum und Gourmet-Genuss. "Back to the roots" lautet neuerdings Gelhausens Motto, der vor 20 Jahren das Musikgeschäft "Mr. Music" in der Maximilianstraße in Bonn eröffnete.

Der 54-Jährige wurde seinem bevorzugten Tonträger, der Schallplatte, zwischendurch schweren Herzens untreu und nahm sie irgendwann in den 90ern aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Sortiment. Seit rund drei Jahren stehen in seinem Laden aber wieder einige Regale mit LPs. "Und wir müssen immer wieder neu anbauen." Denn: Immer mehr junge Leute kämen in den Laden und suchten nach Platten, stellt Gelhausen fest.

Nicht zuletzt durch die DJ-Kultur sei die Schallplatte auch bei den Jüngeren nie ganz von der Bildfläche verschwunden, sagt Benno Salgert. "Mittlerweile ist es sogar so, dass junge Interpreten ihre Alben direkt auch auf Vinyl veröffentlichten."

So stehen bei Mr. Music und Hifi Linzbach auch Eminem, Wolfmother oder Rosenstolz im Regal. Manche Interpreten verzichten sogar komplett auf eine Veröffentlichung auf CD, wie etwa Star-Dirigent Gustavo Dudamel, der seiner Zusammenarbeit mit den Wiener Philharmonikern mit Mendelssohns Schottischer Symphonie ausschließlich auf Vinyl ein Denkmal setzte.

Jetzt ist aber erst einmal Elvis dran. Salgert legt zur Demonstration des Klangspektrums einer LP eine Presley-Platte auf. Wenn man die Augen schließt, könnte man tatsächlich meinen, Elvis stünde in Fleisch und Blut hier im Raum, hüftschwingend, "Fever" schreiend. Na, klar, der King lebt. Auch durch Vinyl. Und die Schallplatte? Sie wird uns alle überleben.

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