Fußballbundesliga: So funktionieren Blindenreportagen im Stadion

Fußballbundesliga : So funktionieren Blindenreportagen im Stadion

Der Königswinterer Jochem Schlömer und der Bonner Björn Naß reportieren Fußballspiele für blinde Fußballfans live im Stadion. Ihre Reportagen sind mehr als bloße Unterhaltungssendungen.

Es ist Freitag, der 9. September 2016. Auf Schalke steht die Partie gegen den FC Bayern München an. Auf der Pressetribüne sitzt Jochem Schlömer und beobachtet das Spiel. „Hummels stoppt den Ball, nimmt ihn mit und spielt wie so oft mit dem linken Fuß in die Mitte hinein“, sagt er ruhig in ein Mikro. „Naldo hat aufgepasst, gegen Naldo, schön auf Klaas-Jan Huntelaar.“ Seine Stimme wird lauter, genauso wie das Raunen des Publikums im Stadion.

Doch dann: „Ein Foulspiel!“ Die Fans pfeifen vor Wut, Schlömers Stimme überschlägt sich. „Naldo wäre durch gewesen, 24 Meter vor dem Tor und wird abgeräumt. Und es wird die erste gelbe Karte des Spiels geben. Der Übeltäter war Mats Hummels“, sagt er wieder ruhiger. Wer jetzt an klassische Fußballkommentatoren denkt, liegt bei Schlömer knapp daneben. Er berichtet für Blinde im Stadion.

„Wir kommentieren nicht, wir reportieren“, erklärt Björn Naß, der aus Leverkusen berichtet. Sein Königswinterer Kollege Schlömer und er arbeiten ehrenamtlich als Blindenreporter. „Wir möchten den Blinden nicht unsere Meinung aufdrücken. Sondern wir wollen zurücktragen, was wir sehen – und das so ungefiltert wie möglich. Damit die Nutzer sich ihr eigenes Bild machen können.“

Bei der Blindenreportage beschreibt ein Reporter das Spiel detailliert; die sehbehinderten Fans im Stadion können seinen Worten über Kopfhörer lauschen. „Wenn du schweigst, bin ich blind“, hat es einmal ein Stammzuhörer ausgedrückt.

Deswegen gilt für die Reporter: Alles, was man sehen kann, wird übersetzt. „Vor Beginn beschreiben wir, ob das Stadion schon gefüllt ist, wie das Wetter ist, wo sich die Fahnenträger postiert haben, all so etwas. Damit erzeugen wir ein Gesamtbild“, erzählt Schlömer. Zuschauerreaktionen und Fan-Choreografien gehören genauso dazu wie die Aufstellung, Spielerwechsel, Pässe – und natürlich Torschüsse. Aber: „Wenn ein Tor fällt, wird darum gebeten, dass wir den Mund halten, damit die Nutzer die Stimmung miterleben, den Stadionsprecher hören und selbst mitgrölen können“, so Naß.

Die Details müssen stimmen

Ganz wichtig sei die korrekte Aussprache der Spielernamen. Dabei stellen ausländische Vereine eine besondere Herausforderung da. „Sparta Prag zum Beispiel, mit den verschiedenen tschechischen Cs, die habe ich mir vorher von einem Tschechen vorlesen lassen“, erinnert sich Schlömer.

„Teilweise setzt du dich vorher mit Videos hin, um die Spieler zu beobachten“, ergänzt Naß. „Wie groß sie sind, was sie für Schuhe tragen, die Frisur.“ Eben alles, was helfen kann, einen Spieler zu identifizieren, wenn man im Spiel die Rückennummer einmal nicht erkennen kann. „Du musst die Namen auch draufhaben, weil sie den Blinden zur Orientierung auf dem Spielfeld dienen. Wenn der Rechtsverteidiger auf einmal über die linke Seite kommt, weil du die Namen vertauscht hast, merken sie das unmittelbar“, weiß der Bonner.

Obwohl er aus Königswinter kommt, ist Schlömer Schalke-Fan seit er denken kann. Vor drei Jahren kam er eher zufällig über einen Bekannten zum Reportieren. „Es war ein Jugendtraum, Sportreporter zu werden – und dann hat sich die Gelegenheit ergeben, das im Ehrenamt zu machen“, erzählt er. Zwei Mal durfte er hospitieren, beim dritten Mal wurde es ernst, denn ein Kollege hörte auf und Schlömer nahm seinen Platz ein.

Naß gründete Beratungsfirma für Blindenreportagen

Dass ihre Fußballerherzen für unterschiedliche Vereine schlagen – Naß ist trotz seiner Arbeit in Leverkusen eigentlich Fan von Borussia Dortmund – stört die beiden Freude nicht. Naß machte seine ersten fußballerischen Schritte beim SSV Plittersdorf. Zum Blindenreporter wurde er durch einen „gewollten Zufall“. In das erste Blindenreportage-Seminar der Deutschen Fußballiga lud er sich selbst ein. Dort wurden Vertreter aus Leverkusen auf ihn aufmerksam, fünf Wochen später durfte er das erste Mal ans Mikro.

Zuletzt leitete er drei Jahre lang das Zentrum für Sehbehinderten- und Blindenreportagen des Bundesverbandes der Arbeiterwohlfahrt und der Aktion Mensch. Nachdem das Projekt im 2017 auslief, gründete Naß die Bena Consulting GmbH mit – eine Beratungsfirma, die Sportvereinen als Ansprechpartner in Sachen Blindenreportagen dient.

Im Gegensatz zu 90-Minuten-Vollreportagen seien Blindenreportagen keine Unterhaltungssendungen. Sofern überhaupt vorhanden, werde Leerlauf nicht mit Statistiken gefüllt, sondern zum Beispiel mit der Erklärung, warum gerade Stille herrscht. „Zum Beispiel, weil der Ball zum 15. Mal in der Verteidigung hin und her gespielt wird“, sagt Schlömer und ergänzt: „Außerdem sind unsere Reportagen viel sprechintensiver.“ Deswegen werde ein Spiel in der Regel von zwei Reportern begleitet.

Angebot kommt bei Sehbehinderten gut an

Im Schnitt nutzten in der zweiten Liga zehn und in der ersten Liga 20 Menschen pro Spiel das Angebot in den Stadien. „Die Auslastung lag in der Saison 16/17 bei 90 Prozent“, weiß Naß. „Ein Kollege hat mal gesagt: Für viele ist dieser Stadionbesuch eine steile Rutsche. Sie haben Angst herunterzurutschen, weil sie nicht wissen, was unten ist. Durch die Reportage und barrierefreie Stadien wollen wir diese Rutsche abflachen.“

Neben Fußball haben die beiden Events wie den Rosenmontagszug in Bonn für Sehbehinderte reportiert. Und sie können sich gut vorstellen, noch weitere Events zu begleiten oder auch geschäftliche Tagungen. Problematisch sei jedoch, dass Sehbehinderte ihr Interesse an auf sie zugeschnittene Angebote nur selten Kund tun würden. „Erst kommt das Angebot, dann die Nachfrage“, sagt Naß. Letztlich seien Blindenreportagen kein „Massenphänomen“, so Schlömer. „Es wird immer ein Angebot für wenige Nutzer bleiben – aber das ist uns egal. Wenn nur einer zufriedener aus dem Stadion nach Hause geht, ist schon viel gewonnen.“