Immer der Körperlinie nach

VHS bietet Aktzeichen-Kurse speziell für Frauen an

Viel Expression bescheinigt die Kursleiterin dem Aktbild von Teilnehmerin Annett de Thier.

Viel Expression bescheinigt die Kursleiterin dem Aktbild von Teilnehmerin Annett de Thier.

Bad Godesberg. Die Volkshochschule bietet Kurse im Aktzeichnen speziell für Frauen an. Viele Teilnehmerinnen sind künstlerische Laien, aber nach Urteil der Kursleiterin sehr begabt.

Im Atelier der Volkshochschule (VHS) sitzt an diesem Samstagmorgen ein Aktmodell. Davor stehen im Halbkreis neun Frauen vor Staffeleien und zeichnen konzentriert den nackten Körper. Mittendrin die Autorin, unsicher mit dem Bleistift hantierend. Seit der Schulzeit habe ich nicht mehr gemalt. Und schon gar nicht Akte. Langsam gewöhne ich mich daran, dass wir alle ganz selbstverständlich unser Bild der komplett Nackten da vorne zu Papier bringen wollen.

Das Modell scheint in Gedanken versunken. Zaghaft wage ich den ersten Bleistiftstrich. Nach und nach erscheint eine Körperkontur auf dem Blatt. Verflixt, wie fange ich jetzt die Beinstellung ein? Den Radiergummi will ich lieber gar nicht erst auspacken. Muss das Modell denn bei meinem allerersten Versuch schon gleich so „kompliziert“ sitzen? Die anderen lachen. „Hauptsache, das Gefühl stimmt“, meint Kursleiterin Ruth Tauchert.

Vom Kohlestift bis zur Aquarellfarbe ist alles vertreten

Die Künstlerin geht von Staffelei zu Staffelei. „Den Kopf müsstest du noch ein wenig anders platzieren“, rät sie der einen. „Trau dich zu sagen: Das ist die Körperlinie“, einer anderen. Drüben streicht eine Kursteilnehmerin hörbar mit Kohlestift übers Blatt. Eine andere hat gleich ihre Aquarellfarben ausgepackt. Eine weitere wählt mutig einen großen Packpapierbogen. Eine Vierte beschränkt sich wie ich aufs kleine Format. Nach und nach erscheint das Modell in neun verschiedenen Variationen auf den Blättern. „Stopp“, sagt die Kursleiterin gerade zu einer Zeichnerin. „Geh mal zurück und betrachte es in Ruhe.“ Gemeinsam fachsimpeln die Frauen, wie die Aktzeichnung noch weiterentwickelt werden könnte.

Nach einer Viertelstunde steht das Modell, eine mehrfache Mutter, auf und lockert erst einmal die Beine. Ich betrachte kritisch mein unvollendetes Werk. Die nächste Pose solle ich doch gleich darüber oder daneben zeichnen, rät mir meine Nachbarin. So hat es drüben auf ihrer Staffelei Victoria Salma gemacht. Nachdenklich zieht sie noch einige Striche nach, gibt sparsam Farbe hinzu. Neben mir holt sich Sabine Dingler schon ein neues, jetzt auch ein großes Blatt. Sie arbeite als Sekretärin und erhoffe sich, ihre Kreativität wieder „aufzumuntern“, sagt sie, während sie die ersten Striche setzt. „Ich habe es zu Hause schon mal mit Wasserfarben versucht. Jetzt will ich hier richtig etwas lernen.“ Der Schutz dieser reinen Frauengruppe sei dafür ideal. „Ich staune, wie locker das Modell bleibt. Wir können konzentriert arbeiten.“ Die Unsicherheit ihres ersten künstlerischen Anlaufs habe sich längst gelegt, meint Dingler.

Das Modell trägt im zweiten Teil Strapse und hochhackige Schuhe

Man habe diesen VHS-Kurs im Aktzeichnen bewusst für Frauen reserviert, verdeutlicht Gabriele Tillmanns, Fachbereichsleiterin Kunst und Kultur. „Da herrscht eine persönliche Atmosphäre.“ Man könne sicher sein, dass im Frauenkurs keine „erotischen Geschichten“ liefen, was ungemein entspannend wirke, ergänzt die Kursleiterin. Wichtig sei auch, dass das Modell ganz bei sich bleiben könne. Nicht das Genaue, das Perfekte stehe im Vordergrund, sondern das Erfassen des Flüchtigen, der Idee. Vorkenntnisse seien nicht erforderlich.

Das Modell hat für die nächste Pose inzwischen Strapse, knallrote Strümpfe und hochhackige Schuhe angezogen und blickt ins Weite. Ich habe zeichnerisch längst das Handtuch geworfen. Vera Klocke-Eickmann, eine gerade pensionierte Schuldezernentin, geht auch dieses Motiv mit frischem Mut an. „Ich staune, wie viel hier im Kurs geht“, meint sie und schraffiert erste Schatten ins Bild hinein. Neben ihr arbeitet Annett de Thier schon mit geübtem Strich, schließlich auch üppig mit Tuschfarbe. Immer wieder geht der Blick der Psychotherapeutin vom Modell zum Blatt. „Die Proportionen von Beinen und Körper stimmen aber nicht“, übt sie Selbstkritik. Kursleiterin Tauchert wiegt den Kopf. „Doch da ist schon unheimlich viel Expression drin. Toll gemacht.“