Bonner Baugeschichte

Brüser Berg ist ein Produkt der Hauptstadtzeiten

Brüser Berg. Vieles von dem, was städtebaulich auf dem Brüser Berg verwirklicht wurde, ist vorbildhaft. Bei näherer Betrachtung, konnte man zu der Frage kommen, warum ein Großteil der heute erstellten Wohnsiedlungen so einfallslos und uniform sind.

Die Antwort gab Alexander Kleinschrodt, von der Bonner Werkstatt Baukultur gemeinsam mit der Volkshochschule, kürzlich einer Gruppe von 20 interessierten Bürgern an der Celsiusstraße: „Hier sollte es Nachbarschaft geben. Die Kommunikation sollte durch die Architektur gefördert werden.“

Es gebe kaum Grundrisse, die auf den standardisierten „Drei-Zimmer-Küche-Diele-Bad“-Normen basierten. Eher habe man sich an der Gründerzeit-Architektur des späten 19. Jahrhunderts orientiert. Zumindest betrifft diese Feststellung die Blockrandbebauungen, Hausfronten längs von Straßencarrés, die in dem dadurch entstehenden Innenhof viel Platz für Gartenanlagen bieten.

Zu Bonner Hauptstadtzeiten entstand ab 1972 auf der grünen Wiese das Modellprojekt „Brüser Berg“, das die erkannten städtebaulichen Schwachstellen von Großwohnsiedlungen aus der Nachkriegszeit nicht wiederholen sollte. Der Brüser Berg ist ein Teil des Hardtbergs, der mit etwa 710 Hektar zu den größten und aufwendigsten Entwicklungsmaßnahmen der Bundesrepublik gehört.

Das Gesamtinvestitionsvolumen der Maßnahme „Bonn Hardtberg“ (mit Duisdorf und Medinghoven) betrug damals umgerechnet 1,28 Milliarden Euro. Man wollte dem enormen Bevölkerungszuwachs als Hauptstadt gerecht werden. Überdurchschnittlich viele Bundesbedienstete und auf der Hardthöhe (Verteidigungsministerium) Beschäftigte gehörten zu den ersten Mietern des Neubaugebietes.

Handschriften bekannter Architekten

Deutlich sind heute noch die Handschriften bekannter Architekten wie Karl Selg aus Karlsruhe zu sehen, der für eher futuristischen sowie durchgrünten und aufgelockerten Städtebau stand, oder Fritz Eggeling aus Hannover, der das Prinzip „Rückgrat“ verfolgte. Es sah eine Mittelachse (Von-Guericke- und Borsigallee) durch eine Stadthausarchitektur vor, die sich an Straßen und Fußgängerzonen ausrichteten, die Anfang der 70er Jahre eine neue Erfindung waren. Die anfänglichen Pläne, 25.000 Menschen ein Wohnen auf dem Brüser Berg zu ermöglichen, wurden zugunsten einer aufgelockerten Architektur aufgegeben. Heute leben etwa 8000 Menschen auf dem Brüser Berg.

„Als wir uns das Haus damals angesehen haben“, erzählt Claudia Severin, die mit ihrem Mann eine 156 Quadratmeter große Immobilie mit Einliegerwohnung an der Morsestraße bewohnt, „fanden wir es sehr ungewöhnlich, unten die Küche und ganz oben das Wohnzimmer zu haben. Heute lieben wir das. Auch das Auf- und Ablaufen der Treppen.“ Wie viele andere Häuser auf dem Brüser Berg hat auch das Heim der Severins versetzte Ebenen, die durch „halbe Treppen“ erreichbar sind und ein offenes und variables Wohnen möglich machen.

Der erste Spatenstich des Großprojektes Brüser Berg erfolgte 1972 an der Celsiusstraße, nachdem die Sieger des „Elementa’72“-Wettbewerbs feststanden. Im Laufe der Jahre durch die vernachlässigten Renovierungsarbeiten zu einem Schandfleck geworden, sind die dort in Systembauweise erstellten Häuser heute durch neue Besitzer wieder zu dem geworden, was sie einmal waren: innovativ. Vieles von dem, was auf dem Brüser Berg entstand, war experimentell. Man wollte mit Fertigbauteilen rationalisiertes Bauen und damit kostengünstigen sozialen Wohnungsbau möglich machen.

Bedürfnisse der Bewohner

Dabei ließen die damaligen Stadtplaner und Architekten jedoch nicht die unterschiedlichen Bedürfnisse der Bewohner außer Acht. Sie schafften Höfe und Gärten, setzten begrünte Rankgitter und Pergolen. Es entstanden dadurch Begegnungsräume, die bis heute funktionieren. „Wir fühlen uns absolut wohl hier“, sagt auch Leo Schewtschenko-Haller, der mit seiner Frau 2011 auf den Brüser Berg kam, kurze Zeit später für zwei Jahre nach Holzlar zog und nun wieder froh ist, auf dem Brüser Berg zu leben: „Hier stimmt einfach alles“, sagt er. Es gebe alle notwendigen Einkaufsmöglichkeiten, eine gute Nachbarschaft und immer auch eine gute Luft auf dem Berg.

1993 wurde als Abschluss der Bebauung das Stadtteilzentrum fertiggestellt. Dort überragt der frei stehende Glockenturm die beiden Kirchenbauten Emmaus und Sankt Edith Stein. Ein Vorschlag zur gelebten Ökumene des Wiener Architektenbüros Ortner & Ortner.

In ihrem Entwurf bildet sich im Großen ab, was an vielen Stellen des Brüser Bergs im Detail zu finden ist. Die diversen Planer orientierten sich in Anlage und Ausführung an historischen Vorbildern. Ob es die italienische Piazza ist, an die man sich im Stadtteilzentrum erinnert fühlt oder die Verschachtelung der Baukörper in den Siedlungsbereichen. Dort stehen Erker und Säulen, lebhaft unregelmäßige Backsteinfassaden, Vorgärten und Treppen, die wie in früheren Zeiten zum Eingang in die erhöht liegende Belle Etage führen. Was in den 1970er Jahren als experimentell galt, kann auch heute noch vorbildhaft für eine menschengerechte Siedlungsarchitektur gesehen werden.