Abitur in Bonn

Die Privatgymnasien haben die Nase vorn

BONN. Seit September strömen jeden Samstag zahllose Familien von Viertklässlern in Bonns weiterführende Schulen. Warum? Weil für sie in den nächsten Monaten eine entscheidende Weiche gestellt wird: wohin nämlich die weitere Bildungsreise der Kinder gehen wird. Besonders im Visier sind Bonns neun katholische, evangelische und Privatgymnasien.

"Weil wir für unsere Kinder die bestmögliche Förderung bis zum Abitur wünschen. Und weil sie weiter behütet aufwachsen sollen", antwortete am Samstag eine Mutter auf dem Hof der privaten Otto-Kühne-Schule (Pädagogium). Man versuche es zur Sicherheit aber auch in den anderen Privatschulen, verriet ihr Sohn. Ihren Namen wollte die Mutter deshalb auch nicht veröffentlicht sehen, um die Chancen des Sprösslings nicht zu gefährden.

Denn spätestens seit der Vergabe der Zeugnisse des dritten Schuljahrs herrscht in Familien wie dieser helle Aufregung. Wie werden nun schon in den nächsten Wochen die Würfel fallen: zugunsten eines der heiß begehrten Privatgymnasien? Denn in Bonn gilt wie in ganz NRW ein "echtes vorgezogenes Anmeldeverfahren für Schulformen mit Anmeldeüberhängen", sagt Marc Hoffmann fürs Schulamt.

Über die Maßen angefragt sind seit Jahren die fünf städtischen Gesamtschulen, aber eben auch die neun Gymnasien in privater Trägerschaft, die ohnehin nicht an Vorgaben gebunden sind und sich an den Zeitachsen der Gesamtschulen orientieren, so Hoffmann. Das heißt, erst wenn bei beiden Anmeldung und Aufnahme vollständig abgeschlossen sind, darf der Prozess für die weiteren Schulformen beginnen.

Wie das dreigeteilte Anmeldeverfahren in weiterführenden Schulen fürs kommende Schuljahr funktioniert

Regularien 

Also werden in Bonn 1536 von insgesamt 3489 Plätzen an weiterführenden Schulen schon vergeben, bevor die übrigen Schulen überhaupt ins Rennen gehen können. Im Fall der Gymnasien heißt das: Wer ins Privatgymnasium will und vor Weihnachten keine Zusage in der Tasche hat, wird es ab dem neuen Jahr dann bei den städtischen Gymnasien versuchen. Wobei sich natürlich auch zahlreiche Familien bewusst für städtische Gymnasien und Gesamtschulen entscheiden, weil sie deren Angebot als zumindest gleichwertig erachten.

Nichtsdestotrotz ist in diesen Wochen der Andrang auf die 831 Plätze der Privatgymnasien wieder riesengroß. In Bad Godesberg werden allein vier von sechs Gymnasien katholisch, evangelisch und privat getragen. "Wir freuen uns, dass unsere Schule so begehrt ist. Und das ist sie, weil wir jeden Schüler individuell fördern und ihm auf Augenhöhe begegnen", antwortet Päda-Schulleiter Willi Mirgartz auf GA-Anfrage.

Im Onlineprofil charakterisiert sich die Schule der Familie Kühne als Einrichtung, die im Vergleich mit städtischen Gymnasien eine größere Entscheidungsfreiheit habe, pädagogische Ziele auszuschöpfen. Außerdem forciere sie die besondere Leistungsbereitschaft. Das Auswahlverfahren sei natürlich hart, weiß der Schulleiter.

Auftritt des Kindes entscheidet

Entscheidend im sensibel geführten Gespräch sei aber nicht der Auftritt der Eltern, sondern allein der des Kindes. Und die zweifelsfreie Gymnasialempfehlung der Grundschule, so die Homepage. Auch Geschwisterkinder und Kinder von Ehemaligen hätten "einen gewissen Vorrang".

Und wie reagieren die Eltern darauf, dass sie für einen Päda-Platz wie auch bei einigen anderen Privatschulen um eine monatliche "Elternhilfe" gebeten werden? Die beträgt im Päda nach einer straffen Erhöhung immerhin 144 Euro monatlich. Die ganze Schulgemeinschaft sehe die Notwendigkeit, zur gesetzlich vorgegebenen Eigenleistung des Trägers, also 13 Prozent der fortdauernden Ausgaben, beizutragen, antwortet Mirgartz.

 

Für Familien, die den Beitrag nicht ganz aufbrächten, sicherten andere Eltern oder auch anonyme Patenschaften. Was den Bonner Erziehungswissenschaftler Professor Volker Ladenthin trotzdem vor der Gefahr eines "zweigliedrigen Schulsystems" warnen lässt. Mit dem vorgezogenen Anmeldeverfahren für bestimmte Schultypen werde die Gleichheit der Schulen aufgelöst, warnt der Schulexperte.

"Und die staatlichen Schulen dienen dann nur noch der Grundversorgung. In Berlin und Hamburg ist das bereits so. Ob freilich die besonderen Schulen auch besonders gut sind, weiß man noch nicht." Diejenigen, die sich Nachhilfe, lange Schulzeiten und individuelle Unterstützung leisten könnten und bildungsambitionierte Eltern hätten, kämen in diesem System gut zurecht.

Die restlichen Schüler würden "betreut und gefördert" - mehr nicht, mahnt Ladenthin. Das seien dann "Betreuungsfälle" und "Förderkinder". Eine erzwungene, in der Lehrerausbildung und Schulausstattung nicht vorbereitete und nicht genügend mit Geld unterstützte Inklusion werde diese Tendenz noch verstärken.