Ermittlungen im Giftgasangriff: Moskaus Ehrenmänner

Ermittlungen im Giftgasangriff : Moskaus Ehrenmänner

Laut Premierministerin Theresa May gibt es Hinweise darauf, dass die beiden Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU sind. Russland weist trotz neuer Fakten alle Vorwürfe im Fall Skripal zurück.

In der russischen Agentenserie „Die Schlafenden“ kreisen FSB-Beamte auf einer Moskauer Brücke einen ihrer Offiziere ein, der als Spitzel für die CIA gearbeitet hat. Sie bieten ihm an, ihn auszutauschen, wenn er die Bombenleger ausliefert, die bei einer Oppositionsdemo ein Blutbad anrichten wollen.

Der Doppelagent bedauert, er könne nicht helfen. Einer der Geheimdienstler predigt ihm Moral: „Jeder von uns, der die eigene Seite verrät, weiß, dass er den Feind ins Haus lässt, der kommt und seine Familie tötet.“ Am Ende jagt sich der Verräter eine Kugel in den Kopf und stürzt in die Moskwa. Russlands TV-Publikum sieht: Seine Geheimdienstler sind Ehrenmänner, Vaterlandsverräter aber enden böse.

Zurzeit verteidigt die Moskauer Öffentlichkeit heftig die Ehre ihrer Sicherheitsdienste. Am Mittwoch hatten die britischen Behörden Fotos und Namen der zwei mutmaßlichen Attentäter veröffentlicht, die im März im englischen Salisbury den Giftstoffanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia verübten.

Falsche Namen, russische Pässe

Es handelt sich um zwei Russen, Alexander Petrow und Ruslan Boschirow. Laut Premierministerin Theresa May gibt es Hinweise darauf, dass die beiden Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU sind. Die Ermittler gehen davon aus, dass ihre Namen falsch sind, im Gegensatz zu den russischen Pässen, mit denen sie einreisten.

Von seinen wichtigsten Bündnispartnern erhielt Großbritannien Rückendeckung für die Einschätzung, dass die Attentäter russische Agenten waren. Deutschland, Frankreich, die USA, Kanada und Großbritannien veröffentlichten am Donnerstag eine gemeinsame Erklärung dazu.

Russische Offizielle hatten zuvor mit Unverständnis reagiert. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am Donnerstag, er könne nur wiederholen: „Russland ist in keiner Weise beteiligt.“ Was die Briten da vorgelegt hätten, seien „keine Angaben“, erklärte Juri Uschakow, der außenpolitische Berater von Präsident Wladimir Putin, „sondern weiß Gott was.“ Außenamtssprecherin Maria Sacharowa verwies auf die Entdeckung eines russischen Bloggers, dass die Uhrzeit auf zwei verschiedenen Fotos, die die Verdächtigen offenbar in einem Flughafenkorridor zeigen, auf die Sekunde identisch ist.

Russland weißt Verantwortung von sich

Seit März weist Russland jede Verantwortung von sich. Und zahlreiche russische Sicherheitsfachleute und Geheimdienstveteranen unterstützen ihre Regierung mit Versicherungen, eine Teilnahme der vaterländischen Dienste sei ausgeschlossen, weil die Ermordung eines ausgetauschten Agenten ihrem Ehrenkodex widerspreche.

„Diese ungeschriebenen Gesetze wurden fast immer streng eingehalten“, sagt der Oberst a.D. Jan Baranowski der Zeitung „Argumenty Nedeli“. Seit den 60er Jahren bringe man keine Verräter mehr widerrechtlich um, vor allem seien Angriffe auf Familienmitglieder tabu. Skripals ebenfalls in England lebender Sohn Alexander war im Juni 2017 bei einer Reise nach Russland unerwartet an Leberversagen gestorben.

Andere postsowjetische Sicherheitsexperten haben ihre Zweifel am angeblichen russischen Ehrenkodex. Auch Irakli Batiaschwili, früherer georgischer Minister für Staatssicherheit, verbirgt seine Skepsis gegenüber den russischen Kollegen nicht. „Die Traditionen von KGB und GRU wurzeln in einem totalitären, repressiven Regime. Die Abrechnung mit Verrätern gehört dazu.“ Und es sei zu befürchten, dass viele russische Geheimdienstler diese alten Traditionen weiter hochhielten.