Der Boom der Nachhilfe

Wenn der Unterricht nicht mehr ausreicht

26.02.2013 BONN. Viele Schüler nehmen trotz langer Schultage weitere Stunden - vor allem bei Privatlehrern und in Instituten. Professor Volker Ladenthin vom Bonner Zentrum für Lehrerbildung kritisiert diese Entwicklung.

Eine Zufallsumfrage in einer achten Klasse eines Bonner Gymnasiums: Von 26 Schülern erklären zehn, Nachhilfe gehabt zu haben oder teilweise seit Jahren zu bekommen. Ist das eine Folge von G8, oder gab es schon immer viele schwache Schüler? Eine Gymnasiallehrerin, die seit 25 Jahren unterrichtet, sagt: "Seit G8 sind die Schüler vom Notenschnitt nicht schlechter geworden. Aber der Druck ist gestiegen, und wegen des Nachmittagsunterrichts ist die Zeit für schwächere Schüler knapp geworden, intensiver zu üben."

Vor allem für Schüler ohne intensive und finanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus werde die Luft deshalb dünner. Und noch etwas hat sich verändert: Offenbar setzen heute Eltern eher auf Nachhilfeinstitute und Privatlehrer. Die Nachfrage an Nachhilfe durch ältere Schüler ist gesunken. Bei der von der Schülervertretung organisierten Nachhilfe-Börse des Rhein-Sieg-Gymnasiums in Sankt Augustin hat es etwa laut Schulleiter Jürgen Franz in diesem Schuljahr lediglich sieben Anfragen von den rund 1000 Schülern gegeben. "Früher war das deutlich mehr."

Aber auch sein Eindruck ist, dass trotz G8 der Notendurchschnitt der Schüler nicht gesunken ist. Ob dieser durch Nachhilfe gehalten wird, kann Franz nicht beurteilen: "Es ist doch klar, dass Eltern mir als Schulleiter nicht sagen, dass ihr Kind Nachhilfe bekommt."

Dass Eltern und Schüler offenbar lieber auf Institute setzen, zeigt das Beispiel der befragten Klasse. Nur ein Kind erhält nachmittags Unterstützung durch einen Oberstufenschüler, die anderen neun gehen zu Instituten, die ihre Eltern im Internet ausfindig gemacht haben. Zwei bekommen zu Hause Zusatzstunden durch Privatlehrer. "Meine Eltern halten Institute einfach für professioneller", sagt eine Schülerin.

Nachhilfe gibt es tendenziell in mehreren Fächern. Betroffen sind ausschließlich die Hauptfächer. Einige Schüler nehmen Nachhilfe nur vor Klassenarbeiten in Anspruch, um ihre Note zu halten. "Meine Eltern können mir nicht helfen, deshalb lerne ich meistens mit meinem Nachhilfelehrer den Stoff für die Klassenarbeit."

Warum ist so viel Nachhilfe nötig? Der Bedarf sei deshalb so hoch, weil der Stoff ohne zusätzliche Unterstützung nicht sitze, erklären die Schüler. Mittlerweile haben sie 32 bis 34 Wochenstunden. "In der achten und neunten Stunde kann ich mich einfach nicht mehr so gut konzentrieren, dann bekomme ich den Stoff nicht in meinen Kopf rein", sagt einer. Den müsse er später mit privatem Zusatzunterricht nachholen.

Nicht alle Schüler haben Probleme damit. "Wir haben eine Stunde Pause vor dem Nachmittagsunterricht, das reicht, um sich zu erholen. Außerdem bekommen wir dann keine Hausaufgaben."

Ein Problem für G8-Schüler ist auch die Taktung von Klassenarbeiten, Prüfungen, Referaten und Tests. Zwar sind in einer Woche nur zwei Arbeiten erlaubt, oftmals wird dann in den Nebenfächern, insbesondere, wenn die Zeugniskonferenzen nahen, zusätzlich getestet. "Da hat man kaum Zeit, sich dazwischen vernünftig vorzubereiten."

Ortswechsel: Im Bonner Lerninstitut SMS schwitzen ein Wochenende lang zehn angehende Abiturienten über Mathematikaufgaben. "Wir sind keine Durchprügelmaschine, sondern nehmen jeden Schüler mit seinen Anliegen ernst", sagt Institutsleiter Gregor Kowalski leise.

Der ehemalige Gymnasiallehrer hat sich mit seinen Kompakt- und Kursangeboten auf das "Angstfach Mathematik" spezialisiert. Ziel sei es, gemeinsam mit den Jugendlichen den Weg zu nachhaltigem Lernen zu erarbeiten, das dann auch den Schulerfolg verspreche. Daneben berät er Eltern bei Konflikten. "Bei vielen Schülern müssen wir hier den verlorenen roten Faden wiederfinden", flüstert Kowalski. Die jungen Rechner werden ihm nach dem Drei-Tage-Marathon Recht geben. Sie hätte hier in entspannter Atmosphäre alle die Regeln neu erarbeitet, die sie nicht klar im Kopf gehabt habe, berichtet eine Schülerin. "Und ich konnte mal alle doofen Fragen stellen", ergänzt eine andere.

Etwa drei Milliarden Euro jährlich pumpen besorgte Eltern derzeit in den Nachhilfemarkt, hat das Berliner Forschungsinstitut für Bildungs- und Sozialökonomie ermittelt. Tendenz steigend. Nachhilfe werde nicht mehr nur zur Verhinderung von Klassenwiederholungen gebucht, sondern zunehmend zur Leistungsverbesserung bei stärkeren Schülern.

"Wir beobachten seit längerer Zeit eine Zunahme an Angeboten institutionalisierter Nachhilfe", bestätigt auch Professor Volker Ladenthin vom Bonner Zentrum für Lehrerbildung. Die alltägliche Elternarbeit sei da nicht mitgerechnet. "Manche Eltern bezahlen also zweimal für die Bildung, einmal über Steuern, einmal direkt die zusätzliche Nachhilfe." Da Nachhilfe nicht zum Schulsystem gehöre, gebe es keinen Grund für eine staatliche Aufsicht. Es gibt also kein Gütesiegel.

Was leistet die Hilfe? Sie sollte den Lernvorgang dem Schüler anpassen, so Ladenthin. "Nachhilfe gibt Raum für individuelle Nachfragen, für viel Übung. Sie kann extrem unterschiedliche Formen des Lernens erproben und dann die beste auswählen." Gute Nachhilfe entlaste Kinder von der Notenfixierung und gebe mehr Inhaltsorientierung, so Ladenthin. Allerdings verzerre Nachhilfe das Bildungssystem. "Allgemeine Bildung wird plötzlich käuflich. Das war eigentlich nicht die Grundidee eines gleichen Bildungssystems für alle."

Schule brauche Zeit. Durch Schulzeitverkürzung schwäche man die eh schon schwachen Schüler. Wenn dann Mängel nur noch durch kommerzielle Nachhilfe aufgefangen werden könnten, finde eine erhebliche soziale Selektion statt, kritisiert Ladenthin. Für die Schule müsse das heißen: kleine Klassen, individualisierte Lerngruppen, zielgerichtete Förderung, variable Schulzeiten, Inhalts- statt Notenorientierung. "Und insgesamt: weniger messen, mehr unterrichten." Für die Lehrer bedeute das: weniger Verwaltungsaufgaben, mehr echte Unterrichtszeit. Und mehr Zeit für den einzelnen Schüler.

Eine Schülerin in Kowalskis Kurs wartet darauf nicht mehr. "Ich stand 13 Jahre mit Mathe auf dem Kriegsfuß. Jetzt will ich die Abiklausur schaffen."

Zahlen zur Nachhilfe:
Das mit rund 20 Instituten und zahlreichen weiteren Einzelanbietern reiche Angebot an Nachhilfeinstitutionen allein in Bonn steigt. Kürzlich kam das Duden-Institut für Lerntherapie hinzu. Pro Unterrichtsstunde in kleinen Lerngruppen muss bei Franchiseanbietern ab 8,40 Euro gezahlt werden. Spezieller Einzelunterricht bei kleinen Unternehmen gibt's ab 19 Euro in der Stunde. (Doris Pfaff und Ebba Hagenberg-Miliu)