Reichspogromnacht in Bonn

Zerstörung, Inhaftierung, Tod

Kinder beobachten am 10. November 1938 den Brand der Synagoge am Rheinufer, dort wo heute ein Hotel steht.

BONN. Am 10. November 1938 brannten in der Region viele Synagogen. Friedhöfe wurden geschändet. Jüdische Männer kamen ins KZ. Damals wurden in Bonn und Umgebung mehr als 20 Synagogen verwüstet und in Brand gesteckt.

Es wird auch an diesem Sonntag, 10. November 2013, wieder so sein: Die Polizei wird in der Tempelstraße bewachen. Wie seit ihrer Einweihung 1959, wie jeden Tag, im Prinzip rund um die Uhr. "Wir freuen uns, dass wir diesen Schutz haben. Noch mehr würden wir uns natürlich freuen, wenn dieser Schutz nicht nötig wäre", sagt Margaret Traub, Vorsitzende der Synagogengemeinde, der einzigen jüdischen Gemeinde, die es nach dem Holocaust in Bonn und der Region wieder gibt. Auch 75 Jahre nach dem Novemberpogrom der Nationalsozialisten ist der Polizeischutz nötig. "Wir haben Angst", gesteht Traub.

Genau vor 75 Jahren, am 10. November 1938, stand die Polizei auch vor den Synagogen. Vor den zahlreichen, die es damals in Bonn und Umgebung noch gab. Damals jedoch wachte die Polizei nicht über Leib und Leben jüdischer Bürger. Im Gegenteil. Sie bewachte den von der Reichshauptstadt aus gesteuerten, reichsweiten Pogrom, bei dem allein in der Bonner Region mehr als 20 Synagogen verwüstet und in Brand gesteckt, jüdische Friedhöfe geschändet, Geschäfte und Wohnungen von Juden zerstört sowie jüdische Männer verhaftet und für viele Wochen ins Konzentrationslager gebracht wurden.

Die Gewaltaktionen der zumeist in Zivil erscheinenden SA- und SS-Männer wurden von der nationalsozialistisch gelenkten Presse als spontan 'aufwallender Volkszorn' dargestellt", schreiben Astrid Mehmel und Sandra Seider in der Schrift "Sie brannten am helllichten Tag - Der Novemberpogrom in Bonn".

Doch allein die Tatsache, dass fast alle Synagogen im Deutschen Reich von der Nacht vom 9. auf den 10. November an innerhalb von wenigen Stunden geschändet und in Brand gesteckt wurden, ließ keinen anderen Schluss als den zu, dass der Pogrom von den Nazis bestens vorbereitet war: "Das war eine von der NSDAP schon seit Frühjahr 1938 vorbereitete Aktion, die nicht zuletzt geplant war, um auf jüdische Vermögen zugreifen zu können", schreibt Mehmel, die die Gedenkstätte für die Bonner Opfer des Nationalsozialismus leitet.

Kurz vor der staatlichen Terroraktion hatte der 17-jährige Herschel Grynszpan am 7. November auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, geschossen. Als vom Rath am 9. November seinen Verletzungen erlag, "diente die Tat des verzweifelten Jungen, dessen Eltern kurz zuvor von Hannover nach Polen deportiert worden waren, als Vorwand, um die Deutschen als Opfer einer angeblichen jüdischen Verschwörung darzustellen", so Mehmel.

"Die schlimmste Zeit meines Lebens"

Was folgte, war ein Pogrom, wie es ihn in Deutschland seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hatte. Willy Field, ehemals Wilhelm Hirschfeld (1920-2012), beschrieb den 10. November und seine darauffolgende Inhaftierung mit den Worten: "Das war die schlimmste Zeit meines Lebens." Der junge Bonner ist an jenem Tag auf dem Weg zur Arbeit nach Siegburg. Auf der alten, später im Krieg zerstörten Rheinbrücke sieht er Rauch über der prächtigen Synagoge am Ufer. Und Menschen, die tatenlos dem Brand zusehen.

Zwischen 8 und 9 Uhr ist ein Wagen vorgefahren. Gestapo-Männer sind ausgestiegen, haben Thora-Rollen beschlagnahmt. Kurz darauf dringt eine Handvoll halbuniformierter Männer in die Synagoge ein. Bei dem Versuch, sie in Brand zu setzen, scheitern sie zunächst an den schwer entflammbaren Bänken aus Eichenholz. Gegen halb zwölf mittags wird die Feuerwehr alarmiert. Sie löscht mühelos den Schwelbrand.

Am 10. November zerstörte Synagogen

Hier brannten am 10. November Synagogen in der Regi. Zum vergrößern bitte klicken.

Dann passiert etwas, was auch den letzten ahnungslosen Passanten stutzig machen muss: Peter Reinartz, Bonner Polizeidezernent und SA-Standartenführer, und Peter Schäfer, Leiter der Schutzpolizei, treffen an der Synagoge ein. Letzterer befiehlt der Feuerwehr, sich zurückzuziehen und lediglich die angrenzenden Häuser vor einem möglichen Übergriff der Flammen zu sichern. Dann setzen die SA- und SS-Männer, unterstützt von einzelnen Bürgern, ihr zerstörerisches Werk fort.

Massenflucht nach dem Pogrom

Die Synagoge brannte nieder, "die Leute starrten auf die Flammen - still und ängstlich", schilderte später Marie Kahle, eine der wenigen nicht jüdischen Bonnerinnen, die mit ihrer Familie jüdische Nachbarn nach dem Pogrom tatkräftig unterstützte. Ihre Courage bezahlten die Kahles mit Anfeindungen und Bedrohungen. Am Ende blieb ihnen nur die Flucht nach England. Dorthin rettete sich auch Hirschfeld, der am 10. November verhaftet worden und wie viele andere jüdische Männer für Wochen im KZ Dachau inhaftiert war.

So kommt es nach dem Pogrom zur Massenflucht. Die Pläne der Nazis gehen auf. Auch was die Aneignung jüdischen Eigentums angeht. Für die Schäden des Pogroms müssen die Opfer aufkommen. Viele Juden können nur mit wenigen Habseligkeiten ausreisen. Wirklich sicher sind sie nur in Übersee. Denn mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wird sich bewahrheiten, was Hitler am 30. Januar 1939 androhte: "Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa".

Zwei Freisprüche vor dem Bonner Landgericht

Die Brandstifter, derer die Justiz nach dem Krieg habhaft werden konnte, mussten sich vor Gericht verantworten. So endete 1951 der "Sinziger Synagogenprozess" mit zwei Freisprüchen und drei Verfahrenseinstellungen. Vom Bonner Landgericht wurden zwei mutmaßliche Mittäter "mangels Beweisen" freigesprochen. Sechs Brandstifter erhielten Gefängnisstrafen von bis zu anderthalb Jahren wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

An die vor dem Holocaust jüdische Kultur erinnern in der Region heute Gedenktafeln, Mahnmale und Gedenkstätten. Die Synagogen wurden nach den Bränden 1938/1939 abgerissen. Bis auf ganz wenige Ausnahmen. Im Kreis Ahrweiler sind zwei erhalten, eine in Ahrweiler, eine in Niederzissen. Sie wurden zu Kultur- und Begegnungsstätten umgewandelt.

Die einzige heutzutage als Gotteshaus genutzte Synagoge in der Region ist der Neubau in der Tempelstraße.