Denkmäler in Beuel

Jutespinnerei ist jetzt Schauspielhalle

Beuel. Knapp 100 Jahre lang war ein Industrieunternehmen in Beuel, genauer Beuel-Ost, der größte industrielle Arbeitgeber in diesem Stadtbezirk: die Jutespinnerei und -weberei in der Siegburger Straße, früher Siegburger Chaussee. Die gesamte Fabrikanlage ist heutzutage sicher besser bekannt als "Schauspielhalle Beuel".

Von einer bewegten Geschichte würden die Fabrikanlagen sprechen, könnten sie denn erzählen. Doch leider sind die Entstehungsgeschichte und der Werdegang dieses Fabrikdenkmals nicht vollständig oder chronologisch aufgezeichnet, hat der Historiker Helmut Vogt festgestellt. So schreibt er: "Die eigentliche Produktionsaufnahme dürfte nach Abschluss der notwendigen Vorarbeiten im Jahr 1869 mit etwa 200 Arbeitern erfolgt sein." Als erste Fabrik in Deutschland verarbeitete sie die aus Indien über Rotterdam angelieferte Jute von der Rohfaser bis zum fertigen Gewebe.

In der Fabrik wurde aus den Jutefasern ein grober Stoff hergestellt und dieser zur Herstellung von Säcken, unter anderem für die Zementfabrik in Ramersdorf, und als Trägermaterial für Linoleumböden verwendet. Nach einem nicht sehr ruhmreichen Zwischenspiel in der Zeit des Nationalsozialismus, Stichwort "Zwangsarbeiter", war rund 100 Jahre später Schluss mit der Jutespinnerei. 1961 wurde die Produktion um 80 Prozent und die Mitarbeiteranzahl von 500 auf 100 reduziert.

Die Herstellung, Verarbeitung und der Vertrieb von Produkten der Textil- und Kunststoffindustrie war ab 1962 der Gegenstand des Unternehmens. So wurden statt Jutesäcke Bodenbeläge aus PVC hergestellt. Im Herbst 1980 kündigte die Dynamit Nobel AG aus Troisdorf, inzwischen Besitzer der Fabrik, die Schließung des Standorts Beuel an. Schließlich erwarb die Stadt Bonn 1981 das Gelände, um die Hallen für das Theater Bonn zu nutzen. Zahlreiche Probebühnen, Werkstätten sowie ein Aufführungssaal wurden in den ehemaligen Fabrikhallen eingerichtet. Nach letzten Meldungen könnte auch das Pantheontheater im kommenden Jahr hier einziehen.

So weit ein kurzer Überblick über die Geschichte. Warum gerade hier diese und weitere Fabriken wie die Tapetenfabrik oder "Marquart's Lager chemischer Utensilien", wie das bereits 1846 gegründete Geschäft damals hieß, gebaut wurden, lässt sich einfach erklären. Das Land war billig, denn es war landwirtschaftlich schlecht nutzbar; der Rhein lag in der Nähe und wurde von Dampfschiffen befahren; die Eisenbahn nach Beuel war im Bau. Außerdem war der Standort Köln vielen Unternehmen zu teuer. Beuel gehörte im 19. Jahrhundert zu den bedeutendsten Industriestandorten im Rheinland.

Betritt man das Gelände der Jutespinnerei, so fällt außer dem Pförtnerhäuschen zur Linken und dem Verwaltungshaus zur Rechten sofort das große Kesselhaus mit dem hohen Schornstein auf, dessen Fenster eher an eine Kirche als an ein Industriegebäude erinnern. Die Backsteingebäude mit ihren geschmückten Ziergiebeln und zum Teil hohen Rundbogenfenstern machen auch heute noch einen imposanten Eindruck. Umrundet man die Gebäude, stellt man immer wieder fest, dass unansehnliche An- und Umbauten die ursprünglichen Werkhallen nicht unbedingt verschönert haben.

Es ist unverständlich, dass der Kampf des Heimat- und Geschichtsvereins Beuel um Anerkennung dieser Fabrikanlage als Denkmal derart lange gedauert hat. Carl Jakob Bachem, der heutige Vorsitzende des Vereins, hat seit den frühen 1980er Jahren einen ganzen Aktenordner nur mit diesem Schriftverkehr gesammelt. Wobei es dem Verein nicht darum ging, das gesamte Areal unter Denkmalschutz zu stellen, sondern lediglich einzelne Gebäude als "Baudenkmal". Erst im Jahr 1988 schloss sich die Bezirksvertretung Beuel dem Antrag an. Doch es dauerte noch bis zum 12. März 1999, bis das schützenswerte "Baudenkmal" in die Denkmalliste aufgenommen wurde.

Unter Denkmalschutz hingegen stehen seit 1984 die Häuser in der Paulusstraße und der Josef-Thiebes-Straße. Diese Wohnhäuser mit kleinen Wohnungen wurden um 1905 von den damaligen Besitzern der Jutespinnerei errichtet, um ihre Arbeiter mit einer wenn auch kleinen Wohnung an das Werk zu binden. Auch ein eigener Werkskindergarten diente dem Zweck der Arbeiterbindung.

Hingegen ist die Direktorenvilla auf der Siegburger Straße gegenüber dem Haupteingang zur Jutefabrik nie unter Denkmalschutz gestellt worden. Ein eigentlich herrliches, großes, altes Haus aus dem 19. Jahrhundert ist hier mit "modernen" Bauelementen so lange "verschönert" worden, bis von der alten Schönheit nichts mehr zu sehen war.

Zum Schluss noch eine Frage: Was hat die Jutespinnerei mit dem Rudersport in Bonn gemeinsam? "Die Engländer, die zu den Anfangszeiten der Jutefabrik die Herren im Haus waren, haben auch das Rudern nach Bonn gebracht", erzählte Helmut Vogt bei einem Rundgang um die alte Jutefabrik beiläufig. Nur die Boote waren schon damals aus Holz und nicht aus Jute gefertigt.