Friedensdemo am 22. Oktober 1983

Allein in Bonn protestierten 500.000 Menschen gegen Nato-Doppelbeschluss

BONN. Am 22. Oktober 1983 demonstrierten bundesweit rund 1,3 Million Menschen in Hamburg, West-Berlin, Bonn und Süddeutschland gegen die Stationierung neuer Atomraketen in Mitteleuropa. Zwischen  Stuttgart und Neu-Ulm, wo die Raketen stationiert werden sollten, bilden Aktivisten eine 108 Kilometer lange Menschenkette. Allein in Bonn demonstrieren an diesem kalten Herbsttag rund eine halbe Million Menschen.

Willy Brandt stand als Redner nicht auf dem Programm. Heinrich Böll natürlich schon. Der Literaturnobelpreisträger hatte schon auf der Demo vor zwei Jahren gesprochen. Ilse Brusis, damals im Vorstand des Gewerkschaftsbundes, später im Kabinett von Johannes Rau, auch. Und Petra Kelly, Friedensaktivistin und Gründungsmitglied der Grünen, für die sie gerade in den Bundestag eingezogen war.

Auf der „Aktionskonferenz“ in einer Kölner Gesamtschule mit weit mehr als 1000 Teilnehmern war zuvor lange debattiert worden, wer überhaupt auf der Hauptbühne im Hofgarten reden durfte, erinnert sich Mani Stenner, damals Sprecher des Bonner Friedensplenums. Der 59-Jährige ist heute Geschäftsführer des Netzwerks Friedenskooperative, der Nachfolgeorganisation des Koordinierungsausschusses der Friedensbewegung, der die „Volksversammlungen für den Frieden“ am 22. Oktober 1983 veranstaltet hatte.

Vor 30 Jahren gingen bundesweit etwa 1,3 Millionen Menschen gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße, mehr als eine halbe Million von ihnen in Bonn. Auch in Hamburg, Berlin und Süddeutschland demonstrierten die Menschen gegen die geplante Stationierung neuer Atomraketen. Zwischen Stuttgart und Neu-Ulm, wo die neuen Atomraketen stationiert werden sollten, bildeten die Rüstungsgegner eine 108 Kilometer lange Menschenkette.

[kein Linktext vorhanden]Die Proteste in Europa konzentrierten sich ausgerechnet in jenem Land, dessen Kanzler sich bei den Westmächten vehement für die Aufrüstung stark gemacht hatte. Für Helmut Schmidt gab es nur eine Antwort auf die Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen, die auf London, Paris und Bonn gerichtet waren: mit der Aufstellung von Pershing II kontern. Darin sahen die Anhänger der Friedensbewegung eine weitere Spirale im Wahnsinn des atomaren Wettrüstens zwischen Ost und West.

Als Brandt dann seine Teilnahme ankündigte, gingen die Koordinatoren der Demonstration zuvor stundenlang seinen Redetext durch, feilschten um jedes Komma, jede Formulierung, erinnert sich Guido Grünewald. Der 61-jährige Historiker ist heute Finanzberater in Köln: „Brandt war die Nervosität vorher schon anzusehen, und als er ans Rednerpult trat, da ging das Pfeifkonzert und der Lärm mit den Fanfaren schon los.“

Doch Brandt ließ sich weder vom Lärm noch von den Transparenten („Willy, hau ab“, „Du Heuchler“) einschüchtern. Zu seinem klaren Nein zur Nachrüstung schob er nicht abgesprochene lobende Worte für die Bundeswehr ein und ein unbedingtes Bekenntnis zur Nato. Brandt: „Sie glauben doch nicht, dass ich hier nicht das sage, was ich für richtig halte.“

>> So berichtete der GA vor 30 Jahren

„Keine Zwischenfälle, Petra Kelly sorgte für Zündstoff“, titelte der General-Anzeiger damals nach der Demonstration, der größten in der deutschen Geschichte. Denn Kelly machte in ihrer Rede klar, dass sie Brandt und der SPD die neu entdeckte Haltung gegen die Stationierung nicht ohne weiteres abnahm. Dabei hatte Jo Leinen, damals einer der Wortführer der Anti-AKW- und Friedensbewegung, seit 1999 EU-Parlamentarier für die SPD, Brandt als Friedensnobelpreisträger angekündigt, als jenen, der am Mahnmal im Warschauer Ghetto auf die Knie gefallen war.

Heinrich Böll sprach mit leiser Stimme und erinnerte an die erste Friedensdemo zwei Jahre zuvor, bei der der eine oder andere SPD-Bundestagsabgeordnete sich verschämt in der Nähe der Rednertribüne herumgedrückt habe, „nur darauf bedacht, ja nicht fotografiert zu werden, weil sie Angst hatten, aus der Partei ausgeschlossen zu werden“. SPD-Bundesgeschäftsführer Peter Glotz saß in der dritten Stuhlreihe und hörte mit finsterer Miene zu, erinnern sich Zeitzeugen. Der Chef der Kommunistischen Partei (DKP) Herbert Mies hatte in der ersten Reihe Platz genommen.

16 Redner, darunter Friedensfrauen aus Italien und Großbritannien, Mitglieder der sandinistischen Befreiungsbewegung Nicaraguas, ein Ex-Admiral aus den USA und der DDR-Geistliche Heino Falcke – doch für Böll kam die wichtigste Rede des Tages von einem unbekannten westfälischen Schuldirektor. Diethelm Gohl hatte die Initiative „Christliche Demokraten für Schritte zur Abrüstung“ gegründet – für Böll ein deutliches Signal, dass auch bei der CDU etwas in Bewegung geraten sei.

Als „friedliches Fest“, so der GA später, verlief an diesem Samstag vor 30 Jahren die Abschlusskundgebung der Aktionswoche der Friedensbewegung in der Bonner Innenstadt. Mit rund 900 Bussen und 50 Sonderzügen waren dazu Nachrüstungsgegner aus allen Himmelsrichtungen in Scharen in die damalige Bundeshauptstadt gereist. „In seinen Randbereichen herrschte beinahe schon Rummelplatzatmosphäre“, erinnern sich Teilnehmer.

Die 7000 eingesetzten Polizisten hatten jedenfalls „nur wenig Arbeit“, zitierte der General-Anzeiger aus einem internen Schreiben des damaligen NRW-Innenministers Herbert Schnoor an Polizeidienststellen. Lediglich einige Punker wurden vorübergehend festgenommen. Schnoor sagte später, die Demo habe gezeigt, „dass Friedensbewegung und Polizei keine Gegner sind“.

Immerhin hatten die Initiatoren schon wochenlang auf diesen großen Tag hingearbeitet und den gewaltfreien Protest etwa im Speicher des Oskar-Romero-Hauses und in der Bonner Rheinaue geübt. Die Aktionen hatten in der damaligen Bundeshauptstadt schon eine Woche vorher mit Veranstaltungen in praktisch allen Stadtbezirken begonnen.

Am Tag vor der großen Demo hatten einige dann die Bonner Hardthöhe und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit blockiert. „Morgens um halb vier trafen wir uns an der Lengsdorfer Kirche“, erinnert sich Stenner. Dann zog man zu den fünf Toren des Verteidigungsministeriums, das die Polizei aber bereits mit Gittern gesichert hatte.

Schon am frühen Morgen des Samstags trafen die ersten „Friedens-Fröstler“ ein. Es ist kalt. Kaffee in Thermoskannen, fliegende Händler witterten ein lukratives Geschäft. Es gab Bio-Würstchen, Fladenbrot („das Geld wird weitergespendet“), aber auch Süßes („Solidarität mit Nicaragua, fresst Amerikaner“). Etliche Protestler bauten sich zu einer menschlichen Blockade rund ums Regierungsviertel auf.

Rund 30.000 Anhänger der Friedensbewegung bildeten sternförmig eine Menschenkette zwischen dem Godesberger Theaterplatz und den Botschaften der Atomwaffenmächte USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich, Indien, Israel, China und Südafrika. Bevor sie gegen Mittag zur zentralen Kundgebung auf die Hofgartenwiese aufbrachen, überreichten Delegationen der Friedensbewegung Vertretern der Botschaften eine Petition. Nur die Franzosen wollten sie nicht annehmen.

Überall Menschenmengen: Auf dem Münsterplatz hatte das Forum Christen und Religionsgemeinschaften eine Bühne aufgebaut, wo unter anderen der Superintendent Joachim Harder aus Jülich sprach, das Frauenforum hatte am Alten Zoll ein Programm vorbereitet. Hier stand die frühere Juso-Bundesvorsitzende Heidemarie Wieczorek-Zeul auf der Rednerliste. Ein Jahr später war sie  Mitglied im SPD-Bundesvorstand.

Ina Deter sang „Neue Männer braucht das Land“, die österreichische Folk-Politrock-Band Schmetterlinge über „Die letzte Welt“. Palästinensergruppen, Mitglieder der Befreiungsbewegung Lateinamerikas und Kabarettist Dietrich Kittner standen auf der Bühne „Antimilitarismus und internationale Solidarität“ auf dem Friedensplatz, auf dem Marktplatz demonstrierten Schüler, Studenten und Wissenschaftler. Der Physiker Hoimar von Ditfurth sprach, Wolf Maahn und die Deserteure rockten. Am Poppelsdorfer Schloss war die Bühne der Gewerkschaften, wo etwa der Bremer Senator Henning Scherf (SPD) redet.

Um fünf vor Zwölf wurde auf allen Bühnen getrommelt. Dann begann die Hauptkundgebung auf dem Hofgarten, die zu den anderen Plätzen übertragen wurde. Demonstranten spielten mit einem blauen Weltball von Joseph Beuys, Soldaten in Uniform rufen „Hopp, hopp, hopp – Atomraketen stopp“.

Fünf Stunden Reden, aber auch Musik. Arlo Guthrie sang „We shall overcome“, Hannes Wader verärgerte zunächst mit langem Bühnenumbau die Menge, sang dann auch, BAP brachte Kölsch-Rock unters Volk, die Dortmunder Folk-Rock-Truppe Cochise singt „Was kann schöner sein auf Erden“, Geier-Sturzflug „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“. Gegen Abend dann die geordnete Abreise der Massen.