Durchsickerndes Wasser im Stadtarchiv

"Gedächtnis der Stadt" in Gefahr

BONN.  "Regale nicht belegen, da Wasser von der Decke durchsickert." Schilder wie dieses sagen mehr als tausend Worte. Zumal, wenn sie nicht in irgendeinem Büro oder Lagerraum hängen, sondern in einem Ort, in dem das untergebracht wird, was gerne "das Gedächtnis der Stadt" genannt wird.
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Wegen Tropf-Wasser geschlossen: Norbert Schloßmacher steht im 'Magazin 4'.
												Foto: Thomas Kliemann

Wegen Tropf-Wasser geschlossen: Norbert Schloßmacher steht im 'Magazin 4'. Foto: Thomas Kliemann

Im Archiv lagern gewöhnlich Akten und Fotos, wertvolle Dokumente aus Jahrhunderten. Das ist im Bonner Stadtarchiv auch so, nur eben nicht dort, wo geschrieben steht: "Regale nicht belegen, da Wasser von der Decke durchsickert."

Im "Magazin 4" ist das der Fall: Leere Metall-Schieberegale, die vor sich hinrosten und weiße Kalkflecken aufweisen, Plastikplanen, Warnschilder. Es ist nicht der einzige Ort im Stadtarchiv, wo erzwungener Leerstand Trostlosigkeit verbreitet, wo "das Gedächtnis der Stadt" in akuter Gefahr ist. Acht große Regale seien unbrauchbar, erklärt Archiv-Chef Norbert Schloßmacher. Eine Begehung des Kulturausschusses vor etwas mehr als einem halben Jahr ergab, dass insgesamt 643 laufende Regalmeter aus Angst vor Wassereinbrüchen nicht belegt, weitere 1771 Regalmeter permanent mit Folie abgedeckt sind.

Das ist auch die aktuelle Situation, wobei die eigentliche Wassersaison erst beginnt: Wenn schneebedeckte Autos in der Stadthausgarage parken, sich Tauwasserpfützen auf dem Asphalt bilden und das Wasser einen Weg ins Archiv findet, das eine Etage unter der Parkzone beheimatet ist, ist Wachsamkeit angesagt. Schloßmacher erzählt von einer "Notfallkette" an Feiertagen und einem Notdienst für die Schließungstage des Stadthauses nach Weihnachten.

Das Städtische Gebäudemanagement (SGB) hat in den vergangenen Jahren für 135 500 Euro Dehnfugen saniert und in den Magazinen abgedichtet. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Nicht nur, dass das seit Anbeginn im Souterrain des 1978 vollendeten Stadthauses untergebrachte Archiv eine krasse Fehlplanung ist: Empfindliches und kostbares Gut in Magazinräumen, durch die auch noch Wasserleitungen laufen, unter einem Parkdeck zu platzieren, würde heute niemand mehr wagen.

Zur Gefahr durch unkontrollierte Wassereinbrüche komme eine nicht funktionierende Klimatechnik, sagt Schloßmacher. Die Standardwerte für Archivalien - 18 Grad Temperatur und 50 Prozent Luftfeuchte - seien kaum einzuhalten. Feuchtigkeit und schwankende Temperaturen sind Gift für Papier-Dokumente und historische Fotos, Bücher und Zeitungsbände. Schimmelbildung und unstabiles Klima belasten auch die Archivmitarbeiter.

Bislang habe man Glück gehabt, sagt der Archivar auch im Hinblick auf den Einsturz des Kölner Historischen Archivs am 3. März 2009 mit einem Schaden in unbezifferbarer Höhe. Aber: "Wir sind hochsensibel." Wie übrigens auch der Kulturausschuss, der schon zweimal in Sachen Schadenssichtung im Archiv unterwegs war.

Das Kölner Trauma hat auch die Bonner Politiker alarmiert. Die Gefahr, dass man Dokumente, die man Jahrhunderte über Krisen- und Kriegszeiten gerettet hat, nun durch einen massiven Wassereinbruch verlieren könnte, ist nicht unrealistisch.

Thema und Gefahr sind nicht neu, auch nicht die Szenarien, wie man das Stadtarchiv sicher unterbringen könnte. City oder Peripherie, Alt- oder Neubau, das sind Kernfragen. Es wird wohl auf eine Mischung aus Alt- und Neubau im Zentrum hinauslaufen. Für Kulturdezernent Martin Schumacher hat der Archivumzug "allerhöchste Priorität", das historische Gedächtnis sei in Gefahr. Zu den Alternativen zählten ein Neubau in der Randbebauung des Stadthauses, das Areal der Poliklinik, das Gebäude Wilhelmstraße nach Auszug der Volkshochschule ins Haus der Bildung, das Viktoriakarree, der Windeckbunker und die Ermekeilkaserne.

Schumachers Favorit ist gegenwärtig die Pestalozzischule unweit des Stadthauses, die nächsten Sommer aufgelöst werden soll. Ideal wäre dieser Ort für den Kulturdezernenten, weil er dort, wie im Kulturkonzept vorgesehen, drei verwandte Institutionen unter einem Dach zu einem Zentrum für Bonner Stadt- und Kulturgeschichte vereinigen könnte: Stadtmuseum, Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus und Archiv.

2013 könnte die Planungsphase beginnen, 2015/16 die Realisierung, zu der auch ein mehrstöckiger Magazin-Neubau zählen würde. 500 000 Euro Planungskosten seien im Haushalt vorgesehen.

Das ist Zukunftsmusik, gegenwärtig hört man eher Dissonanzen. Etwa aus dem angemieteten Archiv-Depot in Dottendorf, das teilweise (800 Regalmeter) auch "Asylarchiv" für die Kölner ist. Seit 2009 ist das Fehlen einer Brandmeldeanlage bekannt, weswegen das Außenlager auch nicht versichert werden kann. Die zu diesem Zweck Jahr für Jahr eingestellten 50 000 Euro werden am Jahresende kassiert. Und dann wieder eingestellt. Schloßmacher: "Das ist Schilda pur."

Stadtarchiv Bonn:
Bestand: 150 000 Bücher, darunter früheste Bonner Drucke aus dem 16. Jahrhundert, 6,5 Millionen Fotos (Abzüge, Negative und Digitalbilder), 13 bis 14 Kilometer Akten seit dem 19. Jahrhundert (zum Vergleich, das Kölner Archiv beherbergte 27 Kilometer Akten). Seit dem Zusammensturz des Historischen Archivs in Köln ist das Bonner Stadtarchiv mit 6000 Besuchern pro Jahr das meistfrequentierte Archiv in NRW.

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