Tierschutz in Bad Honnef: Nicht jedes Wildtier braucht Hilfe

Tierschutz in Bad Honnef : Nicht jedes Wildtier braucht Hilfe

Wenn Feldhasen, Füchse, Dachse und Marder Nachwuchs haben, herrscht Hochbetrieb im Retscheider Hof in Bad Honnef. Immer öfter bringen Menschen aus Unkenntnis gesunde Wildtierjunge zu Auffangstationen. Dadurch werden sie ihrem natürlichen Lebensraum entrissen - mit fatalen Folgen.

Welches Wildtier braucht Hilfe, welches nicht? Weil immer weniger Menschen diese Frage sicher beantworten können, haben Wildtier-Auffangstationen wie der Retscheider Hof in Bad Honnef immer mehr Wildtiernachwuchs zu versorgen, die eigentlich keine menschliche Hilfe benötigt hätten.

Um dem vorzubeugen, leistet Michael Becker vom Retscheider Hof unermüdlich Aufklärungsarbeit und hofft so, die positive Einstellung von hilfsbereiten Menschen in die richtige Bahn zu leiten. Denn für Wildtiere kann eine nicht notwendige Entnahme aus ihrem Lebensraum fatale Folgen haben. Tierfreunde, die Wildtiere einfach anfassen und gar mit nach Hause nehmen, bringen dadurch nicht nur das Tier, sondern auch sich selbst oder auch das eigene Haustier in Gefahr.

„Verletzte und kranke Wildtiere können kratzen und beißen und auch gefährliche Krankheiten wie aktuell die Staupe übertragen. Die sei zwar für Menschen ungefährlich, aber nicht für Hunde und Katzen. Besonders in diesem Jahr häuften sich die Fälle von Staupe und Räude, die vor allen von Füchsen übertragen werden. Geimpfte Haustiere sind jedoch dagegen geschützt.

Becker ist Rechtsanwalt und unterstützt seine Frau Stefanie Huck, die seit 2009 die private Wildtierauffangstation leitet und jährlich mehr als 100 Tiere aufnimmt, pflegt, großzieht und nach Möglichkeit wieder auswildert. Seit 2014 besteht der Verein Retscheider Hof, um die ehrenamtliche Arbeit besser finanziell unterstützen zu können. Das heißt, der Hof ist auf Spenden angewiesen.

Zu seinen Schützlingen zählen meist Säugetiere wie Marder, Fuchs, Wildkatzen, Wildkaninchen und Feldhasen, Igel, Eichhörnchen, Dachse, auch zunehmend eingewanderte Arten wie Waschbären.

In besonderen Notfällen kommen vorübergehend auch andere Tiere unter, so wie die Ziege von der Autobahn 1, deren Rettung vor einigen Wochen für Schlagzeilen gesorgt hatte. Während bei ausgewachsenen Tieren die Hilfsbedürftigkeit meist offensichtlich ist, ist es bei den Jungtieren nicht ganz so klar. Besonders in diesen Wochen, wenn Wildtiere Nachwuchs haben, besteht die Gefahr, dass sie von Menschen aufgenommen und zur Wildtierstation gebracht werden, obwohl sie putzmunter sind. Sie haben ihr Kinderzimmer eben in der freien Natur.

„Klassisches Beispiel ist der bedrohte Feldhase: Die Jungtiere haben kein Nest, sondern liegen mutterseelenallein in einer Mulde auf dem Acker. Von Natur aus laufen sie bei Gefahr nicht weg, sondern bleiben geduckt liegen“, erklärt Becker. Spaziergänger neigten deshalb dazu, die Tiere einfach einzusammeln, weil sie nicht wissen, dass selbst nur wenige Tage alte Feldhasen so leben. Die Mutter komme immer nur alle paar Stunden zum Säugen. Becker: „Das sollte man einfach wissen.“

Auch Fuchswelpen trauten sich nach ein paar Wochen schon einige Meter allein von ihrem Fuchsbau fort. „Da muss der Mensch nicht eingreifen“, sagt Becker.

Auch Ästlinge, also Jungvögel wie Sperlinge, Meisen oder Amseln, die nun langsam ihre Nester verlassen und noch flugunsicher auf Ästen oder dem Boden sitzen. „Fast immer werden sie dort von ihren Eltern weiter gefüttert.“

Becker wisse zwar, dass viele Menschen deshalb eingreifen, weil sie fürchten, Fressfeinde wie Katzen oder Raubvögel könnten sonst mit solchen Jungtieren leichtes Spiel haben. „Das ist aber von der Natur mit eingeplant und ein natürliches Risiko.“ Nur wenn die Tiere in akuter Gefahr sind und beispielsweise auf einer Straße säßen, sollte der Mensch handeln und einen Vogel etwas weiter weg in einen Strauch setzen und beobachten, ob die Eltern zurückkommen.

Von der Regel, dass die meisten Wildtierjungen keine Hilfe brauchen, gebe es jedoch eine Ausnahme: „Wenn einem ein junges Eichhörnchen nachläuft und die Beine heraufklettert. Das macht es nur, wenn es in Not ist. Dann soll man es warm einpacken und es zur nächsten Wildtierpflegestation bringen“, sagt Becker.

Füchse und andere Wildtiere sollten aber erst mal nicht angefasst werden. „Fast jeder trägt ein Smartphone bei sich und kann ein Foto machen und sich telefonischen Rat holen, beispielsweise beim zuständigen Jagdberechtigten oder einer Wildtierpflegestation. „Die Polizei kann immer angerufen werden und den Kontakt dazu herausgeben“, sagt Becker.

Immer öfter versuchten Menschen, Wildtiernachwuchs selbst aufzuziehen. „Gerade bei Einzelhaltung besteht die Gefahr, dass das Tier seine Scheu verliert und damit nicht zurück in die Freiheit kann.“ Immer öfter hielten sich dann Menschen selbst aufgezogene Füchse und gar Wildschweine. Zwar verlieren sie durch die Einzel- und Handaufzucht ihre Scheu vor dem Menschen, seien aber weiterhin Wildtiere und deshalb unberechenbar. Becker: „Eines Tages wird der Drang nach Freiheit so groß, dass sie nicht mehr zu halten sind.“ Ein aufgezogener Rehbock könne gar gefährlich werden. Ein „zahmer“ Fuchs sei ebenfalls problematisch – auch weil er für Verunsicherung bei den Anwohnern sorge.

Infos unter www.retscheider-hof.de oder im Wildtier-Notfall telefonisch unter (02224) 97690820

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