Verein "Ausbildung statt Abschiebung"

Godesberger Verein hilft jungen Migranten

Im Gespräch: Karin Ahrens und Waseem Doulatzi unterhalten sich in einem Garten in Bad Godesberg.

Im Gespräch: Karin Ahrens und Waseem Doulatzi unterhalten sich in einem Garten in Bad Godesberg.

Bad Godesberg. Seit 2001 kümmert sich der Godesberger Verein Ausbildung statt Abschiebung um Migranten zwischen 14 und 27 Jahren. Mit der Ehrenvorsitzenden Karin Ahrens und dem Afghanen Waseem Doulatzi sprach Ebba Hagenberg-Miliu.

Herr Daulatzai, Sie sind Ende 2011 als 16-jähriger unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Bonn gekommen. Warum sind Sie geflohen?

Waseem Daulatzai: Ja, ich bin als 16-Jähriger am 20. Dezember 2011 nach Bonn gekommen. Mein Vater und mein ältester Bruder haben bei der US-Armee als Übersetzer gearbeitet. Dies galt als Verrat bei den Taliban. Sie bedrohten deshalb meinen Vater, dass ich zum Ausgleich bei den Taliban mitkämpfen müsse, sonst würden sie meinen Bruder umbringen. Mein Bruder floh nach Pakistan und ich nach Deutschland. Ich wollte nicht, aber ich hatte keine andere Wahl.

Wie war es, zuerst in Bonn im Obdachlosenheim und dann im Flüchtlingsheim zu leben?

Daulatzai: Ehrlich gesagt: Es war die schrecklichste Zeit meines Lebens. Nachdem das Jugendamt den Antrag auf Jugendhilfe im April 2012 abgelehnt hat, war ich obdachlos und musste ins Obdachlosenheim in die Sebastianstraße. In einem kleinen Zimmer habe ich dort etwa drei Monate mit einem älteren Mann zusammengelebt. Ich fürchtete mich sehr vor den Betrunkenen. Danach kam ich in ein Flüchtlingsheim in Duisdorf, bis mich Frau Ahrens Ende August herausholte. Auch dort im Flüchtlingsheim habe ich mit einem Mann in einem kleinen Zimmer gewohnt, hatte nur einen kleinen Schrank und ein Bett.

Wie hat der AsA Ihnen geholfen?

Daulatzai: Ich habe durch den Verein einen Schulplatz in einem Berufskolleg erhalten. Aber ich konnte in beiden Unterkünften kaum Schularbeiten machen. Ich war froh, bei AsA lernen zu können, und bekam zusätzlichen Unterricht. Der Verein hat sich um meine Papiere gekümmert, meinen Aufenthaltsstatus und dass ich einen Schulplatz bekam. Sie halfen mir, dass ich soziale Leistungen erhielt, dass ich leben konnte. AsA war meine Familie. Ich hatte sonst keine Unterstützung. Es war eine furchtbare Zeit, ohne meine Familie und ohne eine Unterkunft, ohne deutsche Sprachkenntnisse.

Frau Ahrens, wie haben Sie Waseem Daulatzai kennengelernt?

Karin Ahrens: Ich habe Waseem in seiner schlimmsten Zeit kennengelernt. Ein halbes Jahr vor meiner Pensionierung bat mich die damalige Geschäftsstellenleiterin unseres Vereins, Carmen Martinez-Valdes, die Vormundschaft für Waseem zu übernehmen, da sie sagte, sie sei in seinem Fall am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. Ich habe sofort zugesagt. Ich hatte sicher die nötigen politischen und ausländerrechtlichen Erfahrungen und damit die besten Voraussetzungen, hier helfen zu können. Aber ich habe mich etwas vor dieser Verantwortung gefürchtet. Ich habe mich mit Waseem in der AsA-Geschäftsstelle getroffen. Er sah verzweifelt aus und war sehr schüchtern.

Aber warum wollten Sie ihn unterstützen?

Ahrens: Es brach mir fast das Herz, ihn so zu sehen. Im Februar 2012 wurde ich zu seinem Vormund ernannt, und Mitte September bekam Waseem ein Zimmer in einer Jugendhilfeeinrichtung. Damit wurde er wie jeder andere minderjährige Flüchtling in Bonn betreut.

Wie sah und sieht das praktisch aus?

Ahrens: Die Zeit des Leidens hatte nun ein Ende. Als erstes erhielt er ein Bankkonto, und er konnte zum Arzt gehen. Aufgrund seiner Traumatisierung konnte er nur sehr schlecht essen und nicht schlafen. Ich habe mir die Arbeit mit den Betreuern in der Jugendhilfeeinrichtung geteilt. Ich habe ihn zu allen Ämtern begleitet, aber vor allen Dingen habe ich ihm Sicherheit gegeben. Seine größte Angst war eine Abschiebung nach Afghanistan oder in ein anderes EU-Land. Er hatte immer meinen Wohnungsschlüssel, einfach zur Sicherheit.

Herr Daulatzai, welchen Status haben Sie jetzt?

Daulatzai: Nach einem Asylverfahren bin ich im Juni 2014 als Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt worden. Für einen minderjährigen Flüchtling war das zu der Zeit eine seltene Anerkennung. Seit November 2017 habe ich eine Niederlassungserlaubnis.

Über AsA bekamen Sie eine preiswerte Wohnung, die eine dem Verein AsA verbundene Vermieterin bereitstellte. Welche Ziele haben Sie?

Daulatzai: Mein erstes Ziel ist heute: Ich möchte das Abitur erhalten und danach Betriebswirtschaft studieren. Bisher habe ich seit dem eine abgeschlossene Ausbildung als Einzelhandelskaufmann. Mein größter Wunsch ist es außerdem, endlich auch die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten.

Frau Ahrens, welche Hürden haben Sie beide noch zu überwinden?

Ahrens: Waseem zu überzeugen, dass all seine Wünsche in Erfüllung gehen und ihn zu bestärken, nicht vorher aufzugeben. Er muss jetzt erst im Abendgymnasium in Bonn sein Abitur bestehen. Und danach genug Kraft für sein Studium finden. Seine dritte Hürde: 2020 endlich die deutsche Staatsbürgerschaft samt Urkunde bekommen zu können.

Weitere Infos zum Verein unter www.asa-bonn.org