Sensationsfund vom 11. November 1954: Der Schatz aus dem Rübenacker

Sensationsfund vom 11. November 1954 : Der Schatz aus dem Rübenacker

Vor 60 Jahren fand Landwirt Heinrich Sonntag den Fritzdorfer Goldbecher aus der Bronzezeit. Bevor der Sensationsfund vom 11. November 1954 bekannt wurde, stand er fast ein halbes Jahr auf dem Küchenschrank von Heinrich Sonntag.

Der Fritzdorfer Landwirt war zufällig auf das wertvolle Gefäß aus der Bronzezeit gestoßen, als er auf einem Acker etwa einen Kilometer südwestlich der Kirche eine Rübenmiete anlegte. Heute steht der Fritzdorfer Goldbecher im Bonner Landesmuseum und dokumentiert in der Dauerausstellung zur Kulturgeschichte des Rheinlands die frühe Besiedlung des Wachtberger Raumes. Das Heimatmuseum Villip besitzt eine Kopie des Schatzes, den Wissenschaftler auf die Zeit 1800 bis 1600 vor Christus datiert haben.

Der Fund kam ans Licht, als Heinrich Sonntag im Frühjahr 1955 einen heimatgeschichtlichen Vortrag des Volksbildungswerks Fritzdorf besuchte. Dabei wurden vor- und frühgeschichtliche Gefäße gezeigt, und der Bauer ließ ganz nebenbei verlauten, so etwas habe er auch schon auf seinem Acker gefunden. Das ließ die Heimatforscher aufhorchen, und sie baten Sonntag, das Fundstück sofort zu holen. Auf den ersten Blick erkannten sie den Wert des zwölf Zentimeter hohen, bauchigen Bechers und brachten ihn den Wissenschaftlern Rafael von Uslar und Adolf Herrnbrodt im Rheinischen Landesmuseum in Bonn.

Wer den Goldbecher in Fritzdorf zurückgelassen hat, das ist bis heute nicht geklärt. Es könnte sich um ein Kultgefäß oder um eine Grabbeigabe handeln. Der Becher war in ein Tongefäß gebettet und scheint ganz bewusst niedergelegt worden zu sein. "Ihn hat niemand zufällig verloren", ist sich Hans Bernd Sonntag sicher.

Der Mitarbeiter der Gemeinde Wachtberg betreibt aus Ortsverbundenheit die Internetseite www.fritzdorfer.de, wo er die Geschichte des Tischlerorts in Bildern zusammenträgt. Zum Fritzdorfer Goldbecher hat er ausführlich recherchiert und geschrieben. "Diese Geschichte hat mich immer fasziniert, nicht nur, weil ich um ganz, ganz viele Ecken mit dem Finder verwandt bin", sagt Hans Bernd Sonntag.

Zurück zu seinem Namensvetter: Heinrich Sonntag stieß vor genau 60 Jahren mit seinem Spaten auf einen harten Gegenstand und dachte zunächst, es handele sich um einen Stein. Als er etwas Glänzendes sah, stach er noch mal in die Erde. Aus den Scherben eines Tongefäßes holte er dann den Becher aus purem Gold hervor. Dass er einen der bedeutsamsten Funde des Rheinlands gemacht hatte, konnte er da noch nicht wissen. Doch er ließ den Becher bei einem Meckenheimer Juwelier auf die Goldwaage legen: 230 Gramm reines Gold lautete das Ergebnis. Das mag auch der Grund gewesen sein, warum der Finder das wertvolle Stück später nicht zur Untersuchung abgeben wollte.

Das Landesmuseum kaufte den Becher schließlich, über die gezahlte Summe ist nichts bekannt. Sie wird aber über dem reinen Goldpreis gelegen haben. Der glückliche Finder konnte mit dem Erlös seinen "Grundbesitz beträchtlich erweitern", heißt es in der Ortschronik. Neffe Leo Schüller wisse nur soviel, dass sein Onkel sich von dem Geld einen Lanz-Traktor, der damals 17 000 D-Mark kostete, gekauft habe.

Die wissenschaftliche Auswertung ergab, dass das Gefäß 12,1 Zentimeter hoch ist, einen Durchmesser von 12,2 Zentimetern hat und tatsächlich nur 221 Gramm schwer ist. Es besteht aus einem Stück dünnem Blech aus 80 Prozent Gold und 20 Prozent Silber mit Kupferanteilen. Der Rand ist mit zwei Reihen kleiner eingepunzter Buckel verziert, die Henkel sind sorgfältig mit Nieten befestigt.

Möglicherweise wurde es mit Honig oder Wein gefüllt. "Vor 3500 Jahren war der Fundort mit Laubwald bedeckt und mit Sicherheit nicht bewohnt", berichtet Chronist Hans Bernd Sonntag. Im gesamten Gemeindegebiet Wachtberg hätten damals höchstens 50 bis 100 Menschen gewohnt. "Die Fundstelle lag 200 bis 300 Meter von der ehemaligen Aachen-Frankfurter Heerstraße entfernt, und man kann davon ausgehen, dass in der Bronzezeit auch schon - wenn auch nur ein kleiner - Weg dort bestanden haben muss."

Der Fritzdorfer Becher gehört zu den ältesten Goldgefäßen des europäischen Raumes. Durch Herstellungsweise, Form und Verzierung ist er eng verwandt mit den goldenen Bechern von Rillaton (Südengland) und Thurgau (Schweiz). Diese sind mit den berühmten Goldgefäßen der mykenischen Zeit identisch, wie sie Archäologe Heinrich Schliemann 1876 in einem der berühmten Schachtgräber von Mykene in Griechenland fand.

Als Trinkgefäß haben die Becher wohl kultisch-religiöse Funktionen besessen. Nach Ansicht der Wissenschaftler deutet die Art, wie der Becher in Fritzdorf in der Erde niedergelegt wurde, darauf hin, dass es sich um ein Weiheopfer für eine Gottheit gehandelt haben könnte. Der Fritzdorfer Goldbecher könnte also bei einem Totenritual verwendet worden sein, das für die ältere Bronzezeit typisch war, fasst Hans Bernd Sonntag zusammen.

Darauf deute eine fast unbedeutende Tatsache im Fundbericht hin. Es werde erwähnt, dass das Gefäß mit schwarzer Erde gefüllt war. "Unglücklicherweise konnte der Inhalt nicht mehr bestimmt werden. Es kann aber vermutet werden, dass es sich um organische Stoffe gehandelt haben könnte", so der Fritzdorfer. Vom Tongefäß, in dem der Becher steckte, wurden nur winzige Scherben geborgen. Die Asche eines Menschen lässt sich heute ebenso wenig wie bei den Grabungen des Landesmuseums 1955 nachweisen.

"Die wahre Geschichte des Goldbechers werden wir vermutlich nie erfahren", sagt Sonntag. Und: "Ohne das uneigennützige Verhalten des Fritzdorfer Landwirts Heinrich Sonntag wäre dieses Stück von wahrhaft europäischem Rang wohl immer verborgen geblieben."